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Formel 1 / Interview

Dr. Helmut Marko: Motor kostet über eine Sekunde

Red Bull in der Krise: 1,7 Sekunden Rückstand im Qualifying, Zuverlässigkeitsprobleme im Rennen. Motorsportberater Dr. Helmut Marko geht auf die Barrikaden.
von Christian Menath
Red Bull schreibt WM-Titel ab: Ist Renault schuld am Schlamassel?: (4:49 Min.)

Herr Dr. Marko, ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk war der Russland GP für Sie nicht - das hatten Sie aber wohl auch nicht erwartet. Aber dass der Abstand so groß sein würde?
Dr. Helmut Marko: Nein. Das ist zum Großteil der Motor, ganz sicher. Das führt diese FIA-Messung ad absurdum. Natürlich wissen wir auch, dass unser Chassis ebenfalls nicht dort ist, wo es sein sollte. Da fehlt uns der Abtrieb.

1,7 Sekunden haben Ihnen hier im Qualifying gefehlt. Wie viel geht da aufs Chassis, wie viel auf den Motor?
Dr. Helmut Marko: Über eine Sekunde kommt vom Motor und etwa fünf oder sechs Zehntel vom Chassis.

Aber muss man da als Red Bull nicht anerkennen, dass der Werks-Renault viel zu nah dran ist?
Dr. Helmut Marko: Das ist immer nur im Qualifying. Beim Rennspeed war der Renault bei allen Rennen wieder deutlich weiter weg, da hat der Abstand gepasst. Aber ihr Qualifying-Speed ist beachtlich.

Sie haben die FIA-Simulation bereits angesprochen. Die 0,3 Sekunden beziehen sich aber auf die Referenz-Strecke Barcelona. Russland ist deutlich härter für die Motoren...
Dr. Helmut Marko: Das ist ja egal, denn das hier ist ja auch eine Rennstrecke. Also es sind mindestens fünf Prozent, die uns noch auf Mercedes und Ferrari fehlen. Drei Prozent... ich weiß nicht, wie viel man da messen muss, damit man dorthin kommt.

Außer Honda sollen alle Motoren innerhalb von 0,3 Sekunden liegen - Foto: Mercedes/Honda/Renault

Die Motorenhersteller haben sich gemeinsam auf diese Simulationsmethode geeinigt, nicht nur die FIA. Sie vertrauen dieser Methode trotzdem nicht?
Dr. Helmut Marko: Nein. Wieso brauchen wir so eine komplizierte Methode? Wenn Charlie Whiting sagt, er versteht es nicht, dann brauchen wir nur das Qualifying nehmen. Da fährt jeder mit der maximalen Power und dem minimalen Gewicht. Da verstehe ich nicht, was man da noch simulieren muss.

Das Simpelste, das es gibt, ist, das Qualifying zu nehmen, Q3. Da sehen sie es. Es geht ja um die absolute Motorleistung und nicht darum, wie einer im Dauerlauf den Motor schont. Oder den ersten Motor im vierten Rennen, dann geht er mit der Leistung zurück. Das alles ist ja nicht relevant hinsichtlich der absoluten Motorleistung.

Im Qualifying fallen aber trotzdem die Unterschiede zwischen den verschiedenen Chassis ins Gewicht...
Dr. Helmut Marko: Die haben wir aber im Rennen auch. Nur da kannst du nie überprüfen, wer mit welchem Motor-Modus unterwegs ist.

Die FIA müsste eingreifen! Warum ist denn Honda nicht gemessen worden? Sie sehen ja, wie geschönt dieses Resultat ist.
Dr. Helmut Marko

Wer sollte denn Interesse daran haben, dass diese Simulation nicht stimmt?
Dr. Helmut Marko: Schwer zu sagen. Aber die FIA müsste eingreifen! Warum ist denn Honda nicht gemessen worden?

Die FIA sagt, dass drei von vier Motorenherstellern in der Spanne liegen müssen.
Dr. Helmut Marko: Ja, das genügt denen. Aber sie sehen ja, wie geschönt dieses Resultat ist.

Wie ist denn die Beziehung zwischen Red Bull und Renault? Vor einiger Zeit gab es ja größere Probleme, dann schien alles bestens zu sein. Und jetzt?
Dr. Helmut Marko: Naja, sie haben ihre Probleme. Das ist der Fall und ich hoffe, dass sie vor allem einmal die Zuverlässigkeitsprobleme lösen. Das müssen sie zuerst machen, dann können sie auf Leistung gehen. Es ist ein neuer Motor und es ist eben Pech. Vergangenes Jahr war das Triebwerk PS-mäßig nicht vorne, aber es war das standfesteste. Wir hatten kein einziges Motorproblem.

Marko: Unabhängiger Hersteller ab 2021

Sie haben sich kürzlich wieder geäußert, dass sie gerne einen unabhängigen Motorenhersteller hätten. Mit Renault hatten sie einen solchen ja mal, als es noch kein Werksteam gab. Hat sich dadurch jetzt etwas verändert?
Dr. Helmut Marko: Nein. Es geht um die Transparenz und darum, dass wir als unabhängiges Team auch dazu in der Lage sein wollen, uns den Motorhersteller auszusuchen. Aber es wird bei diesem Reglement niemand von Cosworth oder Ilmor kommen, weil sie diese Entwicklungskosten über den Preis nie wieder reinholen können.

2021 soll der neue Motor kommen und die Rahmenbedingungen wurden schon festgelegt. Haben Sie Hoffnungen, dass damit ein unabhängiger Hersteller kommt?
Dr. Helmut Marko: Ich glaube schon, denn Liberty Media muss ja Interesse daran haben, dass die Show und der Sport wieder attraktiver werden. Und er kann nicht attraktiv sein, wenn der Fünfte 1,8 oder 1,9 Sekunden hinter dem Ersten ist. Das Feld ist sehr weit auseinander, so dass es hier kein enges Racing gibt.

Red Bull hinkt auch beim Chassis deutlich hinterher - Foto: Red Bull

Beim Chassis hatten Sie bereits gesagt, dass sie auch nicht da sind, wo Sie sein wollen...
Dr. Helmut Marko: Das ist nicht das, was wir gewohnt sind abzuliefern. Ich hoffe, dass unser Update in Barcelona das ändert.

Sie hatten das bereits bei den Testfahrten in Barcelona erkannt und gesagt, dass Sie eine schnelle Reaktion erwarten. Aber für Red Bull-Verhältnisse dauert es mittlerweile schon relativ lange...
Dr. Helmut Marko: Das liegt daran, dass die Änderungen relativ massiver Natur sind.

Die WM kann man damit jetzt schon abhaken?
Dr. Helmut Marko: Ich fürchte ja. Wir haben unsere Probleme, Renault hat seine Probleme. Und wie gesagt, der Unterschied auf der Motorenseite ist nicht geringer geworden im Vergleich zum Vorjahr.

Bedeutet das, dass sich Red Bull jetzt schon auf 2018 konzentriert?
Dr. Helmut Marko: Nein, wir kämpfen solange es geht. Aufgeben tun wir noch nicht. Schauen wir erstmal, was in Barcelona der Fall ist.


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