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Formel-1-Analyse: Mercedes bezwingt Singapur-Angst - Die Gründe

Mercedes schlägt auf seiner Angststrecke Singapur die F1-Konkurrenz von Ferrari und Red Bull. Warum nicht nur der der Vettel-Crash verantwortlich ist.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Der Große Preis von Singapur wird in jedem Rückblick auf die Formel-1-Saison 2017 sicherlich eine prominente Rolle einnehmen. Das allerdings nicht wegen eines so spannenden Duells um den Sieg. Stattdessen wegen des dramatischen Crashs von Sebastian Vettel, Max Verstappen und Kimi Räikkönen in der Regen-Gischt gleich am Start des Rennens. Gleich zwei Faktoren nähren diese Dramatik.

Zum Ersten natürlich der Unfall selbst. Immerhin hatte Vettel den noch nach dem Qualifying rückblickend fast verschrien. "Ich gehe den Start nicht anders an, weil ich nicht glaube, dass irgendjemand in der Startaufstellung die Absicht hat, das Rennen in der ersten Kurve zu beenden", sagte Vettel Motorsport-Magazin.com.

Zum Zweiten die gravierenden Folgen für den WM-Kampf. Eigentlich schien spätestens nach dem Qualifying alles klar: Mercedes würde in Singapur erneut seine schwächste Performance der Saison abliefern, hatten sich Lewis Hamilton und Valtteri Bottas beiden Ferrari und Red Bull klar geschlagen geben müssen. Auch auf den Longruns am Freitag bestachen Rot und Blau mehr als Silber. Mehr als Schadensbegrenzung erwartete bei Mercedes niemand mehr. Es kam anders.

"Dass es jetzt genau in die andere Richtung gelaufen ist, ist ein Schock", sagte Hamilton nach seinem unverhofften Sieg. Ein Ergebnis, das den Briten nun nicht die gerade erst in Monza eroberte WM-Führung kostete, sondern Hamilton ganz im Gegenteil den größten Vorsprung der gesamten F1-Saison 2017 bescherte. 28 Punkte Vorsprung hatte auch Sebastian Vettel nie herausgefahren.

Doch wie genau gelang es Mercedes, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, das Angstrennen Singapur doch noch zu gewinnen? Na klar, weil sich alle Konkurrenten gleich am Start abgeräumt hatten, möchte man meinen. Falsch. Es gab gleich mehrere Faktoren - nicht nur den Startunfall allein. Das belegt schon allein ein Fakt: Mit Daniel Ricciardo war noch immer ein vermeintlich übermächtiger Gegner im Rennen. Warum es für Mercedes dennoch reichte, zeigt die Rennanalyse von Motorsport-Magazin.com:

Mercedes' Singapur-Siegfaktor 1: Der Start-Crash

Dennoch: Der ganz große Gamechanger in Singapur war natürlich der Startunfall. Vettel zog nach einem mittelprächtigen Start massiv nach Links, um Verstappen den Weg abzuschneiden. Der musste ausweichen und krachte in Räikkönen, der den von allen mit Abstand besten Start erwischt hatte. Es folgte eine Kettenreaktion, bei der Räikkönens Ferrari erst in den seines Teamkollegen krachte, dann nochmals in den Red Bull. Das Aus für alle drei.

Hätte der Crash - von den Stewards als Rennunfall zu den Akten gelegt - verhindert, Lewis Hamilton somit das Leben erheblich erschwert werden können? Wenn, dann nur von Vettel. Einzig der Deutsche hatte überhaupt den nötigen Platz für ein Ausweichmanöver, Verstappen war im Sandwich, Räikkönen an der Mauer. Das ist Fakt. "Ich denke nicht, dass es ein Rennunfall war. Die Schuldfrage muss man den beiden Ferrari stellen", meinte Verstappen. Vettel sei viel zu aggressiv nach herübergezogen, auch Räikkönen habe sich leicht auf ihn zu bewegt.

Räikkönen sieht zumindest Letzteres anders: "Ich denke nicht, dass ich wirklich etwas hätte anders machen können, um es zu verhindern - abgesehen davon, einen schlechten Start hinzulegen und nicht dort zu sein." Vettel indessen verteidigte sich, er habe Räikkönen hinter Verstappen nicht gesehen: "Ich habe erst gesehen, dass Kimis Auto da war, als es den Schlag schon gegeben hatte." Für Jacques Villeneuve kein Argument. "Spielt keine Rolle. Es ist egal, ob er Kimi sehen konnte oder nicht", winkt der Weltmeister von 1997 auf bei Motorsport-Magazin.com ab. "Du ziehst nicht einfach so rüber, das geht einfach nicht."

Vettels Singapur-Crash: Wer trägt die Schuld?: (03:38 Min.)

