Formel 1

Alonso: So anders ist Indycar im Vergleich zur F1

Fernando Alonso durfte erstmals im Indycar testen. Wie sich der McLaren-Star schlug und wo er die Unterschiede zum Formel-1-Boliden sieht:
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Fernando Alonso absolvierte am Mittwoch in Indianapolis seinen ersten Indycar-Test. Der zweiwache Formel-1-Weltmeister nimmt in diesem Jahr erstmals am legendären Indy 500 teil und lässt dafür den Monaco GP aus. Als Vorbereitung auf sein Indy-Debüt absolvierte Alonso einen Privattest mit seinem Team Andretti Autosport.

Dabei musste Alonso zunächst einmal einen Rookie-Test absolvieren. In diesem Jahr beinhaltet der Test 10 Runden mit einer Geschwindigkeit zwischen 205 und 210 Meilen pro Stunde, 15 Runden im Bereich zwischen 210 und 215 Meilen und weitere 15 Runden mit einer Geschwindigkeit über 215 Meilen pro Stunde. Erst nachdem er sein Rookie-Diplom abgelegt hatte, durfte er richtig Gas geben.

Erwartungsgemäß stellte der Rookie-Test Alonso vor keine allzu großen Probleme - zumindest von außen. Im Auto fühlte sich Alonso nicht von Anfang an wohl. "Es war sehr anders: Die Geschwindigkeiten sind so hoch, du brauchst sehr großes Vertrauen ins Auto wenn du Vollgas an der Kurve ankommst. Die G-Kräfte, die Kompressionen, die Überhöhungen - definitiv eine neue Erfahrung. Die ersten paar Runden war ich etwas von meinen Gefühlen verwirrt, danach konnte ich es genießen."

Alonso: Rechter Fuß hat sein eigenes Gehirn

Auch wenn eine Runde im Oval des Indianapolis Motorspeedway mit den heutigen Abtriebswerten eines Indycars locker Vollgas geht, hatte Alonso anfangs seine Probleme damit: "Ich muss ehrlich sagen, am Anfang hatte der rechte Fuß sein eigenes Gehirn, seine eigene Kraft und war nicht verbunden mit meinem Hirn. Ich wollte Vollgas fahren aber der rechte Fuß hatte sein eigenes Leben. Ich wusste, dass es Vollgas geht und wollte nicht lupfen, aber der Fuß wollte. Jetzt habe ich meinen Körper mehr unter Kontrolle und auch das Auto, jetzt kann ich Vollgas fahren."

Die größte Überraschung für Alonso war die Strecke: "Sie sieht so eng aus, wenn du diesen Speed fährst. Wenn du auf dem TV schaust oder im Simulator fährst, dann sieht es größer und einfacher aus. Wenn du im echten Auto bist, ist es so viel enger. Ich habe verschiedene Linien ausprobiert, aber habe mich noch nicht so komfortabel gefühlt, wie ich es wahrscheinlich in ein paar Wochen sein werde."

Seine bisherigen Indy-Erkenntnisse werden somit fast nichtig. Alonso verbrachte zuletzt viel Zeit, Aufzeichnungen von vergangenen Rennen anzuschauen. "Aber die muss ich jetzt nochmal sehen, weil ich jetzt einige Manöver aus einer ganz anderen Perspektive sehe", scherzt der Spanier. Wie viele Europäer hatte Alonso zuvor aber noch nicht besonders viele Berührungspunkte mit Indy: Nur durch Jacques Villeneuve und Juan-Pablo Montoya wurde er überhaupt auf das Rennen aufmerksam.

Alonso überfährt zwei Vögel auf einmal

Alonso hätte gerne noch mehr Erfahrung im Indycar gesammelt, doch das Wetter spielte nicht ganz mit. Erst machten ihm Windböen zu schaffen, dann leichter Regen. Doch die erfahrene Mannschaft von Michael Andretti nutzte die Zeit mit Alonso, um verschiedene Prozedere wie beispielsweise das Pacecar zu üben. Außerdem standen für den gesamten Tag ohnehin nur fünf Reifensätze zur Verfügung - die recht schnell aufgebraucht waren.

