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Formel 1

Mercedes F1 W09 im Technik-Check: Evolution de luxe

Der 2018er Formel-1-Bolide von Mercedes ist da. Der F1 W09 unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von seinem Vorgänger - aber stimmt das wirklich?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Der neue Mercedes für die Formel-1-Saison 2018 ist da. Der neue F1 W09 EQ Power+ wurde bei seinem Rollout in Silverstone vorgestellt. So ganz wollte der Silberpfeil noch nicht, bei der ersten Ausfahrt ging direkt vor der Garage der Motor aus. Beim erneuten Versuch eine Stunde später lief dann alles rund.

Viele waren vom ersten Anblick des 2018er Mercedes etwas enttäuscht, sieht der Silberpfeil seinem Vorgänger doch zum Verwechseln ähnlich. Tatsächlich macht auch Mercedes keinen Hehl daraus, dass es sich beim F1 W09 nicht um eine Revolution, sondern eine Evolution handelt.

"Der W08 war das schnellste Auto im Feld. Er erzielte im vergangenen Jahr die meisten Pole Positions und die meisten Siege. Deshalb gingen wir sehr vorsichtig vor, um nicht die vielen Stärken des Autos zu verlieren, nur um dessen Schwächen zu beheben", erklärt Motorsportchef Toto Wolff.

Mercedes musste Ressourcen aufteilen

Dass Mercedes das Konzept nicht über den Haufen warf, hat auch einen ganz praktischen Grund: Die Ingenieure in Brackley entwickelten den F1 W08 bis zum Ende, weil sich der WM-Kampf gegen Ferrari zuspitzte. "Deshalb mussten wir für einen großen Teil des Jahres den Balanceakt wagen, die letztjährige Weltmeisterschaft zu gewinnen und gleichzeitig probieren, nicht ein Loch mit einem anderen zu stopfen", verrät Technik-Direktor James Allison.

"Wir haben dabei versucht, dass alle Änderungen am letztjährigen Auto nicht nur unsere Titelchancen 2017 verbessern, sondern auch die Performance für das neue Auto voranbringen", so Allison. Entsprechend konnte Mercedes das Konzept des neuen Boliden gar nicht ändern, schließlich hätten dann die Upgrades aus 2017 weniger Sinn gemacht.

Radstand bleibt gleich: Mercedes-Limousine in der Formel 1

So verwundert es nicht, dass sich der Radstand des Mercedes F1 W09 im Vergleich zu seinem Vorgänger nicht verändert hat. Der Silberpfeil war das längste Auto im Feld. Viele vermuteten, Mercedes würde den Radstand verringern, weil man sich auf langsamen Strecken wie Monaco oder Budapest extrem schwer tat.

"Wenn man eine Entscheidung von einem Jahr aufs nächste fällt, versucht man immer, Dinge auszumerzen, die man als Schwächen seines Autos ansieht. Gleichzeitig möchte man aber natürlich die Stärken behalten. Unser letztjähriger Radstand brachte uns im Verlauf der Saison einen Vorteil, deshalb behalten wir diese Stärken in diesem Jahr bei", erklärt Allison.

Ein weiteres konzeptionelles Element ist die Neigung des Autos, also wie sehr die Bodenfreiheit von vorne nach hinten ansteigt. Bei einer extremen Neigung erzeugt das gesamte Auto eine Diffusor-Wirkung und generiert somit Abtrieb. Allerdings kostet das gleichzeitig aeordynamische Effizienz. An der Neigung legte Mercedes Hand an. Allison relativiert: "Aber wahrscheinlich nicht genug, dass man es mit bloßem Auge erkennen kann."

Mercedes F1 W09 keine Diva mehr?

Die Frage aller Fragen lautet aber: Legt der F1 W09 die Schwächen des F1 W08 ab? Teilweise brachte der 2017er Silberpfeil Mercedes zur Verzweiflung, Toto Wolff bezeichnete ihn deshalb als 'Diva'. "Im vergangenen Jahr mussten wir einige Dinge tun, die nicht ganz logisch waren", gesteht Technik-Chef Allison. "Deshalb haben wir in diesem Jahr versucht, ein Auto zu bauen, das sich etwas normaler verhält."

Das dürfte vor allem die nicht sichtbaren Bereiche betreffen, allen voran die Aufhängungen. Große Änderungen an der Kinematik lassen sich nicht erkennen. Mercedes hängt die oberen Querlenker an der Vorderachse wieder über einen Bügel an den Radträger.

