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Formel 1 / Interview

Alex Wurz: Ohne Sicherheit droht Formel-1-Verbot

Im zweiten Teil des großen Interviews nimmt Alex Wurz das Business Formel 1 unter die Lupe und erklärt, warum Sicherheit exitenziell für die Formel 1 ist.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Es wird langsam zur kleinen Tradition: Pünktlich zum inoffiziellen Saisonstart der Formel 1 bei den Wintertestfahrten setzt sich Motorsport-Magazin.com mit Ex-Formel-1-Pilot, Le-Mans-Sieger, GPDA-Präsident, Williams-Berater, Geschäftsmann und Motorsport-Visionär Alex Wurz zusammen. Das zweiteilige Interview zur Lage der Königsklasse wurde im vergangenen Jahr so oft aufgerufen wie kein anderes Interview. Deshalb die Fortsetzung. Teil 2 zur Lage der Königsklasse im Jahr 2017 mit Alex Wurz:

Wir haben uns ausführlich über die sportliche Seite der Königsklasse unterhalten, das andere Problem, das wir letztes Jahr besprochen haben, war das Business der Formel 1. Da hat sich über den Winter ja viel getan. Du hast gesagt, du hattest auch schon Kontakt mit den Neuen. Wie zufrieden bist du damit?
Alex Wurz: Das muss man einfach abwarten. Ich denke, dass die neuen Besitzer natürlich die Probleme und die Chancen ganz klar sehen. Ich hoffe, dass ihr Geschäftsmodell und ihre finanziellen Erwartungen so ausgerichtet sind, dass man in den Sport auch investieren kann. Das heißt nicht unbedingt, mehr Geld reinzustecken, aber weniger herauszuziehen. Die Profite ein bisschen zurückschrauben, um den Promotoren, den Rennstrecken, zu helfen und vielleicht ein bisschen mehr zu investieren, um dem Image der Formel 1 zu helfen.

Aber erwartet das der Businessman Alex Wurz wirklich? Als Geschäftsmann willst du doch eigentlich nur dein Cash sehen...
Alex Wurz: Beispiel: Du besitzt ein Haus und die Wände sind ein bisschen schmutzig. Was eigentlich egal ist, weil das Haus in einer guten Lage ist und du es für zwei Millionen verkaufen kannst. Dann streichst du die Wände an und investierst noch die 20.000 Euro. Damit wirst du es sicher einfacher und schneller verkaufen können. Aber du musst erst einmal investieren. Dann ist es vielleicht einen Monat nicht auf dem Markt und du musst Geld hineinstecken, aber du kannst es danach wesentlich teurer verkaufen.

Du besitzt ein Haus und die Wände sind ein bisschen schmutzig. Dann streichst du die Wände an und investierst noch die 20.000 Euro. Du musst erst einmal investieren, aber du kannst es danach wesentlich teurer verkaufen.
Alex Wurz

Wir müssen da vielleicht ein, zwei Jahre sagen: Eventuell ist es mir lieber, dass ich in Entwicklungsländern 100.000 Zuschauer habe. Dann muss ich das Ticket für 30 oder 50 Euro verkaufen. Dann muss ich dem Promotor drei bis vier Millionen Nachlass bieten und vielleicht im ersten Jahr die TV-Rechte umsonst geben, damit man da überhaupt Fans erreicht, die dann zum Rennen kommen und zahlen sollen. Und im Gegenzug in den Ländern anheben, in denen es sowieso immer gut ausverkauft ist. Da brauche ich bei den Ticketpreisen dann vielleicht nicht mehr runtergehen und bei den Gebühren. Aber dort stimmt dann auch das Geschäftsmodell für den Veranstalter.

Wenn du das bei 20 Rennen summierst, verlieren sie vielleicht 50, 60 oder 100 Millionen. Das macht sich dann auch im Resultat bemerkbar, wenn ich das zwei oder drei Jahre mache. Aber wenn auf einmal alle Rennen ausverkauft sind, dann merke ich, ein ausverkauftes Rennen mit vollen Tribünen erreicht auch beim TV-Zuschauer mehr Euphorie, weil man im Unterbewusstsein sieht: Da sind 100.000 Menschen, das muss cool sein. Wir haben ja einen Herdentrieb. Wenn wir vor leeren Zuschauerrängen in Korea fahren, bin ich zu Hause auch etwas enttäuscht.

