Formel 1

Sebastian Vettels Baku-Rempler: Gleiches Kaliber wie Michael Schumacher?

Schnell war er da nach Sebastian Vettels Baku-Rempler gegen Lewis Hamilton: Der Vergleich mit Michael Schumacher. Was die Serien-Weltmeister auszeichnet:
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Es dauerte nicht lang, da waren die ersten Vergleiche da. Nach Sebastian Vettels offenbar absichtlichem Rempel-Angriff gegen Lewis Hamilton in Baku fühlten sich nicht wenige an einen gewissen anderen deutschen Weltmeister erinnert. Die Rede ist natürlich von Michael Schumacher. Wenig überraschend, zumal sich doch ausgerechnet die ehemaligen Erzrivalen des Rekordweltmeisters, Damon Hill und Jacques Villeneuve, als TV-Experten verdingen.

Ohnehin ist der Vergleich Seb/Schumi spätestens seit Vettels Wechsel zu Ferrari vielerorts und immer wieder mal ein beliebtes Thema, der Vettel-Eklat in Baku bietet aber eine neue Gelegenheit, die Suche nach Parallelen wieder auszupacken und zu erweitern. Und hier spielen die Herren Hill und Villeneuve dieses Mal eine Schlüsselrolle.

Seb & Schumi: Die Skandale

Gegen beide hatte Schumacher in den Neunziger Jahren tatsächlich sehr ähnliche Manöver geliefert wie Sebastian Vettel 20 Jahre später in Aserbaidschan. Zunächst in Adelaide 1994 als Schumacher Hill beim WM-entscheidenden Saisonfinale seitlich in die Kiste fuhr, beide ausschieden und Schumacher sich erstmals zum Weltmeister krönte. Anders als Ferrari-Mann Vettel kassierte Benetton-Pilot Schumacher damals jedoch keine Strafe. Den Ärger Hills kann man sich vorstellen. Eine mehr als kontrovers diskutierte Entscheidung.

Im Gegensatz zu Aktion Nummer zwei: Drei Jahre später wiederholte Schumacher, inzwischen zwei Mal Champion, beim verzweifelten Versuch Titel Nummer drei - den ersten mit Ferrari - klar zu machen, die eigene Geschichte. Diesmal musste nicht bis in die Ewigkeit diskutiert werden, ob es eine Strafe hätte geben müssen. Denn: Für seinen ebenfalls seitlichen Rammstoß gegen Jacques Villeneuve in Jerez kassierte Schumacher diesmal eine Strafe - und zwar deftig: Abzug aller WM-Punkte, nicht einmal der Vize-Titel blieb dem Kerpener.

Vettels Angriff auf Hamilton ordnet sich dazwischen ein. Der Ferrari-Pilot erhielt eine Boxenstopp-Strafe von zehn Sekunden - also eine deutlich zahmere Sanktion als ein WM-Ausschluss, jedoch die in einem einzelnen Grand Prix zweithärteste Strafe vor der Disqualifikation. Für Vettel zu hart. Er könne sich nicht erinnern, dass jemals zehn Sekunden für gefährliches Fahren, so lautete die Begründung der Stewards, verhängt worden seien. Für einen großen Teil der Beobachter jedoch ein wenigstens genau richtiges Strafmaß, wenn nicht sogar zu lasch.

Angesichts der großen Aufregung ist das Thema nun sogar nicht einmal final durch. Am Montag berät die FIA, ob die Causa Vettel in Baku vor den Internationalen Sportgerichtshof gebracht wird. Kommt es soweit, kann Vettel alles erwarten: Von keinen weiteren Maßnahmen über eine nachträgliche Disqualifikation oder Rennsperre bis hin zum WM-Ausschluss à la Schumacher ist alles denkbar. Wenngleich zumindest Letztgenanntes unwahrscheinlich erscheint, erfolgte Vettels Crash bei langsamer Fahrt hinter dem Safety Car, Schumachers dagegen bei Rennspeed. Vettels Rempler war folglich weitaus harmloser.

