Formel 1

Technik-Check: Das ist der neue Renault

Renault zeigte als erstes Team den neuen Boliden live. Motorsport-Magazin.com nimmt den R.S. 17 zum Technik-Check unter die Lupe.
von Christian Menath
Renault R.S.17: Technik-Check im Schnelldurchlauf: (03:04 Min.)

Renault hat mit der Vorstellung des 2017er Boliden namens R.S. 17 die erste Messlatte für die neuen Autos gelegt. Während Williams am Freitag nur schlechte Renderings zeigte und Sauber am Montag nur wenige Perspektiven des neuen Renners ins Netz stellte, zeigte Renault mit dem R.S. 17 als erstes Team das reale Auto.

Und auch wenn Teamchef Cyril Abiteboul betonte, dass es sich bei den meisten Anbauteilen noch nicht um die fertigen Karbon-Teile handelt, sondern lediglich um nicht strukturelle Teile, die im Rapid-Prototyping-Verfahren entstanden sind, beeindruckte der R.S. 17 schon mit zahlreichen Details.

Das wichtigste vornweg: Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist es ein echter Renault. Der R.S. 16 trug lediglich den Namen, wurde aber noch vom Pleite-Vorgängerteam Lotus entwickelt. Neben Geld fehlte Lotus auch das Wissen, mit welchem Motor 2016 überhaupt gestartet würde. So ist der R.S. 16 auf dem Mercedes-Antrieb von 2015 konstruiert worden.

Die Nase hat einen kleinen Kasten, die Pylonen sind richtige Leitbleche - Foto: Renault

Entsprechend deutlich fallen die Unterschiede des neu vorgestellten Boliden zu seinem Vorgänger aus - natürlich tut auch das neue Reglement sein Übriges dazu. Die Nase auf dem nach den Regeln neu gestalteten Frontflügel hat im Vergleich zu 2016 leider etwas an Eleganz verloren.

Ähnlich wie bei Red Bull 2016 gehen die Pylonen, die Frontflügel und Nase miteinander verbinden, weit auseinander, so dass in der Mitte der Nase ein kleiner Höcker nach vorne steht - wie auch beim neuen Sauber. Besonders auffällig sind die Pylonen an sich: Sie verformen sich nach hinten in richtige Luftleitbleche. Die Luft, die unter der Nase strömt, wird hier gleich in die richtigen Bahnen gelenkt.

Gut zu erkennen: S-Schacht-Austritt - Foto: Renault

Neu auch: Der 2017er Bolide aus Enstone verfügt - wie wohl viele seiner Artgenossen in dieser Saison - über einen S-Schacht. Die Austrittsöffnung auf der Chassis-Oberseite ist auf den Studiobildern gut zu erkennen, die Eintrittsöffnung an der Unterseite sieht ähnlich wie jene von Mercedes im vergangenen Jahr aus..

Hinter der Vorderachse wird es im Jahrgang 2017 besonders spannend: Die Bargeboards nehmen in diesem Jahr eine zentrale Rolle ein, hier haben die Teams große Freiheiten. Die am Renault gezeigten Bargeboards sehen noch wenig final aus, hier kommen wohl noch filigraner ausgearbeitete Teile.

Die Seitenkastenflügel sind spektakulär - Foto: Sutton

Doch rund um die Seitenkästen waren am vorgestellten Boliden schon einige Details zu sehen: Die Seitenkastenflügel sind komplett neu geformt. Sie Verlaufen wie eine Treppe mit einer großen Stufe nach oben. Auf den Studiobildern ist die Oberfläche clean, beim präsentieren Modell waren die Seitenkastenflügel an der Unterseite zerklüftet. Auch auf dem Seitenkasten sind einige Leitbleche zu sehen.

Die Seitenkästen selbst wirken am Einlass winzig. Das hat zwei Gründe: Weil das Bodywork von 1,40 Meter auf 1,60 Meter gewachsen ist, sind die Leitbleche weiter außen, der Abstand zu den Seitenkästen ist größer. Zudem scheint Renault die Kühlung vermehrt in die Lufthutze verlegt zu haben. Der Lufteinlass über dem Kopf des Fahrers ist enorm in die Breite gewachsen, verschiedene Kanäle führen die Frischluft dahinter an verschiedene Aggregate.

Die Kühleinlässe wirken winzig - Foto: Renault

Komplett neue Power Unit - ohne Mercedes-Konzept

Das Karbonkleid lässt schon erahnen, dass die Power Unit nun deutlich besser integriert ist. Dabei hat Renault die Architektur des Antriebs komplett über den Haufen geworfen. Renault spricht von einem zu 95 Prozent neuen Motor. Sogar das Chassis musste deshalb an der Hinterseite angepasst werden. Turbolader und Kompressor bleiben aber weiterhin zusammen und werden nicht - wie bei Mercedes - räumlich voneinander getrennt.

Der neue Antrieb soll außerdem auf eine Vorkammerzündung setzen - laut eigenen Aussagen soll sich die auch schon 2016 im Einsatz befunden haben. Im vergangenen Jahr bestritt Renault das noch.

"Wenn man sich das nackte Auto und die Architektur ansieht, würde man eine Menge Unterschiede zur letztjährigen Power Unit und ihrer Installation erkennen", verrät Renault Motorenchef Remi Taffin. "Die Power Unit wurde gebaut, um ins Auto zupassen, das ist der fundamentale Unterschied. Motor und Chassis passen zusammen, es ist kein Puzzle mehr wie beim R.S. 16! Der R.S. 17 ist deutlich homogener."

Kurzum: Der neue Renault ist nun ein echter Werks-Wagen mit dem Vorzug von Chassis und Motor aus einem Haus. Wenn auch Enstone und Viry etwas weiter auseinander liegen als Brackley und Brixworth.

An die Finnen müssen wir uns wieder gewöhnen - Foto: Renault

Am Heck des Autos fällt die Finne an der Motorabdeckung ins Auge. Sie fällt noch ein kleines Stück extremer als bei Sauber aus. Kaum ein Team wird 2017 wohl darauf verzichten, weil sie durch die tieferen Heckflügel wieder Sinn macht.

Die Heckflügelendplatten fallen nicht nur wegen ihrer neuen Form auf - sie sind dank des neuen Reglements geschwungen und nach vorne angespitzt -, sondern auch weil sie an der Oberseite stark zerklüftet und die einzelnen Schlitze nicht geschlossen sind. Toro Rosso kam in der vergangenen Saison als erstes Team mit diesem Design auf.

Der Renault hat nun drei Auspuffendrohre - Foto: Sutton

Am Auspuff gibt es eine weitere Neuerung zu sehen: 2016 war Renault noch das einzige Team, das auf zwei Auspuffrohre in Schneemann-Anordnung setzte. In diesem Jahr verbauen auch die Franzosen zusätzlich zum Hauptrohr zwei kleine Wastegate-Röhrchen. Mickey Maus statt Schneemann. Das passiert vor allem aus Packaging-Gründen. Zwei kleine Rohre sind einfacher zu verstauen als ein größeres.

Technikchef Bob Bell liefert die passende Zusammenfassung: "Es gibt kein Übernahmeteil von 2016 auf 2017. Wir haben wirklich auf einem weißen Blatt Papier angefangen." Das sieht man dem R.S. 17 durchaus an.


Weitere Inhalte:
Motorsport-Magazin.com fragt
Wir suchen Mitarbeiter