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Formel 1

Analyse: Schicksalsjahr 2017 hängt am Reifen

2017 wird für die Formel 1 ein Schicksalsjahr. Das neue Reglement muss sitzen - doch das wichtigste sind die neuen Reifen. Warum alles an Pirelli hängt.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - 2017 könnte ein Schicksalsjahr für die Formel 1 werden. Nachdem drei Jahre lang in Folge über das Technische Reglement und die Show der Königsklasse geschimpft wurde, beginnt mit dieser Saison eine neue Ära. Während beim Antrieb fast alles beim Alten bleibt, ändert sich am Rest des Fahrzeugs alles. Die Zahl der Übernahmeteile aus 2016: Nur unwesentlich größer gleich Null.

Zwei bis sechs Sekunden - je nach Strecke - sollen die Autos schneller werden. Rund die Hälfte des Zeitgewinns - je nach Strecke mal mehr, mal weniger - kommt vom Reifen. Die Reifen werden vorne und hinten um 25 Prozent breiter. Mehr Auflagefläche bedeutet mehr mechanischer Grip.

Die Formel 1 erhofft sich durch das neue Reglement ein größeres Spektakel. Aber es ist ein großes Risiko: Die andere Hälfte des Zeitgewinns kommt von der Aerodynamik. Die wiederum verursacht Dirty Air, also Luftverwirbelungen hinter dem Auto, die es dem Hintermann erschweren, nah am vorausfahrenden Fahrzeug dran zu bleiben. Überholen wird also schwieriger. Zudem werden die Autos breiter - also ist weniger Platz zum Überholen.

Die neuen Reifen könnten die Erlösung sein - Foto: Motorsport-Magazin.com

Die meisten Überholmanöver finden in der Bremszone statt. Mit ein Grund übrigens, warum in der Formel 1 tendenziell wenig überholt wird: Durch die niedrigen Fahrzeuggewichte in Kombination mit hohem Luftwiderstand und den Karbon-Bremsen sind die Bremswege extrem kurz. 2017 werden sie noch einmal deutlich kürzer: Höhere Kurvengeschwindigkeiten und niedrigere Topspeeds lassen die Bremszonen schrumpfen.

Der Formel 1 könnte also ein Debakel drohen: Statt die Show zu verbessern, könnten die Rennen wahre Prozessionen werden. Auch wenn die vergangenen Jahre an der Spitze relativ spannungsarm waren, im Mittelfeld gab es reichlich Action.

Genau deshalb sind alle Augen auf Pirelli gerichtet. Der italienische Reifenalleinausrüster bestimmt mit seinem Produkt für 2017 die Marschroute der Königsklasse. Pirelli ist nicht mehr dazu aufgerufen, Reifen zu bauen, die schnell verschleißen. Genau das wollte der kommerzielle Rechteinhaber zuvor, um etwas Würze in die Rennen zu bringen.

Wie gut sind 128 Überholmanöver?

Es ist eine Renn-philosophische Frage, ob die Reifen tatsächlich mehr Würze in die Rennen gebracht haben. 128 Überholmanöver gab es beim China GP 2016. Denkwürdig? Keines davon. Neben DRS haben auch komplett unterschiedliche Reifenstrategien und Reifenzustände das Renngeschehen - je nach Ansicht - verfälscht oder bestimmt.

Neu (rechts) besser als alt (links)? - Foto: Pirelli

Glaubt man Pirelli, sind die Reifen 2017 standhafter. Die Fahrer freut das. In Kombination mit der verschlimmerten Dirty-Air-Thematik könnte das allerdings zum Desaster werden - wenn sich nicht eine Charakteristik der Pirelli-Reifen grundlegend ändert: die Comeback-Eigenschaft.

Das große Problem der Pirelli-Reifen der vergangenen Jahre war, dass sich die Reifen nie wieder erholten. Auch frische Reifen mussten behandelt werden wie rohe Eier. Kam man einmal in Dirty Air, rutschte etwas viel herum und überhitzte den Reifen, war er hinüber. Längere Zweikämpfe mit vergleichbarem Material gab es quasi nicht. Dabei sind es genau diese Zweikämpfe, die die Fans sehen wollen.

Pirelli ist sich sicher, die Comeback-Eigenschaften mit der Generation 2017 deutlich verbessert zu haben. Dabei waren die Voraussetzungen alles andere als gut. Pirelli fuhr bis auf einen Testtag nur mit einem Auto auf der Strecke. Die Fahrer mussten absichtlich über das Limit der Reifen hinausgehen, um sie zu überhitzen. Trotzdem soll es - so Pirelli - gelungen sein, die Comeback-Eigenschaften deutlich zu verbessern. Außerdem soll es auch - trotz mehr Gummi - weniger Marbles geben, die das Überholen zusätzlich schwieriger machen, weil abseits der Ideallinie noch weniger Grip ist.

Michael Schumacher und Fernando Alonso lieferten sich in Imola epische Zweikämpfe - Foto: Sutton

Die Comeback-Eigenschaften werden es sein, die über Sieg oder Niederlager der neuen Formel 1 entscheiden könnten, nicht die Tatsache, wie schwer oder wie einfach es ist, zu überholen. Man denke an Imola 2005 und 2006. Zwei epische Rennen, in denen sich Michael Schumacher und Fernando Alonso jeweils in umgekehrter Reihenfolge im Getriebe hingen, aber nicht am anderen vorbeikamen. Auch ohne Überholmanöver waren diese Rennen gut.

Hätte der Vordermann nur den geringsten Fehler gemacht, wäre es zum Positionswechsel gekommen. Mit den deutlich schnelleren Autos dürfte mit der Renndistanz auch die Konzentration und die physische Verfassung abnehmen. Die Fahrer sind wieder mehr gefordert. Auch, weil sie hoffentlich wieder länger Vollgas geben können, und nicht von Runde eins an auf die Reifen achten müssen. Pirellis Produkt wird 2017 der Schlüsselfaktor für das Schicksalsjahr der Formel 1.

Pirelli erklärt die neuen Formel 1-Reifen: (10:18 Min.)


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