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Formel 1

Analyse: Das ändert sich mit Brawn und Co. wirklich

Viele erhoffen sich durch die Übernahme der Formel 1 durch Liberty Media eine goldene Zukunft. Doch wie realistisch sind die Ziele? Wird jetzt alles gut?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Mit dem zweiten Closing und der Zustimmung der FIA wurde die Übernahme der Formel 1 durch Liberty Media in dieser Woche perfekt. Als erste Amtshandlung enthob Liberty Media Chef Chase Carey Bernie Ecclestone seines Postens und installierte mit Ross Brawn und Sean Bratches zwei Experten ihrer jeweiligen Branche neben sich. Brawn und Carey machten sofort mit großen Zielen von sich reden - doch wie realistisch sind die wirklich? Motorsport-Magazin.com analysiert, was sich wirklich ändern wird.

Regeln

Die Haupt-Kritik der Fans in der Formel 1 richtet sich für gewöhnlich an das technische Reglement. Zu langsam, zu leise, zu unspektakulär. Wer diese Ziele verfolgt, für den wurde mit Bernie Ecclestone der falsche geopfert. Ecclestone gehörte von Anfang an zu den schärfsten Kritikern der Power Units. Er wollte laute und billige Motoren - die Power Units sind das genaue Gegenteil. Die neuen Eigentümer werden hier nichts ausrichten können.

2017 kommen ohnehin neue Regeln - Foto: Mercedes/Motorsport-Magazin.com

Das Chassis-Reglement ist 2017 komplett überarbeitet worden. Wenn sich nicht komplette Fehler offenbaren, wird sich hier so schnell nichts ändern. Regeländerungen brauchen ohnehin immer Zeit. Außer sie werden einstimmig beschlossen - was in der Formel 1 allerdings äußerst selten ist.

Prinzipiell gilt aber: Liberty Media ist der kommerzielle Rechteinhaber. Der hat zwar ein gewisses Mitbestimmungsrecht, für den Sport ist allerdings der Automobilweltverband FIA zuständig. Strategiegruppe, Formel-1-Kommission und Motorsportweltrat bestimmen über die Regeln. Der Einfluss des kommerziellen Rechteinhabers ist relativ klein - deshalb war Ecclestones Macht in den letzten Jahren auch stark eingeschränkt. Das gilt auf technischer und auf sportlicher Seite. Das bleibt bis mindestens 2020 so.

Einzig und allein der Doppelpass zwischen FIA und dem kommerziellen Rechteinhaber könnte wieder funktionieren wie einst zwischen Ecclestone und Max Mosley. Brawn und Jean Todt bildeten jahrelang ein Traum-Duo an der Spitze von Ferrari. Ähnlich war es einst bei Ecclestone und Mosley. Doch selbst kommerzieller Rechteinhaber und FIA gemeinsam haben nicht mehr die Macht von früher, weil vor allem die Teams inzwischen maßgeblich mitbestimmen.

Geldverteilung

Im Gegensatz zum Sportlichen und Technischen Reglement hat der kommerzielle Rechteinhaber die Preisgeldverteilung zwar in der Hand, allerdings ist Liberty Media auch hier stark eingeschränkt. Denn die Verträge zwischen Teams, FIA und dem kommerziellen Rechteinhaber gehen allesamt bis 2020 - daran ändert der Eigentümerwechsel nichts.

Bernie Ecclestone und Jean Todt haben Verträge bis 2020 ausgehandelt - Foto: Sutton

Das neue Führungstrio hat zwar eine fairere Preisgeldverteilung versprochen, aber so einfach geht das nicht. Es gibt einen Grund, warum Ferrari, Mercedes, Red Bull, McLaren, Williams und inzwischen auch Renault mehr Geld bekommen als die anderen Teams. Wegen ihrer Bedeutung für die Serie erhalten sie das Extra-Geld. Wird das gestrichen, drohen die Automobilhersteller in der Regel mit Ausstieg. Was dann passiert, liegt am Verhandlungsgeschick der neuen Formel-1-Spitze. Die Verträge über das Jahr 2020 hinaus werden ein Drahtseilakt und eine richtige Reifeprüfung für die neuen Eigentümer.

Da nur etwas mehr als die Hälfte der Gesamteinnahmen an die Teams ausgeschüttet wird, könnte der kommerzielle Rechteinhaber seinen eigenen Geldbeutel etwas mehr öffnen. Aber wer gibt schon freiwillig vom eigenen Kuchen ab? Da können die Ziele von Liberty Media noch so hehr sein.

