Formel 1 - Ungarn: Die 7 Schlüsselfaktoren in Budapest

Ferrari-Spazierfahrt zum Doppelsieg?

Vor den Toren Budapests steht das elfte und vor der Sommerpause letzte Saisonrennen der Formel 1 auf dem Programm. Das sind die Schlüsselfaktoren zum Ungarn GP.
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1. - S wie Startaufstellung

Sebastian Vettel startet in Ungarn zum erst zweiten Mal in dieser Saison von der Pole Position. Für den Deutschen war es die 48. Pole seiner F1-Karriere. Direkt eben Vettel ins Rennen geht Ferrari-Teamkollege Kimi Räikkönen, der seinem Kumpel im Qualifying bis auf 0,168 Sekunden auf den Leib gerückt war. Damit bekleidet Ferrari nach Russland und Monaco bereits zum dritten Mal in dieser Saison geschlossen die ersten Startreihe.

Mercedes hingegen muss sich mit der zweiten Reihe arrangieren. Im Qualifying gelang es keinem der Silberpfeile Ferrari zu fordern - der im Q3 exquisite Power-Modus Mercedes' reichte im winkeligen Ungarn einfach nicht. Noch dazu startet Valtteri Bottas vor Lewis Hamilton, anders als bei Ferrari geht Mercedes also nicht aus WM-Sicht optimaler Reihenfolge in den Ungarn GP.

Noch sparsamer die Blicke bei Red Bull nach der Qualifikation. Nur P5 für Max Verstappen und P6 für Daniel Ricciardo. Und das, obwohl der Australier am Freitag noch beide Bestzeiten erzielt, der Niederländer im Q1 und Q2 noch deutlich weiter vorne mitgemischt hatte. Auch die vierte ist fest in der Hand eines einzelnen Teams: McLaren, das seine in Ungarn erwartet starke Form beweisen konnte. Allerdings profitierten Fernando Alonso und Stoffel Vandoorne von einer Strafversetzung gegen Nico Hülkenberg, der wegen Getriebewechsels nur von P12 startet. Carlos Sainz und Jolyon Palmer komplettieren indessen die Top-10. Pascal Wehrlein startet von P18, Massa-Ersatzmann Paul Di Resta von P19.

2. - S wie Start

Lange Geraden gibt es in Ungarn kaum, trotzdem ist der Weg bis Kurve eins mit 618 Metern noch relativ lang. Lang genug jedenfalls, um Mercedes Pläne schmieden zu lassen, wie sich die vielleicht einzige Chance gegen Ferrari am besten nutzen lässt. "Guter Start, links, rechts, Windschatten und dann auf der Innenseite überholen. Easy", schildert Toto Wolff den Masterplan für seine Fahrer - wohl wissend, dass es ganz so leicht nicht mal eben machbar ist.

Guter Start, links, rechts, Windschatten und dann auf der Innenseite überholen. Easy.
Toto Wolff

Aber auch nicht unmöglich wie die Vergangenheit bei einer ähnlichen Konstellation bereits zeigte: "Wir hatten das vor Sochi besprochen und Valtteri hat es umgesetzt", erinnert Wolff. "Der Start ist hier eine gute Gelegenheit. Die Gerade ist 600 Meter lang, da gibt es Überholmöglichkeiten, auch in Kurve eins und zwei." Offenbar erzählt der Motorsportchef hier keinen vom Pferd, denn Bottas klingt ganz genauso gut vorbereitet. "Kurve eins ist eine langsame Kurve, da bremst du stark, sodass du normalerweise ein paar Positionsverschiebungen siehst", sagt der Finne.