Der Übergang von Nase zu Chassis ist nun etwas hübscher - Foto: Sutton

Bei der Nase setzt Mercedes als einziges Team auf die ästhetische Lösung ohne Knoll. Die Nase bleibt schmal wie nach dem Update 2017 in Barcelona, auch die Schneeschaufel bleibt. Allerdings ist der Übergang zur A-A-Sektion des Chassis eleganter, der Knick nicht mehr so extrem. Außerdem verdeckt der obere Querlenker den Übergang etwas.

An den Aero-Elementen rund um die Bremsbelüftung gibt es ein paar Detailänderungen, genauso an den Bargeboards. Am Seitenkasten hingegen gibt es eine größere Änderung: Die Oberseite verläuft nun Gerade, was gut an der Öffnung zu erkennen ist. Die Fläche ist nun eben, das horizontale Leitblech über dem Seitenkasten verläuft deshalb parallel.

Neue Airbox: Zeichen des neuen Mercedes-Motors?

Die Airbox hat zwar noch immer eine ähnliche Form, allerdings beinhaltet sie nun vier verschiedene Kanäle statt wie bisher drei. Das lässt auf eine veränderte Anordnung unter der Haube schließen, schließlich stand auch die Denkfabrik Mercedes HPP von Andy Cowell in Brixworth nicht still.

Das Karbonkleid sitzt nun enger am Heck - Foto: Sutton

Detailaufnahmen vom Heck gibt es leider noch nicht, doch etwas konnte man doch erkennen: Mercedes verzichtet nicht ganz auf den T-Flügel. An der Strebe zwischen Heckflügel und Chassis hängt noch ein kleines Element, das nun fast eine Mischung aus Monkey Seat und T-Flügel ist.

Interessanter aber: Die Motorabdeckung spannt sich viel enger um den Auspuff als im vergangenen Jahr. Das zentrale Auspuffrohr wird so eng eingekesselt, dass die beiden Wastegate-Pipes separat austreten.

"Das Design ist generell viel eleganter als im letzten Jahr", meint James Allison. "Im vergangenen Jahr waren die Regeln brandneu und wir waren uns nicht ganz sicher, in welche Richtung sie uns führen würden. Deshalb besaß das letztjährige Auto etwas Spielraum, um gegebenenfalls Dinge anpassen zu können, sollten wir zu dem Schluss kommen, dass wir bestimmte Aspekte des Autos ändern mussten. In diesem Jahr waren wir etwas zuversichtlicher und konnten uns dadurch bestimmten Konzepten besser verschreiben. Die Bauform ist kompakter und wir schlugen extremere Wege ein."

Technische Daten Mercedes F1 W09 EQ Power+

Chassis Mercedes Eigenentwicklung, Karbon-Monocoque mit Aluminium-Wabenkern
Vorderradaufhängung Karbon-Querlenker, Pushrod-Aufhängung
Hinterradaufhängung Karbon-Querlenker, Pullrod-Aufhängung
Bremsen Brembo Karbon-Bremsen
Breite 2,00 Meter
Höhe 0,95 Meter
Gewicht 733 kg (inkl. Fahrer und Schmierstoffe, exkl. Benzin)
Getriebe Mercedes HPP Eigenentwicklung, sequentielles Getriebe mit 8 Vorwärtsgängen + Rückwärtsgang, Karbon-Gehäuse

Technische Daten Mercedes Motor

Bauart
Zylinder 6
Zylinderwinkel 90 Grad
Hubraum 1600 ccm
Bohrung 80 mm
Max. Drehzahl 15.000 U/min
Benzinfluss Max 100 kg/h ab 12.000 U/min
Benzin/Schmiermittel Petronas
Aufladung Single-Turbo mit Elektro-Motor (MGU-H)
Energierückgewinnung
Kinetisch (MGU-K) Motor-Generator-Einheit an Kurbelwelle, max. 50.000 U/min
Thermisch (MGU-H) Motor-Generator-Einheit an Turbolader, max. 125.000 U/min
Leistung
Verbrennungsmotor über 700 PS
MGU-K 163 PS
Systemleisung über 950 PS
Gewicht
Gewicht 145 kg (inkl. Batterie)
Gewicht Batterie 20 - 25 kg

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