Formel 1

China GP: Ferrari-Ass Kimi Räikkönen angefressen wegen mieser Shanghai-Strategie

Kimi Räikkönen erlebt einen China GP zum Vergessen. Durchwachsener Start, Probleme mit der Power Unit und Ferraris 'Strategie' lassen den Iceman schäumen.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Wäre Kimi Räikkönen Software-Entwickler statt Formel-1-Fahrer geworden, so hätte er ganz sicher seine Finger beim finnischen Kult-Game Angry Birds im Spiel gehabt. Zumindest wenn man nach Räikkönens Emotionen während des China GP in Shanghai geht.

Der Positionsverlust gegen Daniel Ricciardo gleich am Start auf feuchter Strecke wäre für den Iceman im Normalfall noch zu kompensieren gewesen, weist der Ferrari gegenüber dem Red Bull durchaus Power-Vorteile auf. Zumindest auf dem Papier. Doch kann Räikkönen seinen Leistungsvorteil trotz der längsten Gerade der ganzen Formel-1-Saison in China nicht ausspielen. Grund laut Räikkönen: Immerhin kein direkter Defekt an der Power Unit, aber zumindest ziemliche Probleme mit den Motoreinstellungen seines Ferrari SF70H.

Was zur Hölle passiert am Ausgang von Kurve 12? Ich habe keine Power!
Kimi Räikkönen

"Ich weiß nicht, was mit meinem Motor passiert ist. Ich habe null Drehmoment", schimpft der Finne bereits nach wenigen Runden im Boxenfunk. Ein Problem, das sich nicht mal eben in Luft aufzulösen scheint. So wettert Räikkönen kurz darauf gleich weiter: "Was zur Hölle passiert am Ausgang von Kurve 12!? Ich habe keine Power wenn ich nicht den 'K1' drücke!" Später im Rennen ein weiterer Funkspruch dieser Art.

Nach der Safety-Car-Phase sah es in China für Kimi Räikkönen noch recht gut aus - Foto: Sutton

Safety Car als kurzer Hoffnungsschimmer für Kimi Räikkönen

Immerhin die Safety-Car-Phase zu Beginn des Rennens spielt Räikkönen dann in die Karten, spült den Finnen kurzzeitig vor auf P3 - allerdings weiter hinter Bremsklotz Ricciardo. Doch ist der Podiumsrang aufgrund des mit superweichen Reifen heranpreschenden Max Verstappen nach Wiederfreigabe des Rennens schnell verloren. Auch Ricciardo muss sich dem Teamkollegen beugen während von hinten Vettel Druck macht. In Runde 19 schließlich kann Räikkönen seinen Teamkollegen nicht mehr halten, in Kurve sechs sticht Vettel innen vorbei am Iceman, drei Runden später - mit einem sensationellen Manöver - auch an Ricciardo.

Mal wieder: Ferrari-Strategie geht voll nach hinten los

Für Räikkönen indessen geht es daraufhin eher fad weiter. Weil er mit seinem leicht angeschlagenen Ferrari keinen Weg an Ricciardo vorbei findet, lässt er knapp zwei Sekunden abreißen, um zumindest seinem Steckenpferd zu frönen: Reifen schonen. Doch selbst für den Geschmack von Reifenflüsterer Kimi Räikkönen währt diese Phase viel zu lang. Zwar spült es den Finnen durch die zweiten Stopps von Verstappen, Vettel und Ricciardo kurzzeitig sogar bis auf Rang zwei nach vorne, doch verliert er daraufhin irrwitzig viel Zeit.

Ich hatte schon das Gefühl, dass wir vielleicht an einem gewissen Punkt noch einmal würden stoppen müssen.
Kimi Räikkönen

Warum? Ferrari zitiert Räikkönen viel später als alle anderen zum zweiten Wechsel, versucht lange mit nur einem Stopp über die Renndistanz zu kommen. Für Räikkönen ein aberwitziges Vorhaben. Trotz mehrmaligen und nachdrücklichen bis erbosten Nachfragens seitens des Finnen (vergleiche Boxenfunk-Protokoll unten) erlöst die Scuderia den entnervten Räikkönen schließlich erst in Umlauf 39 von seinem gefühlten Holzreifen vorne Links. Vettel war bereits fünf Runden zuvor zum Wechsel gekommen, Ricciardo sechs, Verstappen sogar ganze zehn Umläufe früher.