Zu einem kleinen Zwischenfall kam es trotzdem schon: Alonso überfuhr bei Vollspeed zwei Vögel, die beim Aufprall komplett zerfetzt wurden. "Ich habe bei meinem vorletzten Run einen Vogel am Boxeneingang gesehen und bin vom Gas und konnte ihm so ausweichen - am Renntag würde ich das wahrscheinlich nicht machen. Da habe ich ein Leben gerettet, aber die anderen beiden konnte ich nicht retten, ich konnte sie nicht sehen."

Die ersten Eindrücke konnte der Mclaren-Pilot sammeln, doch es ist noch viel Erfahrung nötig, um auch das Auto richtig abstimmen zu können. "Die Jungs nehmen während der Fahrt Änderungen am Lenkrad vor und auch in der Box. Sie verbessern das Auto vor dem Qualifying und vor dem Rennen. Da bin ich noch nicht so drinnen, momentan kann ich die kleinen Sachen noch nicht fühlen. Ich fahre noch nicht das Auto, es fährt mich."

Um sein Gespür zu verbessern, bleiben Alonso noch fünf Testtage, bevor es ins Qualifying geht. Direkt am Tag nach dem Spanien GP findet der erste offizielle Test in Indianapolis statt. Dann hat Alonso die Strecke nicht mehr für sich alleine und kann auch das Fahren im Verkehr üben. "Das wird wohl die größte Herausforderung für mich, da muss ich mich Schritt für Schritt herantasten. Jetzt habe ich erst einmal das Auto und die Strecke kennengelernt."

Alonsos Formel-1-Vergleich

Interessant sind die Vergleiche zwischen Formel 1 und Indycar, die Alonso nun perfekt ziehen kann. Im Gegensatz zum Formel-1-Aggregat von Honda läuft der japanische Indycar-Motor zumindest. "Die Mechaniker fragen, ob du bereit bist und du sagst ja. Dann machen sie das Auto an, montieren die Reifen, tanken und dann fährst du los. In der Formel 1 dauert es sechs Minuten, das Auto anzuwerfen. Man muss alles doppelt checken, es gibt so viel Elektronik, die Hybrid-Systeme müssen mit dem Verbrennungsmotor verbunden sein, Brake by Wire und viele Dinge. Hier macht es mehr Spaß, weil du den Motor anschmeißt und fährst."

Hondas F1 Triebwerk ist stärker aber unzuverlässiger - Foto: Honda

Bei der Leistung haben die Formel-1-Aggregate allerdings die Nase vorne: Die 2,2 Liter doppelt aufgeladenen V6-Triebwerke von Honda und Chevrolet leisten jeweils rund 700 PS. In der Formel 1 kommen die Power Untis teilweise auf Systemleistungen von 1000 PS.

Und auch beim Chassis gibt es selbstverständlich größere Unterschiede. "Die Formel 1 fühlt sich durch die Servolenkung ein bisschen einfacher an und du hast mehr Grip von der Aerodynamik", erklärt Alonso. "Alles ist technisch aufwendiger und vorhersehbarer. Hier ist es pur, mehr Racing. Es ist schnell, aber anders. Hier geht es ein bisschen mehr darum, was der Fahrer in verschiedenen Teilen der Kurve macht."

Im Gegensatz zur Formel 1 hat Alonso beim Indy 500 siegfähiges Material in seinen Händen. Andretti Autosport gewann im Vorjahr mit Rookie Alexander Rossi den Klassiker. Das Team von Indy-Legende Michael Andretti, dem Sohn des legendären Mario Andretti, zählt zu den Favoriten. Die von Alonso erreichten 219,7 MPH Durchschnittsgeschwindigkeit auf seiner schnellsten Runde sind allerdings noch kein Referenzwert.


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