Schuldfrage hin oder her, das Resultat blieb dasselbe: Mercedes lachte sich ins Fäustchen, der Weg zum Sieg war frei. Demm: Hamilton hatte am Start auch noch Daniel Ricciardo stehen lassen, führte trotz Startplatz fünf bereits in Kurve eins. "Bis zum Sonntag war es ein schwieriges Wochenende, aber die Art und Weise, wie uns der Vorfall in der ersten Kurve in die Karten gespielt hat, gab uns einen großen Schub", sagte James Allison. Das sei schon eine gehörige Portion Glück gewesen, so der Technische Direktor von Mercedes.

Geht es nach Hamilton nicht nur Glück. "Ich weiß nicht, ob es vielleicht Karma (für Baku, Anm. d. Red.) ist, aber was es auch immer ist, ich nehme es mit", spielt Hamilton auf Vettels Rammstoß gegen den Briten an. Noch dazu gelinge es ihm, stets das genau richtige Maß an Aggression und Vorsicht zu finden, so Hamilton.

Mercedes' Singapur-Siegfaktor 2: Das erste Regen-Nachtrennen

Gleich nach dem Unfall reiht sich eine scheinbare Banalität als zweiter Schlüssel zum Mercedes-Sieg in Singapur ein: das Wetter. Zum ersten Mal überhaupt wurde das Nachtrennen in Singapur im Regen gestartet, das halbe Feld startete nicht einmal auf Intermediates, sondern den Regenreifen. Mit dem Regen kam ein Temperaturumschwung, deutlich kühler als im Training und Qualifying präsentierte sich der Asphalt des Marina Bay Street Circuits am Rennsonntag.

Und genau das war mit Blick auf das Kräfteverhältnis alles andere als banal, sondern Auslöser einer Trendwende. "Es war eine Erleichterung, zu sehen, dass wir eine gute Rennpace hatten, die unser Glück (mit dem Startunfall, Anm. d. Red.) rechtfertigte", richtete Technikchef Allison aus. "Wir mussten das Beste aus der Gelegenheit machen, die sich uns bot - und dabei waren wir besser als ein sehr schneller Red Bull. Lewis schlug sich brillant", ergänzte Wolff.

Tatsächlich rieben sich nicht wenige die Augen, wie Lewis Hamilton Daniel Ricciardo scheinbar spielerisch auf und davon zog. Fünf Sekunden brummte der Brite dem Australien in den sechs Runden zwischen erstem und zweitem Safety Car auf. "Daniel ist eine Messlatte, in Singapur, im Red Bull. Und wir konnten ihm davonfahren, unter allen Bedingungen und auf verschiedenen Reifen", wunderte sich Wolff.

Selbst als Ricciardo das zweite Safety Car nutzte, um ohne Positionsverlust frische Intermediates zu montieren, war Hamilton mit den gebrachten Pirelli danach noch immer schneller - nicht zu knapp. Acht Sekunden fuhr Hamilton in den 13 Runden bis zu Ricciardos Wechsel auf Slicks heraus, nur um bis zum dritten und letzten Safety Car sogar auf fast zehn Sekunden davon zu marschieren. Danach drehte der Brite sogar noch krasser auf. Erst 1,5, dann 2 Sekunden nahm Hamilton Ricciardo in den ersten beiden Runden nach dem letzten Re-Start ab.

Doch dann ein krasser Einbruch. Hintergrund: Mercedes hatte Hamilton angewiesen, langsam zu machen, um das Feld für eine potentiell vierte Neutralisierung des Rennens durch ein Safety Car zusammen zu halten, um Ricciardo kein Fenster für einen Boxenstopp zu öffnen. Noch dazu habe man sich bei Hamiltons Tempo um die Reifen gesorgt. "Deshalb haben wir ihm die Nachricht übermittelt, es ruhiger angehen zu lassen. Die Nachricht war aber etwas verwirrend, wir haben sie dann auch korrigiert und ihm gesagt, er solle seine eigene Pace fahren", schilderte Toto Wolff Motorsport-Magazin.com. Die Folge: Hamilton ließ bei fünf Sekunden Polster gut sein, verwaltete den Sieg ins Ziel.

Was ihn plötzlich ausgerechnet ihn Singapur so überlegen machte? "Aus irgendeinem Grund sind Ferrari und Red Bull viel stärker, wenn es wärmer ist und mehr Grip gibt. Aber dieser Regen war ein schöner Reset. Das hat den Grip-Level reduziert", erklärte Hamilton. "Es lag am Wetter", bestätigte Wolff. "Wir hatten die Reifentemperatur heute immer unter Kontrolle. Gestern war es heißer, und um das Beste aus einer Runde herauszuholen, musste man sie in einem höheren Bereich fahren."

Hinzu kam einmal mehr die Racecraft des Lewis Hamilton. "Lewis zeigte auf beiden Reifentypen eine gute Rennpace. Ich habe es vorher gesagt: An einem so schwierigen Tag willst du Lewis im Auto haben", sagte Wolff. Hamilton selbst witterte indessen beim ersten Regentropfen am Abend seine Chance. "Als es geregnet hat, habe ich direkt gedacht 'das ist es, ich kann von P5 gewinnen'! Ich liebe es, im Regen Rennen zu fahren - und dann entfaltete sich alles gleich zu Beginn. Bei diesen Bedingungen kannst du als Fahrer wirklich einen Unterschied ausmachen", sagte der WM-Leader.

