Tipp
Formel 1 - Favoriten-Check: Ferrari-Spaziergang in Ungarn?

Mercedes sieht Start als einzige Chance

Ferrari meldet sich in Budapest mit Doppel-Pole zurück - dieses Mal in der politisch korrekten Reihenfolge. Ist Mercedes schon schachmatt? Der Favoriten-Check.
von

Motorsport-Magazin.com - Von wegen Red Bull: Die Überraschung im Qualifying für den Großen Preis von Ungarn lieferte Ferrari. Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen zeigten Mercedes nicht nur mit einer geschlossenen ersten Startreihe eine lange Nase, sondern vor allem mit einem komfortablen Vorsprung. Das Schöne für die Teamführung der Scuderia: WM-Leader Vettel steht, anders als in Monaco, vor Teamkollege Räikkönen. Eine Ausgangslage, die den Italienern fast schon einen entspannten Nachmittag auf dem Hungaroring verspricht.

"Wir haben die Autos in die besten Positionen gebracht. Wenn wir das am Start halten können, dann sollten wir eine gute Chance haben", freut sich Pole-Sitter Vettel über die perfekten Voraussetzungen für den ersten Ferrari-Sieg seit Monaco, der mittlerweile neun Wochen zurückliegt. Am Freitag sah es noch nach einer engen Angelegenheit zwischen den drei Top-Teams aus, doch Ferrari drehte im Qualifying richtig auf. Die eigentliche Achillesferse, die Pace auf einer Runde, wurde dank des winkligen Layouts des Hungarorings erfolgreich überwunden.

Ich weiß, dass Ferrari viele neue Teile am Auto hat. Davon haben sie natürlich nichts erzählt.
Christian Danner

Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner ist sich sicher, dass die Italiener für den Triumph über Mercedes vor allem auf der technischen Seite nachgeholfen haben. "Ich weiß, dass Ferrari viele neue Teile am Auto hat. Davon haben sie natürlich nichts erzählt", so der TV-Kommentator. Teamchef Maurizio Arrivabene mahnt zwar: Wir haben aber nur 30 Prozent vom Job gemacht, 70 kommen morgen noch!" Doch selbst Ferraris Qualifying-Schwäche hielt die Fahrer in dieser Saison selten davon ab, den Silberpfeilen am Rennsonntag teilweise trotz eklatanter Rückstände im Zeittraining gewaltig auf die Pelle zu rücken. Stichwort Rennpace.

Die große Stärke des SF70-H konnte von Vettel selbst auf Power-Strecken wie Baku am Sonntag erfolgreich umgesetzt werden, so dass es für Lewis Hamilton und Valtteri Bottas kein Entkommen gab. Danner glaubt nach mittlerweile zehn Rennen jedoch nicht mehr, dass die Scuderia die Konkurrenz von Mercedes alleine damit in die Knie zwingen kann. "Zu Beginn des Jahres habe ich gesagt, dass Mercedes in der Lage ist, über die Simulations-Tools und die Manpower herauszufinden, wie man es hinbekommt, wenn etwas nicht stimmt. Genauso kam es auch. Dass sie zu Beginn des Jahres die Reifen nicht ins Fenster bekommen haben - dumm gelaufen. Aber jetzt haben sie es im Griff", erklärt er.

Bei den Longruns am Freitag nahmen sich Ferrari und Mercedes auf dem Soft-Reifen in der Tat nichts. "Für morgen erwarte ich ein sehr enges Rennen mit drei Teams, die sehr eng zusammen sein werden. Die Longruns waren sehr eng. Schwer, da einen Favoriten auszumachen", weiß auch Vettel. Der Vorteil der Roten könnte jedoch darin liegen, dass sie sich für den Rennsonntag die Reifen besser eingeteilt haben. "Ferrari hat sich zwei Sätze Soft aufgehoben. Wenn es richtig heiß wird, wie in der Vorhersage, könnte das gut für sie sein", vermutet Red-Bull-Mann Daniel Ricciardo.

Longruns auf Soft-Reifen

Fahrer Durchschnittliche Rundenzeit Abstand Reifenalter Session
Valtteri Bottas 1:22,049 Minuten 16 FP2
Sebastian Vettel 1:22,217 Minuten + 0,168 Sekunden 20 FP2
Lewis Hamilton 1:22,431 Minuten + 0,382 Sekunden 16 FP2

Mercedes: Volle Attacke am Start

In der Mercedes-Garage fürchtet man nach der Qualifying-Klatsche und der daraus resultierenden zweiten Startreihe die Gefahr einer Vettel-Flucht mit freundlicher Unterstützung des Ferrari-Kommandostandes. "Ich denke, es wird für sie eine lockere Angelegenheit", glaubt Hamilton. Die Taktik um dies zu verhindern klingt laut Silberpfeil-Teamchef Toto Wolff aber relativ simpel: "Ein guter Start, links, rechts, Windschatten und auf der Innenlinie überholen", so der Österreicher, der diese Strategie mit seinen Piloten schon in der Vergangenheit zwecks Zerschlagung einer roten Doppel-Pole ausklügelte: "Wir hatten das vor Sochi besprochen und Valtteri hat es umgesetzt."

