Formel 1 / Analyse

Bahrain-Analyse: Wie Vettel Mercedes schlug

Lewis Hamilton hätte den Bahrain GP gewinnen können. Zu viele kleine Fehler summierten sich - und die nutze Sebastian Vettel gnadenlos aus. Die Rennanalyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Am Abend nach dem Bahrain GP saß Lewis Hamilton zusammengekauert in der Mercedes-Hospitality. Die Niederlage im dritten Saisonlauf gegen Sebastian Vettel nahm Hamilton deutlich mehr mit als jene beim Saisonauftakt in Melbourne. Diese Niederlage schreibt sich der Weltmeister selbst auf die Fahnen. Hätte Hamilton wirklich gewinnen können, oder war der Ferrari einmal mehr das schnellere Auto im Rennen? Die Analyse.

  • 1. Fehler: Schlechter Hamilton-Start
  • 2. Fehler: Boxenstopp-Probleme bei Mercedes
  • 3. Fehler: Hamilton-Strafe wegen Schleichfahrt
  • 4. Fehler: Mercedes wartet mit Teamorder zu lange

Den ersten Fehler beging Lewis Hamilton schon am Start. Die Reaktionszeit des Briten war top, doch in der zweiten Phase drehten seine Hinterreifen zu stark durch. "Mein Fehler", musste Hamilton anerkennen. Vettel setzte sich neben Hamilton und ging mit einem riskanten Bremsmanöver außen vorbei. "Er war im toten Winkel, ich konnte ihn nicht sehen", so Hamilton, der sich in Kurve eins überraschend defensiv verhielt.

Vettel bringt Mercedes aus dem Rhythmus

Möglicherweise war es der entscheidende Fehler im Rennen. "Für uns war es entscheidend, zwischen die beiden zu kommen, um es ihnen nicht zu erlauben, in ihren Rhythmus zu kommen, wegzuziehen und ihre Sache zu machen. Wir mussten sie ein bisschen reizen", erklärte Vettel nach seinem Sieg.

Von der reinen Pace her hätte Hamilton das Rennen gewinnen können, Ferrari musste Unruhe stiften, um Mercedes in Fehler zu treiben. Einmal mehr war Mercedes im Qualifying schneller als Ferrari. Auf eine Runde sind die Reifen kein Problem, zudem hilft der Motor-Modus, die Konkurrenz hinter sich zu lassen. Im Rennen war der Vorsprung von knapp einer halben Sekunde allerdings weg. Vor allem die Supersoft-Reifen funktionierten im Renntrimm am Ferrari deutlich besser als am Mercedes.

Zwar hatte Valtteri Bottas im ersten Stint das Problem mit den zu hohen Reifendrücken, aber auch bei Hamilton schien es mit den Supersofts nicht besonders zu laufen. Während Bottas auch im zweiten Stint auf Supersoft setzte, bekam Hamilton hier schon die Softs verpasst - womit der Silberpfeil deutlich besser funktionierte. Vettel setzte wie Bottas im zweiten Stint auf Supersoft.

Vettel gewinnt Bahrain GP: Ferraris neue Stärke - war's der Osterhase?: (3:54 Min.)

Hamilton macht zwei Fehler

Beim Boxenstopp machte Hamilton seinen zweiten Fehler: Als das Safety-Car kam, gingen alle Spitzenpiloten, die noch keinen Reifenwechsel absolviert hatten, an die Box. Hamiltons Problem war, dass er sich direkt hinter Bottas befand und beim Reifenwechsel warten musste, bis sein Teamkollege abgefertigt war.

Um die Wartezeit zu verringern und keine Zeit auf Ricciardo hinter ihm zu verlieren, ließ Hamilton unter Safety-Car-Bedingungen den Rückstand auf Bottas wachsen. "Ich hatte eine solche Situation schon einmal, nämlich mit Nico in Monaco. Dort hatte ich zu wenig Rückstand und musste warten. Man braucht etwa fünf Sekunden", so Hamilton.

Ich habe bis zur Boxenlinie runtergebremst und habe mich rollen lassen, bin nicht mehr aufs Gas gegangen. Es war wie ein Domino-Effekt.
Lewis Hamilton

Im Umlauf zuvor hatte Hamilton gerade einmal 0,7 Sekunden Rückstand auf Bottas. Doch durch die Geschwindigkeit unter SC-Bedingungen in langsamer Fahrt vergrößert sich der Vorsprung zeitmäßig. Nicht viel genug allerdings, weshalb Hamilton bis zur ersten Safety-Car-Linie langsamer machte und fast exakt auf die geforderten fünf Sekunden kam. Hinter der Safety-Car-Linie dürfte die Konkurrenz überholen, selbst wenn das Safety-Car auf der Strecke ist.

