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Formel 1 - Barcelona-Testfahrten: Die 11 Antworten

Breite Reifen - schnelle Zeiten

Die ersten Testfahrten in Barcelona sind vorbei - Zeit für ein Zwischenfazit. Von Mercedes bis Wehrlein: Motorsport-Magazin.com liefert die Antworten.
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Fazit der ersten F1-Testwoche in Barcelona: (05:24 Min.)

1. - Wer war Rundenkönig?

Der Neue bei Mercedes legte fulminant los: Valtteri Bottas. Der Finne fuhr mit 324 Runden respektive 1508 Kilometern die meisten aller Fahrer. Da konnte auch Silberpfeil-Teamkollege Lewis Hamilton nicht mithalten. Vor allem, weil der Brite beim Regenreifen-Test wegen Elektronikproblemen am Auto nicht zum Einsatz kam. Hamilton spulte trotzdem 234 Runden ab und belegte damit Platz drei in der Kilometer-Tabelle.

Zwischen die beiden Silberpfeile quetschte sich Sebastian Vettel mit 267 Runden. Nach den ersten vier Testtagen lässt sich ein klarer Trend erkennen. Mercedes und Ferrari hinterließen den konstantesten Eindruck. Vettels Teamkollege Kimi Räikkönen (201) fuhr die viertmeisten aller Runden. Mercedes (558 Runden) liegt in der Tabelle vor Ferrari (468 Runden) und - etwas überraschend - Sauber. Marcus Ericsson legte stark los mit insgesamt 198 Umläufen in Barcelona.

Am hinteren Ende der Liste reiht sich mit Fernando Alonso ein prominenter Pilot ein. Der McLaren-Star kommt bislang nur auf 101 Runden. Eine Folge zahlreicher Motoren-Probleme beim Rennstall aus Woking. Weniger fuhren nur Daniil Kvyat (100), Esteban Ocon (86) und Carlos Sainz (83). Absolutes Schlusslicht war Alfonso Celis Junior, der sich einen Testtag bei Force India leistete und am dritten Tag 71 Runden abspulte. Das Team mit den wenigsten Runden war Toro Rosso mit 183 Umrundungen.

2. - Wie ist die schnellste Rundenzeit einzuordnen?

Hier liegt Valtteri Bottas ebenfalls an der Spitze. Der Silberpeil-Pilot packte am Mittwoch die Ultrasoft-Reifen aus und erzielte die absolute Bestzeit in 1:19.705 Minuten. Damit unterbot Bottas die Pole-Zeit vom Spanien Grand Prix 2016 (1:22.000) locker. Ferrari war Mercedes dicht auf den Fersen. Sebastian Vettel fuhr eine 1:19.952 - und das auf Soft-Mischungen, also zwei Nummern härter als Ultrasoft. Bottas und Vettel waren die einzigen Piloten, die bislang die 1:20er-Marke knacken konnten.

Es wird erwartet, dass diese Zeiten erst der Anfang waren. Pirelli sprach von Rundenzeiten im 1:18er-Bereich zum Ende der Testfahrten hin. Zeitenjagd und Reifen-Performance standen bislang noch nicht im Fokus. Wenn die Teams kommende Woche anfangen, Qualifying-Simulationen zu fahren, sollten die Zeiten durchweg weiter in den Keller gehen. Damit wäre die Auto-Generation 2017 die schnellste in der Geschichte der Formel 1. Die hohen Downforce-Raten sowie die breiten Reifen sorgen dafür, dass die Autos allein in den Kurven einige Sekunden rausholen.

Mercedes: Filmtag in Silverstone mit dem W08: (01:30 Min.)

3. - Warum steht Rookie Stroll in der Kritik?

Kaum in der Formel 1 angekommen und schon mitten im Rampenlicht. Lance Stroll musste sich während der Tests teilweise böse Kritik gefallen lassen. Bei seinem Debüt im Williams drehte der 18-Jährige sich nach wenigen Runden ins Kiesbett und beschädigte seinen Frontflügel. Das Teil wurde über Nacht per Privatjet in die Teamfabrik geflogen, repariert und war pünktlich zum nächsten Testtag wieder an der Rennstrecke.