Dieses Gefühl wurde auf meiner Seite immer größer, aber es hat eine ganze Weile gedauert (bis zur Boxenstopp-Order; d. Red.). Die Gründe dafür, weiß ich nicht.
Kimi Räikkönen

"Ich hatte schon das Gefühl, dass wir vielleicht an einem gewissen Punkt noch einmal würden stoppen müssen, also wollte ich es lieber früher machen, um dem Verkehr aus dem Weg zu gehen, den Autos vor mir, aber das ist nicht passiert", mäkelt Räikkönen an der Strategie seines Teams. "Dieses Gefühl wurde auf meiner Seite immer größer, aber es hat eine ganze Weile gedauert [bis zur Boxenstopp-Order; d. Red.]. Die Gründe dafür, weiß ich gerade nicht. Wir hätten da einen besseren Job machen müssen", kritisiert Räikkönen - ohne dem Team aber unmittelbar einen klaren Fehler vorwerfen zu wollen.

Im Schlusssprint reichte es für Räikkönen nicht, um Red Bull einzuholen - Foto: Sutton

Räikkönens Schlusssprint reicht nicht mehr

Danach sei sein Rennen so ziemlich gelaufen gewesen. Am Ende reicht es für Räikkönen in China somit nur zum fünften Platz. Zwei Sekunden fehlen am Ende auf Ricciardo - direkt nach dem Boxenstopp hatte der Finne noch 14 Sekunden Rückstand aufgewiesen. Zudem muss sich Räikkönen noch auf der Strecke an Carlos Sainz vorbeiquetschen. Selbst der Toro Rosso war ob des lange versäumten Stopps durchgerutscht. "Ich habe die Red Bulls noch eingeholt, aber es war zu spät", kommentiert Räikkönen die Schlussphase seines gebrauchten China GP 2017.

Ich habe die Red Bulls noch eingeholt, aber es war zu spät.
Kimi Räikkönen

Mit freier Fahrt und frischen Reifen war für Räikkönen also durchaus eine ähnliche Pace wie die seines Teamkollegen möglich. "Das Auto hat sich mit neuen Reifen ziemlich gut verhalten", sagt er. "Aber nach einigen Runden haben wir die Front verloren. Da müssen wir sicherlich noch am Setup arbeiten. Doch selbst damit hätten wir noch ein besseres Ergebnis holen müssen ...", spielt Räikkönen nochmals auf die Strategie an. "Es war aber schon besser als im vergangenen Rennen. Der Speed war nicht schlecht, aber das Resultat ist nicht großartig und das zeigt, das wir noch Verbesserungen machen müssen", befindet Räikkönen. "Aber ich denke, dass wir wissen, was wir da tun können", versichert der Ferrari-Pilot. "Es gibt jede Menge Potential."

Bis Ferrari Kimi Räikkönen zum zweiten Mal an die Box zitierte verging eine halbe Ewigkeit - Foto: Sutton

Kimi Räikkönens Boxenfunk zur Ferrari-Strategie beim China GP

Räikkönen: "Denken wir wirklich, dass die Reifen bis zum Ende des Rennens halten werden? Denn es fühlt sich nicht so an. Ich rutsche, weil ich so nah am dem Auto vor mir dran bin. Wenn wir stoppen müssen, sollte es vielleicht bald sein."

Räikkönen: Warum habt ihr mich nicht gestoppt als ich euch gefragt habe?
Ferrari: Wir denken, es [ein Stopp; d. Red.] ist die beste Chance zuende zu fahren. Aber wir haben deine Nachricht gehört.

Räikkönen: Wann werden wir also aufhören [mit diesem Stint; d. Red.]? Ich habe eine so schlechte Vorderachse ... [von der FOM zensiert] ... sie werden mich so leicht einholen. Ich habe vorne nichts mehr übrig und es sind noch 20 Runden zu fahren. Boaaah ..."
Ferrari:Unser aktuelle Vorhersage ist P3 wenn wir noch stoppen. Wir denken, Seb wird durchrutschen, aber die anderen werden dahinter sein."

Räikkönen: "Wie viel schneller sind die Leute hinter uns?"
Ferrari: "Vettel fuhr 36.9."
Räikkönen:"Wir sind also drei Sekunden langsamer und ihr denkt; es ist wirklich gut draußen zu bleiben? Es wird nur schlechter werden."
Ferrari: "Verstanden. Verstappen 37.6, Ricciardo 37.6."
Räikkönen:"Es sind noch immer 18 Runden. Und die Front ist schon ernsthaft schlecht. Vor allem vorne links ist es richtig schlecht."
Ferrari: "Verstanden, Kimi. Verstanden."
Räikkönen:"Denn jemand hinter uns, selbst die Red Bulls werden uns so überholen, wenn wir nicht stoppen. Come on!"
Ferrari: "Box diese Runde, Kimi, Box diese Runde."

Ach ja: Wenn es um die Fans geht, ist Kimi natürlich gleich wieder ganz nett:


Weitere Inhalte:
Motorsport-Magazin.com fragt
Wir suchen Mitarbeiter