Formel 1

Crash! Verstappen an Vettel: So aggressiv nicht gerade schlau

Nach ihrem Crash in Singapur wirft Max Verstappen Sebastian Vettel vor, viel zu aggressiv attackiert zu haben. Seine Begründung und weitere Reaktionen.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Für Max Verstappen, Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen ist der Singapur GP der Formel 1 2017 nach einem Start-Crash bereits früh vorbei. Unmittelbar nach Rennende gibt sich das Trio in ersten Reaktionen noch erstaunlich zahm, doch so ganz ohne Vorwürfe, Anschuldigungen und Sticheleien geht es dann doch nicht.

Max Verstappen wettert wegen Crash gegen Ferrari-Fahrer

"Ich denke nicht, dass es ein Rennunfall war. Die Schuldfrage muss man den beiden Ferrari stellen", stellt Verstappen klar - entgegen des späteren Urteils der Stewards. Die waren zu dem Schluss gekommen, keiner der drei Unfallgegner sei hauptverantwortlich für den Crash zu machen, ließen Strafpunkte & Co deshalb stecken. "Ich denke beide Ferrari haben falsch bewertet, wie viel Platz sie auf der Strecke lassen mussten", erklärt der Red-Bull-Pilot seinen Standpunkt.

Verstappen weiter: "Ich konnte mich nicht bewegen, denn sie haben mich mit ihren Reifen eingequetscht. Am Ende war ich in einem Ferrari-Sandwich. Dann gab es den Crash." Verstappen macht also gleich beide Ferrari-Fahrer für den Unfall in Singapur verantwortlich, auch Räikkönen. "Kimi hatte einen guten Start und wollte die richtige Linie nehmen, aber dann hat er mich etwas nach rechts gedrückt", meint Verstappen.

Doch vor allem die Fahrweise Vettels erzürnt den jungen Niederländer. "Dann kam Sebastian ziemlich aggressiv nach links, was ich nicht verstehe. Wenn du um die WM kämpfst so aggressiv zu sein - während Lewis hinter dir ist, bist du da ziemlich komfortabel. Das war nicht das cleverste Manöver. Am Ende verliert er dadurch vielleicht eine Meisterschaft. Aber immerhin sind wir alle ausgefallen und dieses Mal nicht nur ich", sagt der in der F1-Saison 2017 von Ausfällen arg gebeutelte Verstappen.

Doch hätte Verstappen mit dieser Aggressivität rechnen müssen. Noch in der Pressekonferenz nach dem Qualifying verriet der neben ihm sitzende Sebastian Vettel auf Nachfragen von Motorsport-Magazin.com zum Thema Start: "Ich gehe den Start nicht anders an, weil ich nicht glaube, dass irgendjemand in der Startaufstellung die Absicht hat, das Rennen in der ersten Kurve zu beenden. Ich fokussiere mich nur auf den Start und sehe dann, was passiert." Eine Ansage, die Vettel im Rückblick wohl lieber nicht raushauen hätte, sollte er sich erinnern.

Vettels Singapur-Crash: Wer trägt die Schuld?: (03:38 Min.)

Verstappen erwiderte auf Vettels Antwort übrigens: "Aber kontrolliert oder?" Genau das war nun nicht der Fall. Und so Verstappen allenfalls noch verstehen, dass Vettel Räikkönen schlicht nicht gesehen habe. Genau das vermutet auch Toto Wolff. "Sebastian ist rübergezogen und hat nicht gesehen, dass Kimi innen war", sagt der Mercedes-Motorsportchef. "Es ging darum, sich gegen Max zu verteidigen. Da ist es schwer zu sehen, dass links noch ein drittes Auto ist. Und das hat die Kollision verursacht", gibt sich Wolff verständnisvoll.

Vettel & Räikkönen haken Unfall & Schuldfrage ab

Ähnliches berichtet Vettel selbst. Der Deutsche ließ wissen, von dem Unfall völlig überrascht worden zu sein. "Ich hatte einen durchwachsenen Start, nicht ideal. Da war ich am Anfang vielleicht zu konservativ, dann nicht mehr. Dann habe ich Max gesehen, der versucht hat, mich auf die erste Kurve hin zu jagen und dann war das nächste, was ich gehört und gespürt habe die Berührung. Das war's dann", schildert Vettel.