An der Safety-Car-Linie gab Hamilton wieder Gas, um Ricciardo hinter sich zu halten. Bis hierhin war alles gut. "Dann habe ich aber gesehen, dass es bei Valtteri Probleme gab und wusste, dass der Abstand nicht reichen würde. Ich habe bis zur Boxenlinie runtergebremst und habe mich rollen lassen, bin nicht mehr aufs Gas gegangen. Es war wie ein Domino-Effekt", schildert der dreifache Weltmeister.

Statt der maximalen 80 Stundenkilometer fuhr Hamilton zeitweise nur mit 57 km/h. Erst als Bottas' Boxenstopp beendet war, schaltet Hamilton aus dem Schleich-Modus wieder in den Rennmodus und beschleunigte auf 75 km/h. Dafür gab es eine Fünf-Sekunden-Strafe von den Rennkommissaren. Nachdem Kimi Räikkönen 2005 beim Belgien GP unnötig in der Boxengasse verlangsamte, ist das Langsamfahren verboten.

Hamilton reihte sich auf Platz vier hinter Vettel, Bottas und Daniel Ricciardo wieder ein. Gleich am Restart holte er Platz drei von Ricciardo zurück, auf den Soft-Reifen funktionierte der Mercedes endlich. Hamilton hätte leicht mit Vettel mithalten können, doch Mercedes beging den dritten großen Fehler.

Hamilton hing hinter Bottas auf den schwächelnden Supersoft-Reifen fest. Mercedes wartete mit der Stallorder zehn Runden - zu lange. Vettel zog an der Spitze davon, in diesen zehn Runden wuchs Hamiltons Rückstand auf Vettel von 2,5 auf fast 7 Sekunden an. Zusammen mit den fünf Sekunden, die Hamilton bei seinem zweiten Stopp in der Boxengasse absitzen musste, ergeben sich aus Fehler Nummer zwei und drei alleine rund zehn Sekunden.

Mercedes mit Boxenstopp-Probemen

Dazu kam, dass Mercedes nicht nur bei Bottas erstem Stopp Probleme hatte, sondern bei allen Stopps des Rennens. Offenbar funktionierte die Druckluftanlage nicht richtig, die Schlagschrauber hatten nicht genügend Power. Bottas' erster Stopp dauerte 6,25 Sekunden, Hamiltons ebenfalls. Beim zweiten Stopp stand Hamilton 8,85 Sekunden inklusive Strafe. Das ergibt für den Reifenwechsel noch immer 3,85 Sekunden - deutlich zu lange. Ferrari benötigte bei Vettels Stopps 3,01 respektive 2,88 Sekunden. Hamilton verlor so im Stand knapp fünf Sekunden zusätzlich.

"Wenn man das Rennen verliert, ist das natürlich eine mutige Aussage, aber ich würde sagen, dass wir im Rennen ziemlich gleichauf mit Ferrari sind, was die Pace angeht", meinte Toto Wolff nach der bitteren Niederlage. "Viele kleine Fehler haben uns das Rennen gekostet."

Das Hamilton die Pace tatsächlich hatte, zeigte sich spätestens im letzten Stint, als er auf frischen Soft-Reifen noch einmal Jagd auf Vettel machte. Mit acht Runden neueren Reifen verkleinerte er den Rückstand auf den Ferrari-Piloten von fast 20 Sekunden in Runde 42 auf weniger als 6 Sekunden in Runde 54.

Nach der Safety-Car-Phase fuhren Hamilton und Vettel übrigens fast den identischen Rundenschnitt: Beide fuhren im Mittel 1:34,7 Minuten. Rechnet man Hamiltons Runden hinter Bottas raus, kommt der Mercedes-Pilot auf drei Zehntel weniger.

Fazit: Start, Boxenstopps, Strafe und zu späte Teamorder waren mindestens zwei Fehler zu viel. Allein die Fünf-Sekunden-Strafe war es am Ende nicht, die Hamilton den Sieg gekostet hat. An einem fehlerfreien Sonntag hätte Hamilton durchaus gewinnen können, aber: Vettel hat Mercedes und Hamilton in Fehler getrieben. Die letzten drei Jahre hatte Mercedes kaum Druck von der Konkurrenz, jetzt sieht es anders aus.


Weitere Inhalte:
Motorsport-Magazin.com fragt
Wir suchen Mitarbeiter