Folgenschwerer war Strolls doppelter Abflug einen Tag später. Einem Dreher ließ er einen Mauereinschlag folgen. Der Williams-Bolide trug einen Schaden an der linken Fahrzeugseite davon. Schwer genug, dass das Team beim abschließenden Regenreifen-Test überhaupt nicht fahren konnte, weil nicht genügend Ersatzteile vorhanden waren. Schnell wurde die Frage gestellt, ob Stroll - der Sohn eines Milliardärs - überhaupt bereit ist für die Formel 1.

Bei all der harschen Kritik ging allerdings völlig unter, dass Stroll am dritten Tag 98 Runden fuhr und sich dabei nichts zu Schulde kommen ließ. Und das in einem Auto, das auch erfahrene Piloten als schwierig zu fahren beschreiben. Williams stellte sich derweil mit aller Macht vor den F1-Rookie. Sein kapitaler Abflug sei eine Folge kalter Reifen gewesen und er ein unschuldiges Opfer, hieß es. Ob Stroll nicht doch eine Mitschuld trug, lässt sich schwer sagen.

Trotzdem sollte man dem jungen Mann noch etwas Zeit geben, bevor er als untalentierter Paydriver verunglimpft wird. "Gebt ihm Zeit, das ist ein riesiger Schritt", forderte der frühere Weltmeister Damon Hill. "Schumacher hat wahrscheinlich auch einige Unfälle fabriziert während seiner ersten F1-Erfahrungen." Klar ist aber auch, dass Stroll nach seinen Abflügen nun noch genauer beobachtet wird. Hält der Formel-3-Europameister dem Druck stand?

Lance Stroll steht vor seiner ersten Saison in der Formel 1 - Foto: Sutton

4. - Warum fuhr Hamilton am Ende nicht?

Es wirkte schon etwas kurios. Am Donnerstagmorgen sollte Lewis Hamilton in den Silberpfeil steigen, um erste Runden beim Regenreifen-Test zu absolvieren. Stattdessen meldete Mercedes ein Problem mit der Elektronik und blies den Vormittag fast komplett ab. Kurz vor der Mittagspause drehte Valtteri Bottas noch neun Runden im Nassen. Hamilton verließ die Strecke stattdessen früher. Nicht wenige munkelten, dass der Brite einfach keine Lust auf den Regentest hatte.

Rückblickend wirkten seine Aussagen am Vorabend zumindest nicht sehr geschickt. "Ich habe gehört, dass es morgen nass sein soll", sagte Hamilton am Mittwoch. "Darauf freue ich mich nicht besonders. Ich bin in Silverstone Demo-Regenreifen gefahren und die haben sich nicht so toll angefühlt. Und dann muss ich morgen auch noch zuerst raus." Mit einem Lachen fügte er an: Vielleicht tue ich so, als ob ich morgen einen Muskelkrampf habe und lasse Valtteri fahren..."

Angesichts Hamiltons zweifelhafter Test-Historie - etwa, als er sich letztes Jahr nach dem verlorenen Titel beim folgenden Test in Abu Dhabi nicht wohlfühlte - sorgte das Mercedes-Szenario am Donnerstagmorgen zumindest für den einen oder anderen Stirnrunzler im Fahrerlager. Auf der anderen Seite schwärmte Hamilton von den neuen Autos wie kaum ein anderer. Der dreifache Weltmeister wirkt topmotiviert und Titel-geil. Kaum vorstellbar, dass er eine der wenigen Testmöglichkeiten aus Unlust verstreichen lassen würde. Abner immerhin eine nette Story am Rande.

Mercedes: Filmtag in Silverstone mit dem W08: (01:30 Min.)

5. - Warum ist Wehrlein nicht gefahren?