Völlig anders dagegen sein Landsmann. Kimi Räikkönen vertraut wie immer einzig und allein auf seinen Instinkt. "Es macht keinen Sinn, Pläne für die ersten beiden Kurven zu machen. Der, der den besseren Start erwischt hat auch die besseren Chancen", sagt der Ferrari-Pilot. Die schlechtere Startseite müsse dabei für ihn nicht zwingend von Nachteil sein. "Einen guten Start zu haben ist wichtiger, als auf der besseren Seite zu stehen", sagt Räikkönen. Doch hat er keinen Nasenbohrer zu Gegner. "Meine volle Konzentration liegt jetzt auch dem Start", sagt Vettel schon nach dem Qualifying. "Und ich denke, wir hatten schon gute Starts." Doch genau das gilt auch für Max Verstappen, der Vettel zuletzt in Silverstone übertölpelte: "Unsere Starts waren diese Saison bisher sehr gut. Mal sehen, was wir da am Sonntag machen können ..."

Streckendaten
Länge: 4,381 km
Runden: 70
GP-Distanz: 306,630 km
Rundenrekord: 1:19.071 (MSC, 2004)
Kurven: 14 (8 rechts, 6 links)
Weg bis Kurve 1: 618 m
Länge Boxengasse: 350 m
Zeit in Box bei 80 km/h: 15,75 s

3. - S wie Stau-Strecke

Besonders wichtig ist der Start in Ungarn vor allem wegen der Streckencharakteristik. Auf kaum einer anderen Strecke, allenfalls Monaco, Singapur und Barcelona, lässt sich ähnlich schlecht überholen wie auf dem Hungaroring. Mit den Boliden der Generation 2017 wird es für die Piloten in dieser Saison zudem nochmal eine ganze Ecke anspruchsvoller als in den vergangenen Jahren.

Behauptet Vettel am Start also die Führung ist ihm der Sieg wohl kaum noch zunehmen, höchst wahrscheinlich allenfalls über die Strategie. "Ob hier Überholverbot herrscht, muss man aber die anderen fragen", sagt Vettel. Gesagt, getan. Und zumindest Bottas scheint äußerst skeptisch in puncto Angriff auf der Strecke. "Es ist einer der schwierigsten Kurse, um zu überholen, das ist sicher", sagt der Finne.

Es ist ziemlich kacke hinter einem anderen Auto. Dann ist Ende im Gelände. Die übliche Geschichte. Ziemlich hässlich.
Nico Hülkenberg

Des einen Leid, des anderen Freud: Während sich Bottas über diese Charakteristik nach einem dürftigen dritten Platz im Qualifiyng ärgern dürfe, freut sich einer umso mehr: Fernando Alonso, im McLaren Best of the Rest der Startaufstellung. Selbst mit Honda im Heck glaubt sich der Spanier im Rennen vor seinen Verfolgern behaupten zu können. Denn nicht nur die Geraden spielen eine Rolle, sondern auch Dirty Air "Auf diesem Kurs ist es schwierig, zu folgen und zu überholen." Oder wie sich der strafversetzte Nico Hülkenberg ausdrückte: "Es ist ziemlich kacke hinter einem anderen Auto. Dann ist Ende im Gelände. Die übliche Geschichte. Ziemlich hässlich."

4. - S wie Sommerhitze

Nicht weniger berüchtigt als das Überholproblem ist in Ungarn die Hitze. 2017 zeigt sich die Puszta abermals von ihrer besten Seite. Für den Rennsonntag werden mehr als 30 Grad Celsius erwartet, noch mehr also als im Qualifying als rund 27 Grad die Asphalttemperatur bereits auf weiter mehr als 50 Grad trieben. In Kombination mit den irre schnellen Autos - Vettel unterbot im Qualifying den 13 Jahre alten Rundenrekord um mehr als zwei Sekunden - eine gewaltige Belastung für Mensch und Maschine.

