Formel 1 - Kommentar zum McLaren-Desaster: Selbst (mit)schuld

McLaren torpediert Honda-Entwicklung

McLaren erlebt mit Motorenpartner Honda das nächste Desaster. Doch ist wirklich nur Honda schuld? Redakteur Christian Menath meint: Nein, auch McLaren selbst.
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Motorsport-Magazin.com - Fernando Alonso kann einem fast leidtun. Zum dritten Mal in Folge ist die Lage nach den Wintertests für ihn aussichtslos. McLaren-Honda fuhr wegen anhaltender Technik-Probleme kaum und wenn, dann langsam. Da hilft nur noch Galgenhumor: "Mit dem Motor kann ich jede Kurve Vollgas fahren."

Alonsos Statements in Richtung Honda sind hart und klar. Man muss Verständnis für ihn und seinen Frust haben, denn er hat in den letzten drei Jahren nichts falsch gemacht. Dass Teamchef Eric Boullier Honda aber immer wieder an den Pranger stellt, ist etwas anderes. Er hat die Zügel in der Hand, er kann an oberster Stelle Dinge ändern.

Natürlich kann er nicht den Motor entwickeln, das muss Honda machen. Honda macht es McLaren auch nicht unbedingt leicht, denn Hilfe von außen will man in Japan einfach nicht annehmen. Trotzdem hat McLaren einiges dafür getan, um in die aktuelle Situation zu kommen.

Misere beginnt mit Mercedes-Abschied

Die Misere beginnt schon viel früher. Nicht wenige glauben, dass McLaren noch heute das Mercedes-Werksteam wäre, wenn Ron Dennis den Konzern nicht vergrault hätte. So musste man sich einen neuen Motorenpartner suchen. Weil Kundenteamstatus auf Dauer nicht in Frage kommt, braucht man einen neuen Partner.

Honda bekommt den Motor einfach nicht zum laufen - Foto: Honda

Honda stand vor einer Mammut-Aufgabe: Während Mercedes und Co. Jahre Vorlaufzeit auf das neue Power-Unit-Reglement hatten, musste Honda binnen eines Jahres den Antrieb entwickeln - und dann vor den Augen der Weltöffentlichkeit testen. Das kann nur schief gehen.

Vor allem, wenn der Chassis-Partner den Motorenhersteller auch noch Size-Zero aufzwingt. Viel wurde 2015 über diese Philosophie geschrieben, McLaren rühmte sich anfangs noch mit dem engen Packaging. Später wollte man nichts mehr davon wissen. Es ist immer das gleiche: Ein Geben und Nehmen zwischen Aerodynamikern und Motor-Ingenieuren. Size-Zero gilt also eigentlich für alle. Doch musste es McLaren im ersten Honda-Jahr so weit treiben?

Wer ist der Dorf-Trottel?

Im vergangenen Jahr machte Honda erkennbare Fortschritte. Bei den Energierückgewinnungssystemen waren die Japaner schon auf einem Niveau mit dem Klassenprimus. Doch McLaren schlug noch immer munter auf Honda ein - man habe schließlich das beste Chassis, so der Tenor. Weil Eddie Jordan dem nicht zustimmen wollte, bezeichnete ihn Ron Dennis kurzerhand als Dorftrottel.

Trottelig stand McLaren dann in diesem Winter selbst da, als wieder nichts lief. Beobachtungen an der Strecke zeigen auch, dass der MCL32 nicht überragend liegt. "Fake-News", meint Eric Boullier. Der McLaren liegt nur so schlecht, weil die Power Unit bei der Fahrbarkeit so schlecht ist. "Wir sind bereit zu gewinnen, Honda nicht", ist sich der Franzose sicher.

Es ist nahezu unmöglich zu sagen, wie gut das McLaren-Chassis wirklich ist. Aber 2014, als McLaren noch mit Mercedes-Power unterwegs war, fuhr Williams ihnen um die Ohren. Man sollte in Woking verbal kleinere Brötchen backen.

McLaren verbietet Kundenteam

Dass McLaren die Fehler nur auf Honda-Seite sucht, ist nicht nur unfair, sondern auch falsch. Honda fährt seit zwei Jahren mit lediglich zwei Autos. Mercedes fuhr 2014, 2015 und 2016 mit jeweils acht Autos. Honda hätte gerne noch ein zweites Team mit Motoren ausgerüstet, durfte aber nicht, weil Ron Dennis bei gleichen Motoren eine Pleite gegen Red Bull fürchtete. Mit dieser Herangehensweise hat McLaren die Motoren-Entwicklung torpediert. Vor allem bei Testfahrten sind mehr Autos Gold wert. Steht der McLaren, kann Honda keinerlei Daten sammeln.

Ron Dennis hat McLaren so einiges eingebrockt - Foto: Sutton

Die Probleme, die McLaren die letzten beiden Testtage lahmlegten, sind außerdem nicht unbedingt auf die Power Unit zurückzuführen. McLaren sagte selbst, man wisse nicht genau, wo das Problem liegt. Von Honda heißt es, es handelte sich um einen Elektronik-Blackout. "Verschiedene elektronische Komponenten in der Power Unit und im Chassis wurden gewechselt."

Einzelkämpfer McLaren ohne Erfolg

Statt mit Honda an den Problemen zu arbeiten, kämpft McLaren lieber für sich alleine. Klar, auf den ersten Blick mag das bei Red Bull 2014 und 2015 auch nicht anders ausgesehen haben. Aber: Red Bull ist Kunde. McLaren ist Werksteam. Honda ist quasi McLarens Hauptsponsor, begleicht die Rechnungen in Woking. Die Ausgangssituation ist fundamental anders. Außerdem hat Red Bull inzwischen auch gelernt, dass es nicht zielführend ist, nur zu kritisieren.

Das erneute Desaster ist schade, denn 2017 hätte tatsächlich ein gutes Jahr für McLaren-Honda werden können. Nicht wenige - auch ich - zählten die Kombination sogar zum erweiterten Kreise der Titelfavoriten. Argumente dafür gab es genügend. Solange McLaren aber vom 'Team' (McLaren) und von 'Honda' spricht, wird das nichts. Und das liegt nicht nur an Honda.


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