Während der Kurs in Sochi noch jede Menge Platz und Möglichkeiten für Überholmanöver nach dem Start bot, wird der Hungaroring es dem Mercedes-Duo bedeuten schwerer machen. Beim Weltmeister-Team weiß man das aus eigener Erfahrung. 2016 überrumpelte Hamilton seinen ehemaligen Stallgefährten Nico Rosberg gleich beim Start und fuhr seinen Sieg daraufhin im Schongang ein, sodass Rosberg sich beim Team sogar über die langsame Pace beklagte. Gegen die Ferraris dürfen Wolffs Piloten dieses Kunststück gerne wiederholen.

Ich denke, es wird für sie eine lockere Angelegenheit.
Lewis Hamilton

"Der Start ist hier eine gute Gelegenheit. Die Gerade ist sehr lang, da gibt es gute Überholmöglichkeiten. Turn 1 und 2 eignen sich gut, von da an wird es aber ein bisschen schwierig", so der Österreicher, der angesichts der schwierigen Ausgangslage durchaus damit rechnet, dass Ferrari nach zwei sieglosen Monaten pünktlich zur Sommerpause das Blatt wendet: "Aus sich der reinen Fahrzeug-Performance geht es am Sonntag nur um Schadensbegrenzung."

Im ersten Stint könnten Hamilton und Bottas auf dem Supersoft-Reifen jedoch einen kleinen Vorteil haben. Zumindest auf den Longruns waren beide eine ganze Ecke schneller unterwegs als Räikkönen, der die weichste Reifenmischungen für Ferrari auf ihre Rennpace prüfte. Allerdings hatte der Finne dabei auch mit Trainingsunterbrechungen zu kämpfen, wodurch die neun Zehntel Rückstand auf dem Papier nicht unbedingt in Stein gemeißelt sind.

Lewis Hamilton rechnet damit, dass Ferrari in Budapest leichtes Spiel haben wird - Foto: Mercedes-Benz

Red Bull mit Außenseiterchancen

Ebenfalls nicht in Stein gemeißelt ist, dass sich Red Bull im Rennen erneut mit den Plätzen fünf und sechs zufriedengeben muss. Im Qualifying lief es zwar nicht nach Plan, doch der Rückstand auf Mercedes ist überschaubar. Außerdem lagen Daniel Ricciardo und Max Verstappen bei den Longruns auf Supersoft an der Spitze. "Vielleicht hat auch die Asphalttemperatur eine Rolle gespielt. Im Qualifying hatten wir bis zu 58 Grad Celsius", gibt Danner zu bedenken. Da es am Sonntag noch heißer werden soll, könnte das jedoch auch Red Bulls Rennpace in die Parade fahren.

Ich glaube, dass der Trend zum Soft-Reifen hin ziemlich intensiv sein wird.
Christian Danner

"Es kann sein, dass der Supersoft-Reifen wegen der Hitze sehr verschleißt, aus dem Temperaturfenster herausfällt und die Autos dadurch ins Rutschen kommen", erklärt er. Deshalb dürfte Pirellis weichste Mischung nach dem Start-Stint auch ausgedient haben: "Ich glaube, dass der Trend zum Soft-Reifen hin ziemlich intensiv sein wird." Bei Red Bull ist man sich dessen durchaus bewusst, weshalb die Piloten ihre Strategie in jedem Fall auf Reifenmanagement auslegen wollen. " Du musst die Reifen gut unter Kontrolle behalten. Ich hoffe, wir haben die Balance um das zu schaffen", sagt Verstappen.

Ricciardo geht davon aus, dass das richtige Reifenmanagement und die Boxenstopps einen Unterschied machen könnten. "Wir werden auf jeden Fall die Reifen managen müssen. Es wird sehr wahrscheinlich kein Einstopp-Rennen", so der Australier Auch Danner sieht bei der Reifenwahl im Rennen ein gewisses Potential für Überraschungen: "Das kann das Rennen etwas durcheinander bringen."

Statt Mercedes und Ferrari nur in der Box ein Schnippchen zu schlagen, möchte Red Bull viel lieber gleich am Start für Chaos in den Reihen der Konkurrenz sorgen. "Unsere Starts waren diese Saison bisher sehr gut. Mal sehen, was wir da am Sonntag machen können", sagt Verstappen, der zuletzt in Silverstone Vettel überrumpeln konnte und diesen im ersten Renndrittel zur Verzweiflung trieb. Auch Ricciardo möchte lieber auf der Strecke an seinen Gegner vorbeiziehen: "Ich stehe am Ende dieser Gruppe, also werde ich meinen Weg nach vorne erzwingen müssen."

Ganz ausgeschlossen ist ein Vorrücken von Red Bull nicht, denn Budapest hat in vergangenen Jahren mehrfach überraschende Sieger hervorgebracht. "Der Hungaroring ist auch eine komische Strecke. Wir haben hier schon Sachen erlebt... man muss nur mal an Damon Hill im Arrows denken, der das Auto vor 20 Jahren im Qualifying weit nach vorne stellte und dann im Rennen in Führung liegend ein Problem bekam", erinnert Danner.

Longruns auf Supersoft-Reifen

Fahrer Durchschnittliche Rundenzeit Abstand Reifenalter Session
Daniel Ricciardo 1:22,641 Minuten 23 FP2
Max Verstappen 1:22,736 Minuten + 0,095 Sekunden 14 FP2
Lewis Hamilton 1:23,185 Minuten + 0,544 Sekunden 21 FP1
Valtteri Bottas 1:23,280 Minuten + 0,639 Sekunden 19 FP1
Kimi Räikkönen 1:23,569 Minuten + 0,928 Sekunden 21 FP2

Weitere Inhalte:
Motorsport-Magazin.com fragt
Wir suchen Mitarbeiter