Pascal Wehrlein war der tragische Held des Winter. In Folge seines Unfalls beim Race of Champions musste er die ersten Testfahrten wegen Rückenbeschwerden auslassen. Ferrari-Junior Antonio Giovinazzi übernahm seinen Platz im Sauber. Am kommenden Wochenende wird sich entscheiden, ob Wehrlein fit ist für die zweite Test-Session. Sollte er diese auch verpassen, wäre er für den Saisonstart stark eingeschränkt. Ein neues Team und ein komplett neues Auto sind für jeden Fahrer eine Herausforderung, besonders aber für einen jungen und unerfahrenen. E gab schon Spekulationen, ob Wehrlein in Australien gegebenenfalls das 1. Training bestreiten wird, bevor entschieden wird, ob nicht doch Giovinazzi im Rennen zum Einsatz kommt.

6. - Warum hatte McLaren so viele Probleme?

Fernando Alonso war nicht happy nach den ersten Tagen in Barcelona. Wegen eines Problems mit dem verbauten Öltank konnte er am Montag nur 29 Runden fahren. Teamkollege Stoffel Vandoorne wurde am Dienstag wegen eines mechanischen Fehlers aufgehalten und kam lediglich auf 40 Runden. Erst Mittwoch wurde es etwas besser, als Alonso 72 Runden zurücklegen konnte. Es scheint noch nicht rundzulaufen mit Motorenpartner Honda.

Was McLaren vor allem Sorgen bereiten dürfte: Das Problem vom zweiten Tag ist noch nicht aufgeklärt. "Wir hatten ein mechanisches Problem und kennen die Wurzel des Problems noch nicht", sagte Motorenchef Yusuke Hasegawa am Donnerstag. Das sei fundamentaler und schwerwiegender als der Öltank, der in Zukunft keine Schwierigkeiten mehr bereiten solle.

In der zweiten Testwoche will Honda eigentlich die Version für Australien bringen. Es werden entscheidende Tage sein für McLaren. Bislang soll die Power Unit aus Sicherheitsgründen noch nicht die volle Leistung geliefert haben, hieß es im Fahrerlager. Der problembehaftete Motor wurde umgehend zurück ins Werk nach Japan geflogen und analysiert - bislang offenbar ohne Erfolg.

Bei McLaren läuft es noch lange nicht rund - Foto: Sutton

7. - Wie fiel das Feedback zu den neuen Reifen aus?

Bislang positiv. Die neuen breiten Reifen liefern den erwarteten Kurven-Grip in den Kurven. "Das ist wie Achterbahn für Kinder", jubelte etwa Lewis Hamilton. Andere Fahrer wollten nicht zu viel Euphorie versprühen. "Kurve 3 sind wir auch schon früher mit Vollgas gefahren", trat Sebastian Vettel auf die Bremse. Spaß machen sie, knifflig sind die Reifen allerdings auch. Einige Fahrer fabrizierten Dreher während ihrer Runs, darunter Lance Stroll und auch Valtteri Bottas. Der Begriff des so genannten 'Snap Oversteer' (plötzliches Übersteuern) machte schnell die Runde.

"Das ist möglich, weil du einen erhöhten Level an Grip und mehr Downforce hast", erkläre Pirelli-Rennmanager Mario Isola. "Wenn du dann Grip verlierst, kann es snappy werden." Einige Teams arbeiten derzeit mit dem Setup daran, die Autos noch etwas vorausschauender zu gestalten. Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery: "Es ist einfach, am Heck viel Downforce zu bekommen. Die große Herausforderung ist aber die Vorderachse."

Positiv: Die Fahrer können mit den neuen Reifen wieder länger Gas geben. Der starke Abbau früherer Jahre wurde durch Pirelli größtenteils eliminiert. "Der Soft-Reifen hat hier 80 Runden gehalten", sagte Hembery. Daraus ergibt sich allerdings, dass es in den meisten Rennen nur noch einen Boxenstopp geben wird. Um genaue Werte wiedergeben zu können, will Pirelli die zweite Testwoche abwarten. Erst dann erwartet der Hersteller echte Performance-Tests der Teams mit den neuen Reifenmischungen, die allesamt überarbeitet worden sind.

Shakedown des SF70H in Fiorano: (01:05 Min.)

8. - War der Regenreifen-Test wirklich sinnvoll?

