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Formel 1

Rennanalyse: Warum Ferrari am Vettel-Crash nicht unschuldig ist

Sebastian Vettel warf mit seinem Crash den Hockenheim-Sieg weg. Hamilton trieb ihn in den Fehler, aber Ferrari war nicht ganz unschuldig.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - From Hero to Zero in wenigen Runden: Sebastian Vettel erlebte ausgerechnet beim Heimspiel in Hockenheim die wohl bittersten Minuten seiner Formel-1-Karriere. Alles war angerichtet: 72.000 Fans beim endlich mal wieder ausverkauften Deutschland GP, Pole Position und Titelrivale Lewis Hamilton ganz weit hinten.

Hockenheim 2018: Wie teuer kommt Vettel sein Fehler zu stehen?: (06:52 Min.)

Lange sah alles nach den großen Vettel-Festspielen aus, bis nach dem Stopp des Ferrari-Stars erstmals Unmut aufkam. Vettel landete nach seinem Reifenwechsel direkt hinter Teamkollege Kimi Räikkönen, der schon viel früher gestoppt hatte und offensichtlich auf einer anderen Strategie unterwegs war.

Doch Ferrari beließ es zunächst einmal bei der Reihenfolge Räikkönen vor Vettel, obwohl der Deutsche am Funk relativ schnell Stunk machte. "Könnt ihr meine Reifentemperaturen sehen?", funkte er Richtung Ferrari-Kommandostand. Doch es dauerte. 13 Runden musste Vettel hinter Räikkönen bleiben, elf davon fuhr er regelrecht im Getriebe seines Teamkollegen. Erst dann durfte Vettel an Räikkönen vorbei.

Nach den Geschehnissen später wurde über den Vorfall nicht mehr groß gesprochen. Vettel versenkte seinen Boliden in Führung liegend bei einsetzendem Regen in der Sachskurve und schied aus. Drama statt Sommermärchen.

Doch hinter der Situation zwischen Vettel und Räikkönen steckt mehr, als man zunächst meinen könnte. Lesen wir zuerst das Zitat von Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene: "Es wäre für uns an diesem ziemlich belastendem Wochenende wichtig gewesen, den Sieg heimzubringen. Unser Auto hat gezeigt, dass es das konnte."

Ferrari nimmt Vettel nach Hockenheim-Crash nicht in Schutz

Harter Tobak in der PR-Sprache. Statt Vettel nach seinem Fehler in Schutz zu nehmen, stellt der Teamchef ganz klar fest: Der Fahrer ist schuld. Während sich Mercedes am Tag zuvor noch ganz klar vor Lewis Hamilton stellte und seinen Ausritt mit einem technischen Defekt erklärte, machte Ferrari bei Vettel genau das Gegenteil.

Und es steckt noch mehr dahinter: Ferrari ließ Vettel nämlich auch schon im Rennen ins offene Messer laufen. Die Italiener orderten nämlich zu lange keinen Platzwechsel mit Kimi Räikkönen an. Offenbar aus Angst, die Geister der Vergangenheit heraufzubeschwören. Stallorder ist bei Ferrari ein delikates Thema. Ausgerechnet in Hockenheim kam es zum legendären Funkspruch an Felipe Massa, dass Fernando Alonso schneller sei und ob er diese Nachricht verstanden habe.

Schon mehrmals wurde Ferrari unterstellt, man habe Räikkönen benachteiligt. Das wollte man in Hockenheim offenbar um jeden Preis verhindern. Dabei wäre es genau in dieser Situation richtig gewesen, die Positionen zu tauschen. Schließlich fuhren Räikkönen und Vettel auf völlig unterschiedlichen Strategien.

Der Iceman kam schon in Runde 14 zum Reifenwechsel, Vettel erst in Runde 25. Räikkönen lag vor dem Stopp noch auf Rang drei und kam nur durch den extremen Undercut überhaupt an Vettel vorbei. Während Vettel problemlos durchfahren konnte, musste Räikkönen unter normalen Bedingungen noch einmal zum Reifenwechsel kommen.

Mercedes: Ferrari hatte Probleme mit der richtigen Entscheidung

"Ich denke, Ferrari hatte hier Probleme, die richtige Entscheidung zu treffen", meint auch Mercedes Motorsportchef Toto Wolff. Es zählt zu den normalsten Dingen überhaupt, einen Platztausch zwischen Teamkollegen anzuordnen, wenn die auf unterschiedlichen Strategien sind.

Dabei war auch nicht Kimi Räikkönen das Problem. Jock Clear bereitete den Iceman am Funk behutsam auf den Platztausch vor. Als Räikkönen wusste, worauf es hinausläuft, sagte er selbst: "Wenn wir Platz tauschen sollen, dann sagt es mir einfach."

Als Vettel endlich an Räikkönen vorbei war, fuhr er sofort schnellere Rundenzeiten. Offensichtlich also, dass der Deutsche hinter seinem Teamkollegen Zeit verlor. Was aber noch viel schlimmer ist: Vettel ruinierte sich auch die frischen Soft-Reifen. Statt Kapital aus den nagelneuen Reifen schlagen zu können, fuhr der bis dato WM-Führende elf Runden lang in verwirbelter Luft.

Als dann der Regen einsetzte und Lewis Hamilton mit seinen frischen Ultrasoft-Reifen Druck machte, patzte Vettel. Sicherlich war es Vettels Fehler und ganz klar machte Hamilton mit seiner unglaublichen Pace Druck, doch Vettel hätte sich zu dieser Zeit auch in einer deutlich angenehmeren Situation befinden können.

Hätte er weniger Zeit hinter Räikkönen verloren, wäre Hamilton gar nicht erst so nahe an Vettel rangekommen. Dazu wären seine Reifen auch noch in deutlich besserem Zustand gewesen. Insofern muss sich auch Ferrari selbst kritisch fragen, warum man es dem eigenen Piloten hier so schwer gemacht hat.


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