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Formel 1 Japan Analyse: Hamilton-Sieg dank Mercedes-Teamorder?

Lewis Hamilton gewann in Japan knapp vor Max Verstappen. Mercedes machte für den Triumph Gebrauch von der Teamorder. Doch wie viel brachte sie wirklich?
von Florian Becker
Bottas hilft Hamilton gegen Verstappen in Japan: War das fair?: (02:25 Min.)

Lewis Hamiltons großer Gegner beim Japan GP 2017 hieß Max Verstappen. Der Red-Bull-Pilot nahm statt Sebastian Vettel die Verfolgung des Mercedes auf, nachdem dessen Ferrari früh den Geist aufgab. Obwohl Hamilton das Rennen unter Kontrolle zu haben schien, musste er sich mehrmals Verstappens Attacken zur Wehr setzen. Mercedes nahm deshalb eine Chance wahr, um Valtteri Bottas zwecks Stallregie einzusetzen. Doch brachte dieser Schachzug tatsächlich den entscheidenden Vorteil?

In der Anfangsphase schien Hamilton das Rennen noch relativ komfortabel kontrollieren zu können. Nach dem Ende der durch Carlos Sainz verursachten Safety-Car-Phase in Runde vier, zog der Brite Verstappen zunächst davon. Trotz einer weiteren VSC-Phase zwischen den Runden neun und elf, blieb der Vorsprung konstant zwischen vier und fünf Sekunden. Ein Abstand mit dem Hamilton beim Verwalten der Führung häufig arbeitet.

"Er hat das Rennen vom Start bis ins Ziel kontrolliert und Reifen und Motor nie mehr abverlangt, als notwendig war", so die Worte von Mercedes-Teamchef Toto Wolff nach dem Grand Prix. Trotz der scheinbar kontrollierten Führungsarbeit gelang es Verstappen, nach den Boxenstopps wieder den Anschluss an Hamilton herzustellen. In Runde 20 lag er noch 5,043 Sekunden hinter Hamilton.

Red Bull holte den Niederländer in der darauffolgenden Runde zuerst an die Box. Mit 2,29 Sekunden legte die Crew beim Reifenwechsel die schnellste Zeit des Rennens hin. Die Mercedes-Strategen reagierten und riefen Hamilton in Runde 23 an die Box. Der Stopp dauerte mit 2,33 Sekunden nur unerheblich länger als beim Gegner. In der darauffolgenden Runde lag Hamilton trotzdem nur noch 1,867 Sekunden vor Verstappen.

Auf seiner In-Lap war Hamilton mit 1:38.151 gegenüber 1:38.366 Minuten noch einen Hauch schneller. Auf der Out-Lap hingegen nahm ihm Verstappen 1,641 Sekunden ab. Dazu kam, dass Verstappen in Runde 23, während sich Hamilton auf der ohnehin schon langsameren Out-Lap befand, seine frischen Soft-Reifen nutzte und mit 1:33.813 Minuten ganze zwei Sekunden schneller fuhr, als es zuvor auf den gebrauchten Supersofts der Fall war.

Verstappen ist an Hamilton dran: Mercedes bringt Bottas ins Spiel

Auf frischen Reifen lief das Duo in Runde 25 auf Valtteri Bottas auf, der noch nicht gestoppt hatte. Der Mercedes-Kommandostand ließ die beiden Silberpfeile zunächst frei fahren. In Runde 28 nutzten die Strategen dann doch die Gunst der Stunde: Beim Anbremsen auf die letzte Schikane ließ Bottas den Teamkollegen passieren und klemmte sich zwischen diesen und Verstappen. Dort blieb der Finne für zwei Runden, bis er zu seinem Boxenstopp abbog.

Der Plan von Mercedes ging auf. Verstappen lag danach dreieinhalb Sekunden hinter Hamilton und war nicht mehr in Schlagdistanz. "Das geht in Ordnung. Lewis kämpft um die Meisterschaft. Er will das Rennen gewinnen, ich mache ihm Druck. Warum solltest du dann nicht die Positionen tauschen?", zeigte der Niederländer Verständnis für die Mercedes-Strategie.