Mehr Einnahmen

Das Ziel, insgesamt mehr Einnahmen erwirtschaften zu wollen, ist alles andere als eine Revolution. Es ist das Selbstverständlichste der Welt. Die Frage ist nur wie. TV-Stationen zahlen jetzt schon horrende Summen, Streckenbetreiber ebenfalls. Mit Social Media verdient man kein Geld. Es bleiben nicht viele weitere Einnahmequellen. Die dritte von drei Säulen sind aktuell die Seriensponsoren. Mit größerer Popularität können größere Sponsorendeals eingetütet werden. Und vielleicht ergibt sich noch eine vierte Säule: Mit sogenannten Second-Screen-Angeboten könnte die Rennserie direkt vom Fan Geld eintreiben.

Strecken

Ross Brawn verkündete unmittelbar nach seiner Inthronisierung, vermehrt auf Traditionsrennstrecken fahren zu wollen. Auch das ist ein hehres Ziel, aber nicht so einfach in der Umsetzung. Zum einen gibt es bestehende Verträge mit vielen Promotern. Der Russland GP beispielsweise ist bis 2020 gesichert. Die neuen Eigentümer werden sicher kein Geld zahlen, um einen GP loszuwerden.

Der Deutschland GP 2017 fällt aus - das ändert auch Liberty Media nicht - Foto: Sutton

Doch auch für die Zukunft gilt: In Aserbaidschan, Bahrain und Co. gibt es mehr Geld zu verdienen als in Hockenheim, Silverstone und Co. Wenn die Formel 1 die Tradition dem Kommerz vorzieht, fehlen je nach Rennen Summen im zweistelligen Millionenbereich. Das wiederum widerspricht dem Ziel, höhere Einnahmen zu generieren. Weniger Einnahmen bedeuten gleichzeitig weniger Geld für die Teams. Dass Ecclestone die Formel 1 Richtung Osten expandieren ließ, hatte seinen Grund.

Für 2017 wird sich ohnehin nichts ändern, der Kalender steht. Auch der ursprünglich geplante Deutschland GP wird nicht stattfinden. "Das geht gar nicht mehr, unser Programm für 2017 steht", sagte Hockenheimring-Geschäftsführer Georg Seiler zu Motorsport-Magazin.com. 2018 wird die Formel 1 dann zwar wieder in Deutschland fahren, weil es einen bestehenden Vertrag gibt, hinter 2019 und später steht aber ein großes Fragezeichen.

"Wir bleiben bei unserer Aussage", wiederholt Seiler: "Wir richten nur einen Grand Prix aus, wenn es kein finanzielles Risiko für uns gibt." Heißt: Entweder müssen die Eintrittskarten garantiert weggehen oder die Antrittsgebühren runter. Dabei befindet sich der Hockenheimring bei den Antrittsgebühren bislang am unteren Ende. "Bernie Ecclestone war immer ein fairer Partner und ist uns entgegengekommen", sagt Seiler. Ob die neuen Eigentümer da noch viel machen können?

TV/Social Media

In diesem Bereich könnten sich die größten Änderungen ergeben. Allerdings startete die Formel 1 zuletzt schon im Bereich Social Media durch und hat inzwischen Facebook- und Twitter-Accounts. Viel mehr kann im Bereich Social Media und Website nicht mehr kommen als aktuell. Mit Social Media verdient niemand Geld - und man wirft Inhalte kostenlos auf den Markt, für den TV-Stationen teuer bezahlen. Es ist ein schwieriges Gebiet.

Die großen, frei empfangbaren TV-Stationen muss die Formel 1 aus zwei Gründen halten: Reichweite und Einnahmen. Bei den Pay-TV-Sendern könnte es anders aussehen: Mit einem Streaming-Modell, wie es bei amerikanischen Sportarten längst Standard ist, droht Sky und Co. Konkurrenz. Auch ein Ausbau der App mit weiteren Zusatz-Informationen ist denkbar, für die der Fan (noch mehr) bezahlen muss.

Das Live-Event

Hier könnte sich tatsächlich schon bald etwas ändern. Nach amerikanischem Vorbild könnten die Grands Prix zu noch größeren Einzelveranstaltungen werden. Inzwischen gibt es ohnehin oftmals größere Konzerte am Rennwochenende, die allerdings vom jeweiligen Promoter organisiert und vor allem finanziert werden müssen. Vielleicht werden solche Dinge in Zukunft vom kommerziellen Rechteinhaber übernommen und stärker in ein Grand-Prix-Event eingebunden.

Fazit: Viele Dinge in der Formel 1 sind aus gutem Grund so, wie sie heute sind. Das heißt nicht, dass alles gut ist, wie es ist. Die neuen Eigentümer haben es aber nicht einfach, die Dinge zum Besseren zu wenden. Das Haifischbecken Formel 1 mit einer Ansammlung von Egoisten wird für Liberty Media vor allem bei der Verhandlung der Verträge nach 2020 eine riesen Herausforderung. Kurzfristig kann sich ohnehin nicht viel ändern - langfristig bleibt es abzuwarten.

Ecc-xit! Ecclestones F1-Aus ein Fluch oder Segen?: (13:47 Min.)


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