Doch auch Valtteri Bottas - am Freitag und Samstag in noch heftigeren Turbulenzen als Hamilton - kam plötzlich wieder zurecht. "Das Gefühl, dass ich im Trockenen hatte, war viel besser als bisher an diesem Wochenende. Die kühleren Bedingungen haben uns und mir geholfen. Das Auto war im Trockene besser als erwartet", sagte der Finne. "So kämpfte sich Valtteri durch das Feld bis auf das Podium", lobte Wolff.

Mercedes' Singapur-Siegfaktor 3: Ricciardos Getriebeproblem

Glück, Cleverness am Start und der Wetterwechsel allein waren jedoch noch immer nicht alle Siegfaktoren. Hinzu kam in Singapur, dass auch alle anderen potentiellen Konkurrenten neben den Startcrashern arg gebeutelt wurden: Fernando Alonso - mit selbst genannten Siegchancen durch Spätfolgen des Startunfalls in Runde acht ausgeschieden. Nico Hülkenberg - erst von den Renault-Strategen im Stich gelassen, dann von der Technik komplett zerstört. Allen voran aber Daniel Ricciardo.

Hätte der Australier trotz der veränderten Bedingungen nicht doch eine große Gefahr für Hamilton darstellen müssen? Mit Sicherheit beurteilen lässt sich das nicht. "Wir wären gewiss näher dran gewesen und hätten mehr Druck ausüben können. Aber es waren heute ganz andere Bedingungen - mit dem Regen, der den Gummi weggespült hat, kühler als Freitag - das alles waren Faktoren", sagte Christian Horner.

Doch spielt der Teamchef Red Bulls hier weniger auf die Bedingungen an als auf ein viel gravierenderes Problem: Daniel Ricciardo kämpfte fast den gesamten Grand Prix über mit dem Getriebe. "Schon vor dem ersten Safety Car konnten wir sehen, dass wir unwahrscheinlich viel Öldruck im Getriebe verloren haben. Wir haben gedacht 'Schau' her, damit werden wir nur die halbe Distanz schaffen", berichtete Teamchef Christian Horner.

"Also hat Daniel Anweisungen bekommen, das zu managen und musste dafür Rundenzeit opfern. Es war nur noch eine Frage davon, das Auto ins Ziel zu bekommen. Das hat er unglaublich gut hinbekommen und hat es so geschafft, dass Auto für weitere eineinhalb Stunden nach Hause zu bringen."

Ein Angriff auf Hamilton war mit diesem Nachteil jedoch unmöglich. "Wir hatten einige kleine Probleme, mussten das Auto in gewissen Situation wegen des Getriebes managen", bestätigt Ricciardo. Allerdings vermutet zumindest der Australier, selbst mit perfekter Technik keine echter Sieganwärter gewesen zu sein. "Aber am Ende hat es die Gestalt des Rennens nicht verändert. Das war nicht der Grund, warum wir Zweiter statt Erster geworden sind", meint Ricciardo.

Vielmehr sei der RB13 von den kühleren Bedingungen, nun ja, kalt erwischt worden. "Wenn wir das Rennen nochmal fahren und das Auto anders einstellen würden, dann könnte uns eine Änderung am Auto helfen, wenn wir einen anderen Weg, für die Bedingungen wie sie jetzt waren, gegangen wären."

Ricciardo weiter: " Wir hatten nicht die Pace, die wir am Freitag gezeigt haben, wir hatten damit zu kämpfen, nach den Reifen zu sehen. Als ich mal in der Lage war eine gute Rundenzeit rauszuhauen, konnte ich das nicht halten - während Lewis wieder und wieder antworten konnte. Selbst als wir gestoppt haben und frischere Reifen hatte, konnten wir gegen Lewis nicht wirklich etwas ausrichten. Das war frustrierend. Drei Jahre in Folge sind wir jetzt Zweiter. Normalerweise bin ich zufrieden mit einem Podium, aber ..."

Fazit: Trotz Performance-Steigerung: Insgesamt hat Mercedes in Singapur nichts so sehr geholfen wie der Faktor Glück. Besonders offensichtlich in Form des Startunfalls, der drei Viertel aller echten Gegner aus dem Rennen nahm. Ohne deren Ausscheiden hätte Lewis Hamilton keine Track Position erhalten und wäre vermutlich chancenlos gewesen - zumindest auf den Sieg. Strategisch hätte sich womöglich die eine oder andere Gelegenheit eröffnet, doch gleich beide Red Bull und Ferrari zu schlagen, erscheint weit hergeholt - auch wenn das Wetter als zweiter Glücksfaktor Mercedes stärker machte als je zuvor am Rennwochenende. Doch das spielte keine Rolle mehr - mit Ricciardo blieb nur ein Gegner übrig. Und der verfügte über alles andere als ideales Material. Mercedes-Glück die Dritte.


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