Zumindest in der Weise, dass Pirelli jetzt definitiv weiß, dass die Regenreifen und Intermediates noch einmal überarbeitet werden müssen. Neue Mischungen sollen ab April zum Testen bereitstehen und könnten später in der Saison eingeführt werden. Noch immer ist es schwierig, die Regenreifen ans Arbeiten zu bekommen. "Der Switch-On-Punkt muss niedriger werden", erklärte Pirelli-Mann Paul Hembery und bestätigte, dass Pirelli ohnehin vorhatte, daran zu arbeiten.

Allzu viele Runden wurden bei komplett nassen Bedingungen nicht gedreht, auch, weil die Strecke recht schnell auftrocknete beziehungsweise die Teams keine Abflüge riskieren wollten. Doch zumindest mit den gesammelten Daten kann Pirelli weiterarbeiten, nachdem es kaum Testmöglichkeiten mit den neuen Regenreifen gegeben hatte. Ein guter Regenreifen ist besonders 2017 wichtig. Dieses Jahr findet bei einem Regenrennen ein stehender Start statt, sofern die ersten Runden hinter dem Safety Car zurückgelegt wurden.

Red Bull lässt sich noch nicht in die Karten schauen - Foto: Sutton

9. - Warum gab es so viele Videos von der Strecke?

Früher hat es die Rechtelage immer untersagt, Bewegtbilder während der Testfahrten zu produzieren. Das durften nur die zahlenden TV-Stationen. Unter dem neuen F1-Besitzer Liberty Media gab es zumindest beim ersten Test eine Lockerung. Die Teams durften kurze Video-Clips von rund 20 Sekunden auf ihren Social-Media-Kanälen veröffentlichen. Ob es so weitergeht, wird derzeit geklärt. Die Teams nutzten die neuen Freiheiten gerne aus und unterhielten ihre Fans mit zahlreichen Video-Clips aus allen Perspektiven.

10. - Warum war Weltmeister Rosberg an der Strecke?

Eigentlich ist er jetzt Formel-Rentner statt Rennfahrer, doch einen kurzen Besuch an der Strecke ließ sich Nico Rosberg nicht nehmen. Am Mittwoch schaute Rosberg nach einem Sponsoren-Termin noch bei den alten Kollegen vorbei. Dem Weltmeister gefiel, was er sah - und selber nicht mehr fahren wird.

"Diesen Hype, der hier gerade entsteht, finde ich echt cool", sagte Rosberg. "Die neuen Autos sehen richtig monströs aus. So muss es auch sein! Die Fahrer sind richtige Gladiatoren dieses Jahr in diesen Autos. Sie werden an ihre physischen Grenzen gehen und das ist genau richtig. Vielleicht sehen wir auch einen Fahrer, der den Sieg verliert, einfach weil er platt ist. Das wäre doch genial, wenn der Kopf aus dem Auto hängt oder die Zunge..."

Rosberg selbst vermisse die Formel 1 allerdings nicht nach seinem Rücktritt. Er bleibt der Serie als Markenbotschafter von Mercedes erhalten und wird sich auch beim einen oder anderen Rennen an der Strecke blicken lassen.

Weltmeisterlicher Besuch bei den Tests in Barcelona - Foto: Sutton

11. - Was wird sich kommende Woche ändern?

Vier Tage können die Teams nun durchatmen, bevor es weitergeht mit den zweiten Testfahrten an gleicher Stelle. Beim kommenden Test wird erwartet, dass sie die Hosen mehr runterlassen in Sachen Performance. 1:18er-Rundenzeiten werden zumindest bei den Qualifying-Simulationen erwartet. Neue Teile werden sicherlich den Weg an die neuen Rennwagen finden, nachdem die Teams schon einige Lösungen durchgetestet haben. So rückte Mercedes etwa mit unterschiedlichen T-Flügeln hinter der Aero-Finne an.

Aus deutscher Sicht wird ein Knackpunkt sein, ob Pascal Wehrlein fit genug ist, um endlich ins Testgeschehen einzusteigen. Motorsport-Magazin.com begleitet auch die kommenden Testfahrten mit einem täglichen Live-Ticker direkt von der Rennstrecke. Dazu liefern wir wieder hunderte Bilder und exklusive Stories aus dem Fahrerlager.


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