Formel 1

Formel-1-Geschichte, Singapur 2008: Crashgate-Skandal um Alonso

Das erste Nachtrennen der F1 in Singapur war ein historisches. Renault sorgte mit Fernando Alonso und Nelson Piquet Jr. für handfesten Manipulationsskandal.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Das erste Nachtrennen der Formel 1 2008 in Singapur wartete mit einem echten Überraschungssieger auf: Fernando Alonso fuhr im unterlegenen Renault R28 sensationell aus den Untiefen des Mittelfeldes zum Sieg. Als vermeintlicher Profiteur einer Safety-Car-Phase wurde der spanische Star gefeiert. Der Triumph entpuppte sich ein Jahr später als einer der größten Skandale der F1-Geschichte.

Mit den Startplätzen 15 und 16 für Alonso und seinen Teamkollegen Nelson Piquet Jr. schien es für Renault zunächst ein aussichtsloser Kampf auf dem engen Marina Bay Circuit zu werden. Eine antizyklische Strategie sollte Alonso mit einem frühen Boxenstopp bessere Chancen auf ein Punkteresultat einräumen. In der zwölften Runde kam der zweimalige Weltmeister als erster Pilot an die Box.

Die Renault-Crew tankte den Boliden des Spaniers randvoll. Keine drei Runden später landete Piquet in Kurve 17 in der Wand. Der Brasilianer verlor beim Herausbeschleunigen das Heck, schlug erst außen an der Mauer an und kam dann auf der gegenüberliegenden Seite zum Stehen. Das Rennen war für ihn an Ort und Stelle beendet. Der Crash zog eine Safety-Car-Phase nach sich. Im Regelbuch der Saison 2008 war verankert, dass die Boxengasse bei einer Neutralisierung geschlossen bleibt.

Alonso profitiert: Vermeintliches Safety-Car-Glück verhilft zum Sieg

Das Safety Car fing also zunächst das ganze Feld ein, bevor die Boxengasse geöffnet wurde. Für Alonso ein vermeintlicher Glücksfall, hatte er doch gerade erst gestoppt. Die Spitze nutzte die Neutralisierung ihrerseits für die ersten Boxenstopps. Alonso kam problemlos an den Stoppern vorbei und fand sich Boxenstopp-bereinigt in Führung wieder. Vor ihm lagen nur noch Autos, die nicht nachgetankt hatten. Mit wenig Sprit an Bord würden sie zunächst kein Hindernis darstellen und sich dann mit ihren Boxenstopps ohnehin nach und nach in Luft auflösen.

Im letzten Renndrittel ging Alonso planmäßig in Führung und fuhr den Sieg sicher nach Hause. "Das erste Podium der Saison und dann auch noch ein Sieg, ich bin überglücklich. Ich kann es gerade gar nicht fassen. Ich denke, ich brauche ein paar Tage um zu realisieren, dass wir dieses Jahr ein Rennen gewonnen haben. Es schien die ganze Saison über unmöglich an die Top-Teams heranzukommen. Hier waren wir am Freitag auf einmal konkurrenzfähig. Klar sind wir hinten gestartet und das erste Safety Car hat mir sehr geholfen, aber ich konnte das Rennen gewinnen", freute sich Alonso auf dem Podium.

Sowohl der damalige Team-Manager Flavio Briatore als auch Technikchef Pat Symonds sprachen von der durch Piquet ausgelösten Safety-Car-Phase von einem glücklichen Zufall. Der Crashpilot selbst bezeichnete seinen Unfall als einfachen Fahrfehler: "Ich hatte viel Graining und es wurde immer schlimmer. Das Team wies mich an zu pushen und ich verlor das Heck." Der eine oder andere im Fahrerlager hegte angesichts dieser Konstellation zwar Zweifel, doch auszusprechen traute es sich niemand. Wann hatte ein Team jemals zuvor auf diese Art und Weise ein Rennen manipuliert?

Flavio Briatore und seine Fahrer zelebrierten den Sieg überschwänglich - Foto: Sutton

2009: Nelson Piquet wird bei Renault gefeuert und packt aus

Alonsos Sieg wurde als Außenseiter-Coup gewertet. Beim darauffolgenden Rennen in Fuji triumphierte der Spanier erneut für Renault. Die beiden Triumphe retteten die Saison sowohl für das Team als auch für den nach seinem einjährigen McLaren-Gastspiel zu Renault zurückgekehrten Alonso. Piquet rettete sein Einsatz die Karriere - zumindest vorübergehend. Der Sohn des dreimaligen Weltmeisters Nelson Piquet behielt durch seinen Einsatz sein Cockpit für 2009.

Nach einer enttäuschenden ersten Saisonhälfte musste er nach dem Großen Preis von Ungarn 2009 dennoch seinen Hut nehmen und das Cockpit für Romain Grosjean räumen. Piquet kritisierte in Folge seiner Entlassung Briatore, doch das war noch nicht alles. Am 30. August 2009 berichtete der brasilianische TV-Sender Rede Globo, dass Piquet den Unfall in Singapur vorsätzlich auf Anweisung von Renault fingiert hatte.