"Ich habe erst gesehen, dass Kimis Auto da war, als es den Schlag schon gegeben hatte." Beschuldigen wolle er deshalb niemanden - das sei ohnehin irrelevant. Dass Vettel aggressiv nach links herübergezogen war, bestreitet der Ferrari-Pilot unterdessen nicht. Vettel: "Ich habe gesehen, dass Max ein bisschen Boden auf mich gut gemacht hat. Zur ersten Kurve hin wollte ich die Linie deshalb etwas zumachen. Aber im nächsten Moment hat es dann schon geknallt. Es war scheiße für uns alle drei."

Und Kimi Räikkönen? Interessiert sich für die Schuldfrage nicht die Bohne. "Ich hatte einen guten Start, wurde getroffen und dann war das Rennen vorbei. Das ist alles andere als ideal, aber so etwas passiert. Wer auch immer schuld ist und das ausgelöst hat ist egal, entscheidend ist das Ergebnis. Zwei Autos auf den ersten 200 Metern zu verlieren, tut uns sehr weh", sagt der Iceman.

Horner: Verstappen wurde abgeschossen!

Ganz anders - natürlich - die Einschätzung von Christian Horner. "Es war nicht sein Fehler, er ist zwischen Kimi und Seb eingequetscht worden und konnte sich nicht in Luft auflösen. Dann ist er dummerweise abgeschossen worden. Großes Pech für Max, bitter ihn wieder so früh zu verlieren", sagt Red Bulls Teamchef Sky UK. Verstappen-Teamkollege Daniel Ricciardo zur Schuldfrage: "Keine Ahnung wer es war. Es war einfach zu eng da."

Wieder anders die Einschätzung eines etwas neutraleren Beobachters, Niki Lauda. "Aus meiner Sicht war es einfach eine Verkettung blöder Umstände. Alle sind gleich gut weggekommen, Sebastian hat dann nach Links gedrückt auf den Verstappen, hat dabei aber nicht gesehen, dass Kimi an der Wand ist und damit war der Crash schon da. Aber dass sich da alle so ausradieren, damit hat keiner gerechnet", sagt der Chefaufseher des Mercedes-Teams bei Sky.

Schuld sei niemand, so Lauda. "Verstappen konnte nirgends hinfahren, Kimi war links an der Mauer und konnte nicht ausweichen. Damit war es ausgelöst als Vettel abrupt rüber fuhr. Denn wenn Sebastian da drängt, dann geht es nicht anders", meint der Österreicher. Ein Stück weit klingt bei dieser Erklärung jedoch eines durch: Zumindest verhindern können hätte nur Vettel die Kollision.

Villeneuve: Vettel muss sich selbst Schuld geben

Genau das meint auch Jacques Villeneuve. "Vettel kann sich nur selbst die Schuld geben. Wenn du am Start einfach rüberziehst, da stehen die Chancen gut, dass etwas passiert. Du weißt nicht, was hinter dir passiert", sagt der kanadische Ex-Weltmeister. Wie Verstappen spricht Villeneuve zudem mangelnde Cleverness ab. "Wenn du um eine Meisterschaft kämpfst, kannst du so ein Risiko nicht eingehen", sagt Villeneuve. Verstappen indessen treffe keine Schuld. "Er war nur da", sagt Villeneuve schlicht.

Dass Räikkönen sich im toten Winkel befunden habe? "Spielt keine Rolle", winkt Villeneuve auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com ab. "Du ziehst nicht einfach so rüber, das geht einfach nicht. Es ist egal, ob er Kimi sehen konnte oder nicht. Wieso? Er konnte nicht wissen, ob da zwei oder drei Autos sind. Du kannst es nicht wissen. Vor allem hatte er nur einen durchschnittlichen Start. Er wusste, dass hinter ihm Fahrer besser weggekommen sind und deshalb ist er einfach rübergezogen. Er dachte sich, dass er sie damit abklemmen kann. Aber nein, es endete für ihn in einem Unfall. Er war ganz alleine dafür verantwortlich", poltert Villeneuve.

Lewis Hamilton: Baku-Karma kommt zurück

Noch dazu wundert sich der F1-Experte über die Zurückhaltung der Stewards in diesen Fällen. "Wir sehen das immer wieder und ich weiß nicht, weshalb die FIA erlaubt, sich beim Start so zu bewegen", sagt Villeneuve zu Motorsport-Magazin.com. Ob er Vettel bestraft hätte? Villeneuve: "Ich denke, er hat sich selbst schon genug bestraft."

Fehlt noch eine Einschätzung: Die von Lewis Hamilton - und die fällt ganz besonders aus: "Ich weiß nicht, ob es Karma (für Baku, Anm. d. Red.) ist, aber was es auch immer ist, ich nehme es mit."


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