Adelaide 1994: Die kontroverseste Szene im Duell Hill vs. Schumacher - Foto: Sutton

Aber: Vettel verfügt wie damals Schumacher über eine Vorgeschichte, war erst im Vorjahr nach wüsten Beschimpfungen Charlie Whiting dank etlicher Entschuldigungen um eine Verhandlung vor dem Sportgericht der FIA herumgekommen. Und Schumacher? Galt 1997 bei den Stewards nicht nur wegen seiner Hill- und Villeneuve-Rammstöße als gebranntes Kind. So hatte Schumacher etwa schon beim Großbritannien GP 1994 für Ärger gesorgt, als er die schwarze Flagge ignorierte, seinen Fehler, in der Aufwärmrunde überholt zu haben somit nicht einsah. Die Folge: Disqualifikation, zwei Rennen Sperre.

Seb & Schumi: Die Unbelehrbarkeit

Doch das ist nur ein Beispiel für eine gewisse Unbelehrbarkeit, die Schumacher stets anhaftete. So räumte der Rekordweltmeister selbst nach erfolgter Bestrafung nach der 'Park-Affäre' von Monaco 2006 nie auch nur im Ansatz Absicht ein. Eine Unbelehrbarkeit, die auch Sebastian Vettel teilt, was nach den großen Rammstoß-Skandalen nun unmittelbar zum Vergleich wesentlicher Charakterzüge der beiden deutschen Multi-Weltmeister führt.

So wollte Vettel in Baku partout kein Schuldeingeständnis über die Lippen kommen. Im Gegenteil. Der Ferrari-Pilot wunderte sich sogar noch, dass Lewis Hamilton für sein angebliches Brake-Testing nicht ebenfalls bestraft worden war. "Ich verstehe nicht, dass Sebastian seinen Fehler trotz der eindeutigen Faktenlage nicht erkennt", wundert sich Niki Lauda in der 'WamS'. Ein ähnlicher Fall: Türkei GP 2010, als Vettel beim Überholversuch mit Teamkollege Webber kollidiert, dem Australier den Vogel zeigt. Der Gedanke, auch selbst zumindest mitverantwortlich zu sein, kommt Vettel erst gar nicht. Etwas anders gelagert ist die Lage allerdings, geht es um die Performance. Offensichtliche Fahrfehler, seltene Vettel-Schwächen räumt der Deutsche ein. "Ich habe keinen guten Job gemacht", gestand Vettel nach seiner Pleite gegen Kimi Räikkönen im Monaco-Qualifying 2017. Auf Ausreden stehe er nicht, betonte Vettel jüngst.

Leitwolf Michael Schumacher riss das ganze Ferrari-Team mit sich - Foto: Ferrari Press Office

Seb & Schumi: Die Führungsstärke

Doch ist Monaco 2017 ebenfalls ein guter Ort, um einen weiteren sehr ähnlichen Charakterzug von Vettel und Schumacher anzureißen: Ihre Führungsqualitäten. Beide gelten bzw. galten als absolute Leader, die das ganze Team mit sich reißen, geben die Richtung vor, setzen Akzente. Schumacher durch akribische Arbeitsweise, puren Willen, Vettel zusätzlich durch wohl noch mehr Nähe als einst Schumacher (wobei der Ferrari-intern sicherlich auch alles andere als ein Eisklotz war). Wie besessen lernte der Heppenheimer Italienisch, um mit seinen Ingenieuren kommunizieren zu können - und ganz besondere Botschaften in deren Landessprache per Boxenfunk zu senden. Das verbindet, das schweißt zusammen. Mindestens genauso wie hoch emotionale Worte nach dem Sieg beim genannten Monaco GP - übrigens dem ersten Ferrari-Sieg im Fürstentum seit Michael Schumacher 2001.

Seb & Schumi: Die Emotionen

Emotional ging es bei Schumacher wie Vettel ohnehin immerzu. Unvergessen wie Schumacher bei der Pressekonferenz in Tränen ausbrach als er Sennas persönlichen Sieg-Rekord egalisiert hatte. Unvergessen, wie er Ross Brawn und Jean Todt nach dem erlösenden WM-Titel 2000 in den Armen lag - oder Vettel dem ganzen Team nach seinem ersten Ferrari-Sieg in Malaysia 2015. Unvergessen aber auch wie Schumacher nach dem bitteren Motorschaden in Japan 2006 alle WM-Ambitionen begraben musste, mit der Würde eines Champions jedoch nie den Kopf hängen ließ, die ganze Crew abklatschte.