Aber die Teams haben ja dann auch weniger Geld, wenn der kommerzielle Rechteinhaber weniger einnimmt. Und die sind doch die ersten, die schreien und wieder mehr Geld haben wollen...
Alex Wurz: Genau, deswegen habe ich letztes Jahr gemeint, man sollte das Geschäftsmodell umstellen. Das müssen wir lösen. Sie können viele andere Dinge machen, sie könnten eine Finanzierung machen, dass sie den Teams weiter zahlen, was sie jetzt bekommen, wenn sie es müssen, wenn sie die Teams nicht dazu bringen können, mit weniger zu leben - was schwierig wird.

Dass sie sagen, wir haben einen finanziellen Puffer für unser Geschäftsmodell über sieben Jahre, die ersten drei Jahre haben wir weniger Einnahmen, aber das refinanzieren wir, indem wir einen Formel-1-Fond auflegen oder das irgendwie fremdfinanzieren. Das ist das Geschäftsrisiko, das sie eingehen müssen, weil sie sagen: So machen wir das Produkt mehr sexy, es wird später teurer werden. Ich habe mehr Einnahmen aus anderen Quellen, die bis jetzt nicht lukriert wurden, und kann das locker wieder refinanzieren. Dann habe ich die Teams nicht verärgert, muss den politischen Hickhack auch nicht mitmachen und in sieben Jahren bin ich schneeweiß, weil ich auf einmal doppelt so viel verdiene. Wie Liberty das genau macht, weiß ich noch nicht, sie haben ihr eigenes Geschäftsmodell entwickelt. Deswegen bin ich gespannt, was da jetzt auf uns zukommt.

Was ändert sich durch Liberty Media? - Foto: Motorsport-Magazin.com

Jeder hat sich mit Liberty den großen Social-Media-Boost erhofft. Du hast letztes Jahr auch gesagt, da habe die Formel 1 viel verschlafen. Aber Geld verdiene ich mit Social Media nicht wirklich...
Alex Wurz: Jein. Es gibt schon Modelle, wie man Social Media monetarisieren kann. Das braucht aber einige Zeit, bis man das entwickelt. In der Fachsprache braucht man Eyeballs: Du brauchst Hits, Follower, Konsumenten. Wenn man dann bei einer gewissen Masse ist, kann man damit Geld verdienen.

Aber da musst du auch wieder denken: Es ist ähnlich wie Vielflieger-Programme bei Fluggesellschaften: Wenn du das heutzutage nicht mehr hast, bindest du den Kunden nicht. Wenn du dem Kunden nicht jeden Tag kleine Häppchen gibst, dass er die Formel 1 cool findet, damit er dran bleibt, dann gibst du einem anderen die Chance, deine freie Zeit und Aufmerksamkeit zu stehlen. Rallyecross, vielleicht ein Computerspiel, Hollywood. Wir kämpfen alle um eine gewisse Zeit, die du in deiner Freizeit aufbringen kannst, um etwas zu verfolgen. Du kannst vielleicht kein Geld verdienen, aber du behältst und faszinierst den Kunden, damit er weiterhin über viele Jahre bleibt. Man kann es also so und so sehen.