Er hatte außerdem nicht erwartet, dass Bottas so früh abbiegen würde. "Ich würde genau dasselbe machen. Ich würde mich sogar noch mehr aufhalten", so Verstappen. Bei Mercedes empfand man das taktische Vorgehen ebenfalls als moderat. "Er war gleich darauf an der Box. Ich sehe da überhaupt kein Foulspiel", so Wolff. Der Österreicher glaubte sogar, dass sein Team zu spät reagiert habe.

"Ich denke, wir haben in der Situation mit Lewis sogar noch mehr verloren, als Verstappen", glaubte Wolff. "Wir haben es etwas laufen lassen und waren in der Situation zu zögerlich." Er ist davon überzeugt, dass Hamilton zu lange hinter Bottas anstand. "Lewis hat hinter Valtteri ziemlich an Grip verloren und dann entschieden wir, die Positionen zu tauschen und Valtteri schob sich dazwischen."

Tatsächlich hing Hamilton knappe drei Runden in Bottas' Getriebe. Der Finne war mit niedrigen bis mittleren 1:35er-Zeiten unterwegs. Hamilton fuhr auf seinen ersten Runden nach dem Boxenstopp in etwa eine Sekunde pro Runde schneller, bis er auf den Teamkollegen auflief. In Runde 28, als de Platztausch vollzogen wurde, war Bottas mit 1:37.095 Minuten zwei Sekunden langsamer als auf der Runde zuvor.

Hamilton konnte seine Pace daraufhin wieder anziehen, Verstappen ging die Zeiten jedoch mit. "Ich denke, er war etwas schneller. Aber ich war in der Lage, seine Rundenzeiten zu parieren", erklärte Rennsieger Hamilton. Der Mercedes-Pilot schien den Abstand danach wie schon zu Rennbeginn kontrollieren zu können. Verstappen gelang es nicht, auf unter zwei Sekunden an den Führenden heranzukommen.

Blockade durch Alonso und Massa: Für Verstappen nicht kriegsentscheidend

Die letzte VSC-Phase in den Runden 48 und 49 brachte den Red Bull dann in den Schlussrunden aber noch einmal in Schlagdistanz. "Bei der VSC-Phase zum Schluss haben wir viel Reifentemperatur verloren und sie wieder aufzuwecken war nicht ganz einfach", so Hamilton, der in der 51. Runden nur noch 1,150 Sekunden vor Verstappen lag. In den Umläufen 50 und 51 war Hamilton zwei beziehungsweise anderthalb Sekunden langsamer.

Dafür, dass Verstappen noch einmal so gefährlich nah herankam, waren allerdings nicht alleine die Reifen Hamiltons verantwortlich. In der 51. Runde stand auch Fernando Alonso im McLaren zur Überrundung an. Der Spanier reagierte jedoch nicht. "Ich bekam Verkehr und steckte hinter Fernando und Massa fest. Ich verlor einfach so viel Zeit", sagte Hamilton. Erst in Runde 52 ließ er den Führenden in der Haarnadel im Mittelsektor vorbei. Verstappen war daraufhin sogar im DRS-Fenster, als es in die letzte Runde ging.

In dieser profitierte Hamilton dann von Felipe Massa. Der Brasilianer reagierte sofort auf die ihm gezeigten blauen Flaggen und ließ den Mercedes vorbei. Verstappen hatte dahinter weniger Glück. Er hing den ganzen ersten Sektor hinter dem Williams fest. War er bei der letzten Überfahrt auf Start- und Ziel noch auf 0,808 Sekunden dran, verlor er alleine im ersten Streckenabschnitt eine Sekunde. Hamilton fuhr eine Zeit von 33,835 Sekunden, Verstappen lag bei 34,959 Sekunden.

Der geschlagene Red-Bull-Pilot sah jedoch nicht, dass Alonso und Massa eine finale Attacke verhindert haben. "Es hat nicht geholfen. Aber letztendlich denke ich, dass ich Lewis sowieso nicht überholt hätte, denn es wäre sehr schwierig gewesen, wenn er freie Fahrt hatte. Es war mehr so, dass ich nur zu Lewis aufschließen konnte, weil er aufgehalten wurde. In der Situation hätte ich vielleicht etwas versuchen können. Aber als er an ihnen vorbei war, war die Sache durch", so Verstappen.


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