Die Konzentration bis zum Rennende aufrecht zu erhalten sei in Ungarn schon immer eine Frage gewesen, so Vettel. Jetzt dürfte dieser Faktor noch mehr ins Gewicht fallen. "Es ist hier immer irgendwie warm und das Rennen ist doch sehr lang, mit sehr vielen Runden", erinnert Vettel. Stolze 70 Mal müssen die Fahrer die endlose Aneinanderreihung von Kurven bei brütender Hitze meistern. Keine leichte Aufgabe. "Es ist ein Kurs, der dir keine Zeit zum Atmen lässt. Kurve folgt auf Kurve. Es ist wie eine große Kart-Strecke", ächzt Fernando Alonso.

Heiß wird es in Ungarn eigentlich immer - Foto: Sutton

Einen lässt jedoch auch dieses Thema ziemlich kalt. Natürlich: den Iceman! Räikkönen: "Es fühlt sich ganz normal für uns an, denn wir sind daran gewöhnt. Ich habe das in vielen Rennen erlebt, auf viel schnelleren Kursen, also ist es nicht plötzlich ... auch wenn die Rundenzeit viel schneller ist, es fühlt sich nicht an wie ... es fühlt sich einfach normal an."

5. - S wie Strategie

Eigentlich scheint in Sachen Strategie diesmal alles ziemlich langweilig auszusehen: Anders als zuletzt in Österreich und Großbritannien starten alle Top-Piloten und die gesamten Top-10 geschlossen auf den selben Reifenmischungen: den Supersofts. Noch dazu verfügt jeder der sechs Top-Fahrer über mindestens einen frischen Satz Softs, sodass auch hier weder Vor- noch Nachteile entstehen. Zumindest wenn alle die Strategie-Empfehlung Pirellis befolgen.

Die Italiener raten den Teams, als ideale Strategie ein Einstopp-Rennen mit Wechsel von Supersoft auf Soft nach 33 Runden. Doch sei theoretisch ein Zwei-Stopper (23R SS, 24R S, 23R SS) die schnellere Variante ins Ziel zu gelangen, allerdings drohe hier eine größere Gefahr, im Verkehr aufgehalten zu werden. Sollte sich allerdings ein entsprechendes Fenster öffnen, könnte mit dieser Variante plötzlich doch noch eines der Top-Teams einen Vorteil generieren: Red Bull verfügt anders als Mercedes und Ferrari noch über einen neuen Satz der superweichen Reifen, den die Zwei-Stopp-Variante idealerweise erfordert.

Die Hitze macht den Reifen sehr zu schaffen, also wird es schwer sein, die Reifen über die Distanz zu bringen.
Sebastian Vettel

Damit nicht genug: Wie oben bereits angedeutet belastet das Wetter nicht nur Mensch, sondern auch Maschine - einschließlich der Reifen. "Die Hitze macht den Reifen sehr zu schaffen, also wird es schwer sein, die Reifen über die Distanz zu bringen", warnt Vettel. "Wir müssen schauen, was die Strategie da hergibt. Ich glaube aber, wir haben uns alle Karten für das Rennen offen gehalten", meint der Deutsche. Offenbar würde Vettel im Fall eines zweiten Stopp also auch ein gebrauchter Supersoft reichen. So ganz sicher ist sich der Ferrari-Pilot allerdings nicht. "Wir haben einen Eindruck bekommen, aber es gab viele rote Flaggen (im Training, Anm. d. Red.), sodass niemand wirklich machen konnte, was er geplant hatte. Also werden wir einfach sehen wie es läuft."

Doch auch hier wittert die Konkurrenz eine Chance. "Ich denke, die Hitze könnte andere Autos mehr beeinflussen als unseres", sagt Verstappen. Sollte es allerdings ganz extrem heiß werden und das die Reifen regelrecht auffressen könnte das Pendel aber dennoch zurück in Richtung Ferrari schlagen. "Ferrari hat sich zwei Sätze Soft aufgehoben. Wenn es richtig heiß wird, wie in der Vorhersage, könnte das gut für sie sein", erklärt Ricciardo.