Die FIA leitete daraufhin umgehend eine Untersuchung ein. Am 4. September wurde das Formel-1-Team von Renault erstmals öffentlich der Manipulation des Singapur GP 2008 beschuldigt. Die Verantwortlichen von Renault mussten daraufhin am 21. September in Paris vor Gericht erscheinen. Renault verweigerte jeglichen Kommentar. Im Gegensatz zu Piquet, der sich am 10. September abermals zum Fall äußerte.

FIA spricht Fernando Alonso und Nelson Piquet Jr. frei

Zeitgleich tauchte ein Statement Piquets vom 30. Juli auf, welches er bei der FIA in Paris getätigt hatte. In diesem gab er an, von Briatore und Symonds angewiesen worden zu sein, in einer bestimmten Kurve zu crashen. Alonso wiederum stritt ab, von diesen Plänen etwas gewusst zu haben. Tatsächlich wurde Alonso noch vor der Anhörung Renaults von der FIA von jeglicher Verantwortung freigesprochen. Auch Piquet bezweifelte, dass sein Teamkollege eingeweiht war.

Am 11. September sprach der ehemalige FIA-Präsident Max Mosley auch Piquet Jr. frei, der durch seine Aussagen quasi als Kronzeuge in dem Fall galt. Renault hingegen kündigte am selben Tag an, mit rechtlichen Schritten gegen Piquet und seinen Vater vorzugehen. Das Team und Briatore beschuldigten den Brasilianer, falsche Angaben gemacht zu haben um sich den Weg zurück ins Cockpit zu erpressen.

Piquet antwortete prompt: "Da ich die Wahrheit sage habe ich nichts zu befürchten, weder von Renault noch von Herrn Briatore. Auch wenn mir die Macht und der Einfluss der Beschuldigten bewusst ist, sowie die vielen Möglichkeiten über die sie verfügen, werde ich mich nicht noch einmal zu einer Entscheidung nötigen lassen, die ich bereuen werde."

Nelson Piquet Jr. war seinen Job ein Jahr später trotzdem los - Foto: Sutton

Renault lenkt ein: Briatore und Symonds müssen gehen

Am 16. September gab Renault bekannt, dass man die Beschuldigungen des Motorsportweltrates bei der Anhörung am 21. September nicht anfechten wolle, und dass Briatore und Symonds das Team verlassen haben. Die FIA strengte das Verfahren gegen Renault dennoch weiter an. Gegen Renault wurde eine zweijährige Bewährungsstrafe ausgesprochen.

Sofern sich ein ähnlicher Vorfall innerhalb der nächsten zwei Jahre wiederholt hätte, wäre das Team aus der Formel 1 ausgeschlossen worden. Briatore wurde auf unbestimmte Zeit von sämtlichen FIA-Serien ausgeschlossen. Außerdem wurde Briatores Manager-Karriere beendet, da kein von ihm betreuter Pilot mehr eine Superlizenz erhalten würde. Symonds erhielt eine fünfjährige Sperre.

Briatore wurde am härtesten bestraft, da er trotz erdrückender Beweislast seine Beteiligung an der Aktion vehement abstritt. Symonds wiederum hatte gestanden. Renault verlor durch den Skandal seine Hauptsponsoren ING and Mutua Madrileña, welche beim darauffolgenden Rennen, dem Singapur GP 2009, schon nicht mehr auf den Autos zu sehen waren.

Briatore geht gegen FIA vor: Sperren für ihn und Symonds werden aufgehoben

Während Alonso seinen Sieg behalten durfte und rückwirkend auch keine anderen sportlichen Strafen ausgesprochen wurden, war die Nummer für Briatore und Symonds längst nicht gegessen. Briatore ging am 19. Oktober 2009 rechtlich gegen die FIA vor, um seine Sperre anzufechten. Er bezichtigte die FIA, ein Fehlurteil gefällt zu haben und Formfehler begangen zu haben. Außerdem bemängelte er fehlenden Zugang zu Unterlagen und "Zeuge X".

Bei diesem soll es sich Gerüchten zufolge um den ehemaligen Renault-Renningenieur Alan Permane gehandelt haben, der bei der Planung der Manipulation beteiligt gewesen sein soll, sich jedoch dagegen ausgesprochen hatte. Am 5. Januar 2010 hob das Oberster Französische Gericht die Sperre auf und zahlte Briatore eine Entschädigung in Höhe von 15.000 Euro. Symonds Sperre wurde ebenfalls aufgehoben. Er erhielt 5.000 Euro Entschädigung.

Die FIA ging zunächst noch gegen dieses Urteil vor, einigte sich dann aber später mit Briatore und Symonds. Die beiden Beschuldigten stimmten zu, bis 2013 nicht in der Formel 1 oder einer anderen FIA-Serie tätigt zu sein. Briatore blieb der Königsklasse auch darüber hinaus fern. Symonds kehrte 2013 bei Williams als Technikchef in die Formel 1 zurück, wo er bis Ende 2016 tätigt war.


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