Platz zwei im FP1, Platz zwei im Training: Fabio Di Giannantonio war am Freitag in Le Mans wieder einmal bester Ducati-Pilot, musste sich einzig den überraschend starken Hondas von Luca Marini (FP1) und Johann Zarco (Training) knapp geschlagen geben. Der 27-jährige Römer schreibt also weiterhin Schlagzeilen in der MotoGP - auf der Strecke, vor allem aber auch daneben. VR46 oder KTM: Das ist aktuell die große Frage. Wohin führt Di Giannantonios Weg 2027?
VR46 kämpft um Fabio Di Giannantonio, doch der will MotoGP-Werksfahrer bleiben
"Wir würden sehr gerne mit ihm weitermachen, keine Frage", ließ VR46-Teammanager Pablo Nieto am Freitagvormittag während des 1. Freien Trainings keine Zweifel an den Interessen seines Rennstalls. Gegenüber MotoGP-Boxengassenreporter Jack Appleyard erklärte er: "Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, arbeiten jetzt schon drei Jahre zusammen. Wir kennen uns gut, er macht einen fantastischen Job und wird von Jahr zu Jahr besser. Außerdem fühlt er sich sehr wohl in unserem Team und auf dem Motorrad. Also sprechen wir natürlich darüber, in Zukunft gemeinsam weiterzumachen."

Das große Problem: VR46 Racing kann Di Giannantonio aktuell nicht das Paket bieten, dass der Italiener gerne hätte. Gegenüber 'Sky Italia' machte der aktuelle WM-Dritte deutlich: "Ich bin ein Werksfahrer von Ducati. Ich leiste gute Arbeit und denke deshalb, dass ich es verdient habe, auch in Zukunft [ein Werksfahrer, Anm.] zu bleiben. Du brauchst diese Unterstützung, um an die Weltmeisterschaft denken zu können. Alles andere wäre ein Rückschritt für meine Karriere."
Zur Erläuterung: Di Giannantonios aktueller Vertrag, der noch bis Saisonende 2026 läuft, ist direkt mit Ducati unterzeichnet. Er zählt neben Marc Marquez, Francesco Bagnaia und Fermin Aldeguer also zu den vier aktuellen Ducati-Werksfahrern im MotoGP-Grid, ist praktisch von Borgo Panigale an VR46 ausgeliehen. Zur kommenden Saison würde sein Kontrakt nun aber direkt mit dem Team von Valentino Rossi abgeschlossen werden und nicht mehr mit Ducati. Die Roten haben für 2027 nämlich schon vier Werksfahrer unter Vertrag: Zu Marquez und Aldeguer gesellen sich Pedro Acosta (Werksteam) und Daniel Holgado (Gresini) neu hinzu. Unterschreibt Di Giannantonio dennoch bei VR46, würde er seinen Status als Werksfahrer - nach aktuellem Stand - also verlieren.
"Wir arbeiten hart daran, ihm das bestmögliche Paket zu schnüren", zeigt sich Nieto kämpferisch. Aber es scheint klar, dass es Hilfe aus Borgo Panigale braucht, um 'Diggia' von einem Verbleib zu überzeugen. "Wir arbeiten gemeinsam mit Ducati daran, einen Weg zu finden, um ihm das bieten zu können, was er gerne hätte. Momentan haben wir nur ein Werkmotorrad [welches 2027 an Neuzugang Aldeguer gehen wird, Anm.]. Unser Ziel ist es, zwei Werksmotorräder zu bekommen. Daran arbeiten wir, darauf sind wir fokussiert. Denn Diggia verdient momentan ein Werksmotorrad. Wir brauchen einfach noch etwas Zeit."
Diggias KTM-Rivale Maverick Vinales fehlt wohl auch in Barcelona
Die große Frage lautet nun also: Kann und will Ducati genügend Kapazitäten freischaufeln, um 2027 noch einen fünften Fahrer mit Werksmaterial auszustatten? Das werden wir wohl erst in den nächsten Wochen herausfinden. Das Gute aus Sicht von Di Giannantonio: Falls nicht, gibt es mit KTM eine schmackhafte Alternative. Die Österreicher zeigen starkes Interesse am 27-Jährigen, daraus machte auch Motorsportchef Pit Beirer im Exklusiv-Interview mit Motorsport-Magazin.com keinen Hehl. Ob sich ein Wechsel ins orangene Lager an die Seite von Alex Marquez realisieren lässt, hängt allerdings auch stark mit der Zukunft von Maverick Vinales zusammen.
Der aktuelle Tech3-Pilot stand Anfang Februar laut spanischer Medienberichte eigentlich schon als Aufsteiger ins Werksteam fest, doch in den letzten Wochen folgte die Rolle rückwärts. Der schwache Saisonstart, gepaart mit der hartnäckigen Schulterverletzung, haben die Zweifel an der Nummer 12 in Mattighofen wachsen lassen. Eine Entscheidung pro oder contra Vinales soll laut Beirer eigentlich erst nach dessen Comeback fallen, doch genau dieses zieht sich schon seit Wochen. Wie Tech3-CEO Günther Steiner am Freitag verriet, wackelt jetzt auch schon das kommende Rennwochenende in Barcelona: "Er versucht gerade, fit zu werden. Aber ich denke, dass es erst Mugello werden wird."
Es wäre der nächste Rückschlag für 'Top Gun', denn Eigenwerbung kann dann weiterhin erstmal nur Di Giannantonio betreiben. Steiner spricht seinem Schützling jedoch Mut zu: "Wir wissen, wie schnell er ist und wir wissen, dass er so schnell wie möglich zurückkommen will. Aber er muss bei 100 Prozent sein. 90 Prozent sind nicht genug, damit kannst du hier nicht mithalten. Er muss mit 100 Prozent zurückkommen. Wenn er dann zurückgekommen ist, werden wir eine Entscheidung treffen. Wir haben genug Zeit. Maverick ist ein guter Typ. Er muss uns nur zeigen, was er kann."