Wenn es bei Vettel nicht läuft, zeigt er den Frust mehr als deutlich - Foto: Red Bull

Seb & Schumi: Die Ausraster

Letzteres indes lässt Vettel noch vermissen. Wirklich viele Gelegenheiten, sich hier zu beweisen boten sich dem Deutschen allerdings nicht. Doch als es 2014 mit Red Bull und 2016 mit Ferrari so gar nicht laufen wollte, machte Vettel weitaus mehr mit Frust aufmerksam als mit weltmeisterlicher Besonnenheit. Auch bei Schumacher gab es durch die Box fliegende Helme und andere Ausraster. Wenn, dann jedoch mit Grund. Etwa, als er David Coulthard 1998 in der Gischt von Spa ins Heck geknallt war, Schumacher dem Schotten dafür in der Garagen an den Kragen wollte.

Seb & Schumi: Der Arbeitseifer

Die schon genannte Schumacher-Akribie ist die nächste Parallele zu Vettel. Auch der Wahl-Schweizer (noch eine Schumi-Parallele) gilt als harter Arbeiter. Fristete Schumacher sogar noch bis in die Dämmerung hinein bei Testfahrten, um seinen Ferrari zu optimieren, hat es Vettel der inzwischen heftigen Testbeschränkungen sei Dank hier weitaus schwerer. Doch eifert er seinem Vorbild, dessen Poster einst sein Kinderzimmer schmückte, nach so gut es geht. Bei den Pirelli-Tests 2016 rackerte Vettel so viel wie kein anderer Stammfahrer - sehr viel mehr. Im Paddock ist es meist Vettel, der sich spät abends als letzter Pilot von seinem Team losreißt. Das war übrigens schon vor seiner Ferrari-Zeit so wie Vettels wohl berühmtestes Zitat vom Singapur GP 2013 verdeutlicht: "Wenn die anderen nach Hause gehen und sich die Eier in den Pool hängen, sind wir noch da, arbeiten am Auto und versuchen, noch mehr herauszuquetschen."

Seb & Schumi: Der Perfektionismus

Diese Besessenheit, Verbissenheit, mehr als ein Hang zum Perfektionismus - auch all das eint Vettel und Schumacher. Genauso, wie sie dabei alles ihren Zielen und dem Erfolg unterordnen. Wer in der Formel 1 Weltmeister werden will, muss Egoist sein, heißt es. Vettel und Schumacher haben auch dieses Spiel perfektioniert, ohne Rücksicht auf andere krönten sie sich zum erfolgreichsten Rennfahrer der Geschichte bzw. einem der erfolgreichsten.

Sebastian Vettel nimmt für den Erfolg auch auf den Teamkollegen keine Rücksicht - Foto: Sutton

Seb & Schumi: Die Rücksichtslosigkeit

So war für ihre Teamkollegen nie viel zu holen gewesen, sowohl Schumacher als auch Vettel sorgten dafür, im Team die Nummer eins zu sein. Ob nun bei Ferrari oder Red Bull. Rubens Barrichello und Mark Webber können ein Lied davon singen. In Malaysia 2013 überholte Vettel den Australier trotz anders lautender Teamorder. Später entschuldigte er sich, die Extra-Punkte blieben dennoch ihm, nicht Webber.

Schumacher dagegen spielte Ferrari in Österreich 2002 mehr als offensichtlich einen Sieg zu, der eigentlich Barrichello gehört hatte. Schumacher zeigte jedoch Größe, hob Rubinho auf die höchste Stufe des Treppchens. Auch hier blieben die wichtigen Punkte aber selbstverständlich bei Schumacher, der sich später in den USA revanchierte, Barrichello einen Sieg schenkte - natürlich war da der WM-Käse längst gegessen.

Insgesamt zeichnet das Duo Vettel/Schumacher auf, aber oft auch neben der Strecke somit absolute Kompromisslosigkeit aus. Das bringt natürlich jede Menge Reibungspunkte, bietet ohne Ende Diskussionsstoff, ist aber auch der Stoff, aus dem Weltmeister gemacht sind. Und nicht zuletzt auch ein fesselndes Motorsport-Spektakel.


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