Sportlich bist du ja zufriedener als letztes Jahr, bis auf ein paar kleine Schönheitsfehler. Das Business ist auch aussichtsreich. Das einzige, was dir wahrscheinlich nicht gefällt, ist das Thema Sicherheit. Eigentlich sollten wir den Halo ja dieses Jahr bekommen - haben wir aber nicht.
Alex Wurz: Grundsätzlich gefällt mir die Formel 1 und die Sicherheit sehr gut, weil es langfristig gesehen ein Beispiel dafür ist, wie über 30, 40 Jahre ein Produkt, das immer höchste Performance zeigt, die schnellsten Autos hat, teilweise auch wieder zu extremeren Rennstreckendesigns geht, immer sicherer geworden ist. Und obwohl es sicherer geworden ist, wurde es im Zeitrahmen von diesen 30, 40 Jahren auch immer populärer. Das ist ein cooles Beispiel für die Autoindustrie. Es wäre ganz wichtig, das zu kopieren: Dass man, ohne bei der Performance Abstriche machen zu müssen, dennoch das Produkt sicherer macht. Da muss man Leichtbau und rigoroses R&D (Research & Development, Forschung & Entwicklung) betreiben. Wie man ein Risikomanagement macht, ohne auf Performance zu verzichten, hat die Formel 1 brillant vorgemacht. Auch Luftfahrtindustrie oder Schiffe könnten alle davon lernen. Da sind wir echt auf dem neuesten Stand.

Ich würde gar nicht sagen, dass ich schwer enttäuscht bin. Ich hätte mir gewünscht, dass die Formel 1 einen besseren Prozess anwendet.
Alex Wurz

Jetzt reden wir über ein Segment, das in dieser Abfolge der Sicherheitskalkulationen noch das höchste Sicherheitsrisiko aufzeigt. Bei der Logik, aber auch bei den Daten. Das ist einfach der freistehende Kopf mit den Kopfverletzungen. Ich würde gar nicht sagen, dass ich schwer enttäuscht bin. Ich hätte mir gewünscht, dass die Formel 1 einen besseren Prozess anwendet. Die Entwicklung des Halo war gut, aber beim Entscheidungsprozess haben wir uns als Industrie etwas selbst geschadet und da haben alle Leute nicht gut genug kommuniziert.

Das System kommt nicht, wurde aber vorher schon angekündigt, die ganzen technischen Gremien haben es auch schon ins Reglement gebracht und Fahrern und Medien wurde ebenfalls gesagt, dass es kommt. Wenn das nachher boykottiert wird und dadurch ein kurzfristiger Medienaufschrei entsteht - ob jetzt Pro oder Contra ist egal -, genau da muss ich sagen, das ist intern von der Kommunikationsstrategie nicht gut genug und das schadet dem Produkt. Eigentlich hätte diese Entwicklung und das Ja und das Nein kein Fan und kein Medienvertreter mitbekommen sollen - außer du bist ein Hardcore-Medienvertreter. So wurde es aber auf jeder TV-Station live getestet, kommuniziert und hat da auf einmal etwas bewirkt, was der Formel 1 in Sachen Image geschadet hat.

Müsst ihr euch von Seiten der GPDA da auch selbst etwas ankreiden?
Alex Wurz: Da tragen alle gleich viel Schuld. Unterm Strich waren sich alle einig, dass es kommt, inklusive der Technischen Direktoren, die mehrere Meetings hatten. Dann ist es nicht gekommen. Dem Fan oder dem Leser zu Hause geht es nicht darum, ob es gut oder schlecht ist, ob es schön oder mies aussieht ist. Es ist ein normaler Sicherheits-Entwicklungsprozess. Es könnte auch ein neuer Sicherheitsgurt sein oder ein Airbag. Das ist dem Normalverbraucher völlig egal.

Red Bull will lieber den Aeroscreen als Halo - Foto: Red Bull

Dieser Prozess wurde zum ersten Mal anders gemacht: Er wurde von einer Art und Weise nicht mehr nur von der FIA gemacht, sondern von den Teams mitgestaltet. Mercedes hat eine Lösung eingebracht, bei der Red Bull dann vermutet hat, sie hätten das entwickelt, um einen Aerodynamik-Vorteil zu haben. Dann haben sie gesagt: 'Wir bringen unseren Aeroscreen, weil wir das länger entwickelt haben, deswegen können wir einen Performancevorteil hinter dem Teil haben.' Das war die Krux. Die Sicherheit sollte zu 100 Prozent nur die FIA entscheiden.

