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Formel 1 - Der neue Force India VJM10 im Technik-Check

Neue Nase sorgt für Aufsehen

Force India hat den neuen Boliden präsentiert. Der VJM10 sorgt mit seinem Front-Design für Aufsehen. Aber auch sonst gibt es einiges Neues. Der Technik-Check.
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Force India VJM10: Technik-Check im Schnelldurchlauf: (03:22 Min.)

Nach Renault hat Force India als zweites Team den neuen Boliden vor Publikum präsentiert. In Silverstone zeigte der Rennstall den VJM10, der das Erbe des erfolgreichsten Force India der Geschichte antreten soll. Nach Konstrukteursrang vier hat sich das Team hohe Ziele gesteckt. Kann der VJM10 die Erwartungen erfüllen? Der Dienstwagen von Sergio Perez und Esteban Ocon im Technik-Check.

Auch der neue Bolide wurde im Windkanal von Toyota in Köln entwickelt. Bei der Fertigung setzte Force India vermehrt auf die eigene Fabrik in Silverstone. Das Chassis wurde komplett selbst laminiert, ein Novum in der Force-India-Historie. "Das ist ein wichtiger Schritt nach vorne, weil es bedeutet, dass wir die komplette Kontrolle über den Zeitplan und die Qualität haben", erklärt Geschäftsführer Otmar Szafnauer.

Die Entwicklung des neuen Autos begann so früh wie noch nie. Drei Monate früher als sonst entschied sich der Rennstall dafür, die Ressourcen in Richtung des neuen Autos zu verschieben. Die Entwicklung begann im März 2016, ab Mai wurde der alte Renner nicht mehr weiterentwickelt.

Alte Nase im neuen Gewand

Einen Schönheitspreis gewinnt die neue Nase nicht - Foto: Sutton

Am auffälligsten am neuen Force India ist die Nase. Einen Schönheitspreis wird das Team damit nicht gewinnen, aber das ist schließlich auch nicht das Ziel. Dabei fällt bei genauerem Hinsehen auf, dass sich die neue Nase gar nicht so sehr von der optisch deutlich ansprechenderen Variante von 2016 unterscheidet.

Links neu, rechts alt - Foto: Sutton

Der grundlegende Unterschied: Die beiden Löcher in der Nase wurden zu offenen Einlässen. Die nicht strukturelle Verkleidung davor wurde entfernt. Weil die seitlichen Ränder gleichzeitig die Pylonen, also die Verbindung von Nase zu Flügel sind, steht nun in der Mitte etwas unästhetisch - in bester 2014er Optik - ein Zapfen hervor. Spöttische Beobachter sprechen gerne von der Dildo-Nase.

Die Optik ändert aber nichts an der Sinnhaftigkeit dieser Lösung. Force India bekommt somit mehr Luft unter das Chassis. Während der VJM09 an der Chassis-Unterseite Luft für einen S-Schacht sammelte, verfügt das vorgestellte Auto an der Oberseite über keinen Auslass. Gut möglich aber, dass der VJM10 schon in Barcelona mit einer zusätzlichen Öffnung an der Oberseite auftaucht.

Kommt die Mercedes-Aufhängung?

Schafft Force India hier Platz für eine Mercedes-Radaufhängung? - Foto: Sutton

Allerdings könnte das Packaging der Vorderradaufhängung den Aerodynamiker beim S-Schacht einen Strich durch die Rechnung machen. Die Anlenkpunkte der Druckstreben liegen so weit oben, dass die Verkleidung der Aufhängung einen ordentlichen Knick in der Fahrzeugfront macht. Den sah man in kleinerer Ausführung am Haas von 2015. Braucht Force India hier etwa mehr Platz, um eine innovative Aufhängung wie Mercedes oder Red Bull zu behausen?

riesige Bargeboards am VJM10 - Foto: Sutton

Hinter der Vorderachse - die auch in diesem Jahr Luft durch die Radnabe bläst - kommt das Herzstück der neuen Aerodynamik. Force India hat die bislang größten Luftleitbleche hinter den Vorderrädern gezeigt. Die sogenannten Bargeboards sind riesig und wirken im Vergleich zu den anderen vorgestellten Lösungen schon recht detailliert und final. Wobei final 2017 das falsche Wort ist, schließlich sind bei jedem zweiten Rennen größere Updates zu erwarten.

Für die Ingenieure ist die neugewonnene Freiheit bei der Aerodynamik noch gewöhnungsbedürftig. "All diese zusätzlichen Freiheiten zu haben, um nach Performance zu suchen, ist ein kleiner Kulturschock, aber es ist eine sehr aufregende Zeit für uns", scherzt Technik-Chef Andy Green. "Das bedeutet für alle viel mehr Spaß."

Bügel-Flügel am Seitenkasten

Bei den Seitenkastenflügel zeigt Force India ebenfalls eine andere Lösung als Sauber, Williams und Renault. Beim VJM10 gehen die Leitbleche nicht bis zum Unterboden, sondern sind auf halber Höhe am Seitenkasten befestigt und machen dort einen Bogen um die Lufteinlässe herum.

Der Seitenkastenflügel geht nicht bis zum Unterboden - Foto: Sutton

Die Airbox des Force India sieht deutlich konventioneller als jene von Renault aus, sie wirkt wie eine 1:1 Kopie von der Mercedes-Lösung 2016. Auch die dreiteilige Anordnung innerhalb der Lufthutze sieht identisch aus.

Die Finne ist massiver als bei anderen Teams - Foto: Sutton

Wenig elegant führt auch am Force India eine Finne zum Heckflügel, die am hinteren Ende abrupt im 90-Grad-Winkel nach unten führt. Hier sehen die Lösungen der Konkurrenz schon etwas feiner ausgearbeitet aut.

Leider gibt es vom Force-India-Heck keine guten Aufnahmen, weil das Fahrzeug bei der Präsentation angewinkelt auf der Bühne stand. An der Heckflügelendplatte sind wie auch am Renault Schlitze zu erkennen, die an der Vorderseite fast offen sind. Toro Rosso zeigte diese Lösung 2016 als erstes Team, Mercedes zog nach.

Eine Herausforderung war übrigens auch der neue Pilot Esteban Ocon. Der Franzose ist mit 1,85 Meter extrem groß für einen Formel-1-Piloten. "Es war wichtig, eine erfolgreiche Sitzanpassung zu haben. Er ist nicht der kleinste Fahrer der Welt und es ist immer wichtig, dass der Fahrer angenehm im Auto sitzt", sagt Technik-Chef Andy Green. Bei Manor bekam Ocon erst nach ein paar Rennen eine neue Sitzposition, die ihm einen deutlichen Schritt nach vorne brachte.


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