Formel 1

Toto Wolff: Was passiert jetzt ohne Ecclestone?

Viele halten den Abschied von Bernie Ecclestone für längst überfällig - aber nicht alle. Toto Wolff sieht die Zukunft differenzierter.
von Christian Menath
Ecc-xit! Ecclestones F1-Aus ein Fluch oder Segen?: (13:47 Min.)

Noch immer beschäftigt die Formel 1 ein Thema: Die Übernahme von Liberty Media und der einhergehende Abschied von Bernie Ecclestone. Viele sehen die Übernahme als positiv, Ecclestones Abschied als längst überfällig. Die Kritik: Ecclestone sei zu alt, habe Social Media verschlafen und sei schwierig im Umgang.

Viele Beteiligte, die Ecclestone näher kannten, sehen das anders. "Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass ich ohne Bernie nicht in der Formel 1 wäre", verrät Mercedes Motorsportchef Toto Wolff. "Er hat mich damals bei Williams unterstützt und auch wenn wir bei Mercedes einige Aufs und Abs hatten, blieb es stets sehr freundschaftlich. Wir hatten eine gute Beziehung - obwohl wir auf Geschäftsebene auch mal anderer Meinung waren. Aber so sollte es auch sein."

Mercedes machte Ecclestone das Leben schwer, weil sich das dominierende Team gegen Regeländerungen querstellte und keine Motoren an Konkurrent Red Bull liefern wollte. Ecclestone bestrafte Mercedes kurzzeitig mit weniger TV-Präsenz, half auf der anderen Seite aber auch, als es darum ging, kurzfristig Teile nach Sochi zu bringen, damit Lewis Hamilton nicht aus der Boxengasse starten musste. Ecclestone ließ seine Beziehungen zu Vladimir Putin spielen und regelte den Zoll.

Viele kennen Ecclestone so: Auf der einen Seite Freund, auf der anderen Seite Feind. "Er hatte die tolle Fähigkeit, immer da zu sein. Wenn es ein Feuer zu löschen galt, das er vielleicht sogar selbst entzündet hatte, dann erstickte er es rasch", erinnert sich Wolff. "Mit den neuen Besitzern geht es nun in eine neue Richtung. Das wird anders sein als in der Vergangenheit. Jetzt müssen wir das Beste daraus machen und die Gelegenheit beim Schopfe packen."

Liberty Media sind die Hände gebunden

Der neue Eigentümer ersetzt Bernie Ecclestone mit einem Führungstrio. Chase Carey ist Geschäftsführer, hat aber Ross Brawn als Technik-Experten an seiner Seite und Sean Bratches als Medien-Experten.

Doch Vorsicht: Allzu schnell wird es keine gravierenden Änderungen geben. Auf kommerzieller Seite sind die meisten Verträge langfristig geschlossen. Viele Rennstrecken besitzen noch langjährige Verträge, die Vereinbarungen zwischen Teams, FIA und dem kommerziellen Rechteinhaber laufen bis 2020. Eine fairere Geldverteilung, von der gerne gesprochen wird, wird es bis dahin de facto nicht geben.

Die Zusammensetzung der Formel-1-Kommission - Foto: adrivo Sportpresse GmbH

Auch auf sportlicher Seite wird es frühestens 2018 Änderungen geben können. Und der Einfluss des kommerziellen Rechteinhabers hält sich hier in Grenzen. Die FIA stellte in einem Statement nach der Absetzung Ecclestones klar: "Der Verband wird weiterhin die Formel 1 fair, sicher und im besten Interesse des Sports regeln - wie sie es schon seit ihrem Beginn vor 67 Jahren versucht hat." Ein klares Statement, wer die Sporthoheit hat. In der Strategiegruppe, die Regeländerungen einbringen kann, machen Teams, FIA und kommerzieller Rechteinhaber jeweils ein Drittel aus. In der Formel-1-Kommission hat der Rechteinhaber nur eine von 25 Stimmen. Die Macht auf sportlicher Seite ist eingeschränkt.

Außerdem warnt Wolff: "Wir müssen anerkennen, dass die Formel 1 ein technischer Sport ist - sie wird also immer polarisieren. Es wird Menschen geben, die sie hassen, und andere, die sie lieben. Das ist okay. Aber eins ist sicher: Wir sollten aus ihr keinen Betatest machen. Wir sollten nicht mit unseren loyalen Fans und Zuschauern spielen, indem wir Regeln einführen, die wir nicht genau durchdacht haben. Wir sollten Daten aus einem wissenschaftlichen Ansatz verwenden und sehen, was in anderen Sportarten und Unterhaltungsplattformen funktioniert, und das mit den vorhandenen Stärken und Werten der Formel 1 verbinden."

Wolff und Ecclestone einig: Social Media bringt kein Geld

Die größte Kritik musste Ecclestone jedoch für seine Ignoranz gegenüber Social Media einstecken. Allerdings startete die Formel 1 in den letzten Jahren im Internet richtig durch. "Ich habe meine Meinung nicht geändert, aber ich würde sagen, dass wir es machen müssen", sagte Ecclestone im Interview mit Motorsport-Magazin.com.

Das sind Peanuts, wenn man es mit Free-to-Air-TV vergleicht. Man müsste ein paar Milliarden Abos mehr verkaufen, damit sich das rechnet.
Bernie Ecclestone

Das Problem: Social Media wird für viele als Allheilmittel gesehen. Wer sich mit der Thematik beschäftigt, wie Toto Wolff, versteht aber die Problematik dahinter. "Social Media ist ein sehr wichtiges Marketingtool, um mit unseren Zuschauern in Kontakt zu treten - das betrifft sowohl aktuelle als auch zukünftige Fans. Aber wir haben mit den TV-Sendern loyale Partner, die unseren Sport seit vielen Jahren übertragen und dabei mitgeholfen haben, einen Teil der Einnahmen für die Teams zu generieren. Dann darf man es nicht kostenlos in der digitalen Welt anbieten. Man kann es als Marketingtool ansehen, aber nicht als Allheilmittel, das alle Probleme löst."

Konkret bedeutet das: Mit Social Media lässt sich kein Geld verdienen. Auch die kostenpflichte Formel-1-App ist kein wirkliches Geschäftsmodell. "Das sind Peanuts, wenn man es mit Free-to-Air-TV vergleicht", sagte Ecclestone. "Man müsste ein paar Milliarden Abos mehr verkaufen, damit sich das rechnet."

Wolff: Riesige Gelegenheit für den Sport

Mit den TV-Rechten hat Ecclestone in der Vergangenheit nicht nur einen beträchtlichen Teil der Einnahmen generiert, sondern auch Reichweite geschaffen. Reichweite, die Sponsoren anlockte. Die Ankunft von Liberty Media wird erst noch interessant. Es wird Zeit brauchen, bis tatsächlich Änderungen sichtbar werden. Die Fans sollten sich nicht zu viel versprechen.

"Das Ende der Ära Ecclestone ist eine große Sache", meint aber Toto Wolff. "Ich bin gespannt, aber auch optimistisch, was die Zukunft bereithält. Aber eins ist sicher: Die Welt dreht sich sehr schnell weiter und die Erfolge von gestern sind morgen schon nichts mehr wert. Wir müssen offen in die Zukunft gehen und sollten dabei nicht zu nostalgisch sein. Dem Sport bietet sich eine riesige Gelegenheit, um immer weiter zu wachsen. Davon können wir alle profitieren. Wir müssen nur den Weg in diese Richtung einschlagen."


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