2017 ist der Halo nur vorübergehend vom Tisch, 2018 soll er endgültig kommen. Sehen wir ihn zu 100 Prozent?
Alex Wurz: Kann ich dir nicht beantworten. Das liegt nicht an mir. Ich hoffe nur eines - und da mache ich mich zwar nicht beliebt, aber ich sag es: Ich hoffe, dass die Formel 1 nicht von einer Entwicklungsrichtung, die sie über 30 Jahre gemacht hat, weggeht. Safety first, ohne die Performance auf der Strecke zu beeinflussen. Wenn wir aufhören, die Autos zu entwickeln, kann der Veranstalter, die FIA, die Formel 1, der Rechteinhaber die Autos nie schneller und aggressiver machen. Die Popularität stieg über die letzten 30,40 Jahre dramatisch an, die Rundenzeiten wurden immer schneller, obwohl das Reglement jedes Jahr versucht, die Autos zu zähmen. Da ist ein klarer Strich.

Die Sicherheit war bis vor kurzem einer der Hauptverkaufspunkte der Formel 1. Wir haben das als faszinierend verkauft, dass sie mit 300 in die Wand fahren und aussteigen. Bis vor zwei oder drei Jahren - du kannst dem widersprechen oder es bestätigen - als die Formel 1 immer im Wachstum war, wurde nie diskutiert: Es ist zu sicher und deswegen ist die Formel 1 schlecht. Das ist erst vor kurzem gekommen, weil sich die Formel 1 in eine Krise getrieben hat. Aber das war nicht, weil wir die Autos sicherer gemacht haben. Da ist ja de facto in den letzten Jahren nichts passiert. Die Sicherheit hat der Popularität nie geschadet, im Gegenteil.

Würden wir Fahrer töten, dann wird der Motorsport in bestimmten Ländern und vielleicht auch generell verboten.
Alex Wurz

Nur die Sicherheit der Strecken...
Alex Wurz: Da bin ich bei dir. Aber was jetzt das Auto betrifft, die Sicherheitszelle - das ist so fundamental wichtig. Denn würden wir Fahrer töten, dann wird der Motorsport in bestimmten Ländern und vielleicht auch generell verboten. Das ist leider der Verlauf unserer heutigen Zeit. Die FIA wurde gegründet, weil beim ersten Motorrennen von England nach Spanien Zuschauer und Fahrer gestorben sind. Da haben die Regierungen gesagt, Motorsport kann nicht stattfinden. Das ist nicht reguliert, es gibt keine klaren Sicherheitsbestimmungen. Deswegen ist die FIA gegründet worden.

Davon können wir uns heute nicht wegbewegen. Diese Meinung, die sich da ein bisschen kundtut, dass Motorsport gefährlich sein muss, finde ich überhaupt nicht richtig, Nein, Motorsport muss sauspannend sein, dann schauen die Leute zu. Zur Spannung gehört auch dazu, dass es mal einen in die Wand haut. Aber dann soll er aussteigen, weil wir von der Emotion leben, dass er das Rennen verloren hat. Aber nicht von der Emotion, ob er jetzt unverletzt oder querschnittsgelähmt ist. Das ist schizophren, da würde kein Sponsor mitziehen. Das geht gar nicht. Auch keine Regierung, kein Veranstalter würde das akzeptieren.

Zum Abschluss noch ganz kurz zurück zum Sportlichen: Deine Einschätzung von den Testfahrten, wer ist vorne?
Alex Wurz: Es ist eigentlich sehr ähnlich, wie wir im Vorjahr aufgehört haben. Es hat sich vielleicht ein bisschen verschoben, dass Ferrari knapp an Red Bull ist. Mercedes ist immer noch vorne, Force India ist eine Spur zurückgefallen.

Das freut den Williams-Wurz...
Alex Wurz: Ich habe keine Schadenfreude. Ich hätte gerne, dass Force India stark ist, wir aber noch stärker. Aber wir sind von den Prozentzahlen im Vergleich zu Mercedes da, wo wir waren. Es hat sich nicht dramatisch viel verändert im Kräfteverhältnis.


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