Di Giannantonio zu KTM? Diese Rolle spielt das Tech3-Team
Sollte Vinales bei seinem Comeback zu gefallen wissen, gibt es also weiterhin realistische Chancen auf einen KTM-Verbleib. Das muss aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass dann kein Platz für Di Giannantonio mehr wäre. Bleibt Tech3 auch 2027 Kunde von Mattighofen, könnte einer der beiden ins Werksteam wechseln und der jeweils andere im Kundenteam an der Seite von Enea Bastianini oder Brad Binder unterkommen. Eine Entscheidung zwischen Di Giannantonio und Vinales muss also nur im Falle eines Tech3-Abgangs Richtung Honda gefällt werden. Wohin die Reise geht, ist allerdings noch unklar. "Wir sprechen noch [mit beiden Herstellern, Anm.]. Wir wollen einfach sicherstellen, nächstes Jahr in einer guten Position zu sein. Die Entscheidung ist nicht leicht, wir wollen nicht vorschnell handeln", bestätigte Steiner am Freitag, dass beide Szenarien denkbar sind.
Wann hier mit einer Entscheidung zu rechnen ist? "Vielleicht können wir in zwei Wochen etwas verkünden", so der ehemalige F1-Teamchef weiter. Womöglich wird also zwischen den Grands Prix in Katalonien (15. bis 17. Mai) und Italien (29. bis 31. Mai) Klarheit geschaffen. Im Anschluss könnte es dann auch in den Personalien um Di Giannantonio und Vinales schnell gehen, vielleicht aber auch nicht. Zumindest Ersterer macht sich jedenfalls keinen Stress: "Ich habe kein Datum im Kopf. Ich bin nicht unter Druck und habe keine Eile."
Gut möglich also, dass das Rätselraten um Di Giannantonios Zukunft noch eine Weile weitergeht. Hypothetisch gäbe es übrigens sogar noch ein drittes Szenario, in dem er trotz Tech3-Wechsel zu Honda zu KTM gehen und auch Vinales eine Vertragsverlängerung von Mattighofen erhalten könnte. Dann nämlich, wenn KTM mit Aspar und CFMoto ab 2027 ein neues Kundenteam bekommen würden. Mehr dazu hier:



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