Spricht Red Bull in Ungarn ein gewaltiges Wort mit um den Sieg? - Foto: Sutton

6. - S wie Sieganwärter-Sextett

Aus genau demselben Grund ließ sich am Freitag auch kaum mehr als ein Eindruck der Longrun-Pace gewinnen. Was die Zahlen jedoch hergaben deutete auf ein extrem enges Bild an der Spitze hin - und ein ungewohntes Bild: Red Bull mischte voll mit Ferrari und Mercedes mit. Im Qualifying fehlte den Bullen zwar wieder eine halbe Sekunde, im Rennen dürfte es jedoch wieder enger zugehen. "Für morgen erwarte ich ein sehr enges Rennen mit drei Teams, die sehr eng zusammen sein werden. Die Longruns waren sehr eng zwischen Mercedes, Red Bull und uns. Schwer, da einen Favoriten auszumachen", sagt Vettel.

Aus Sicht der reinen Performance des Autos geht es morgen nur um Schadensbegrenzung.
Toto Wolff

Von Mercedes erwarte er über Nacht jedenfalls eine deutliche Leistungssteigerung. "Ich denke, dass sie stark sind. Ich weiß nicht, was sie heute hatten. Aber morgen werden sie wieder dabei sein", sagt Vettel. Die Silberpfeile selbst sind davon jedoch nicht überzeugt. "Aus Sicht der reinen Performance des Autos geht es morgen nur um Schadensbegrenzung", sagt Toto Wolff wenig zuversichtlich. Ferrari werde leichtes Spiel haben, ließ auch Hamilton wissen. Es sei denn der Start läuft gut für Mercedes (vgl. "2. S wie Start"). "Alles wird davon abhängen, was in den ersten zehn Runden geschieht", meint auch Kimi Räikkönen. "Ein einfaches Rennen wird es jedenfalls für niemanden."

Damit dürfte der Finne umso richtiger liegen hört man sich nur die heftigen Kampfansagen Daniel Ricciardos an. "Wenn wir Track Position bekommen können, können wir uns selbst helfen. Das wird ein spaßiges Rennen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nach dem Rennen noch viele Freunde haben werde", sagt der Australier. "Ich bin am Ende dieser Gruppe und muss mich nach vorne kämpfen. Aber wir können diese Jungs nicht einfach überholen. Wenn ich vorbei will, braucht es ein paar schöne Manöver."

7. - S wie (Schotten-)Schützenhilfe

Mit Kimi Räikkönen weiß Sebastian Vettel am Start die Idealbesetzung gleich neben sich. Halten die Ferrari-Piloten am Start nicht nur die Doppel-Führung, sondern auch ihre Reihenfolge, verfügt Vettel mit dem Finnen über einen idealen Puffer, um sich vor Angriffen der Silberpfeile oder Red Bull zu schützen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich nach dem Rennen noch viele Freunde haben werde.
Daniel Ricciardo

Sollte Ferrari hingegen derart stark auftrumpfen, dass die Scuderia Räikkönen in diesem Fall gar nicht erneut zugunsten Vettels opfern muss, wäre Kimi noch immer der perfekte Zweite, nimmt er so doch allen Vettel-Rivalen wertvolle Punkte weg. "Als Team strebt man immer dieses Ergebnis an", weicht Vettel der Frage, ob Räikkönen direkt neben ihm ein Vorteil sei, leicht aus. "Es ist jetzt wieder etwas her, also tut es uns beiden und dem ganzen Team einfach gut."

Doch haben auch die Mercedes-Piloten einen möglichen und völlig neuen Joker im Feld. Massa-Ersatzmann Paul Di Resta ist immerhin alles andere als nur Williams' dritter Fahrer, sondern auch DTM-Pilot der Silberpfeile. Bei Überrundungen also zumindest potentiell eine mögliche Schützenhilfe - bis es für das Ignorieren blauer Flaggen eine Strafe setzt lässt sich durchaus ein wenig Unheil anrichten. Aber das ist natürlich nichts als pure Theorie - zumal Mercedes als alles andere als ein Gegner von Fairplay bekannt ist.


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