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Formel 1 / Interview

Das volle Potenzial nicht ausgeschöpft - Wehrlein: Sehe es nicht als Niederlage

Pascal Werhlein musste sich im Monaco-Qualifying seinem Teamkollegen Rio Haryanto beugen. Motorsport-Magazin.com sprach mit dem Manor-Piloten.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Pascal, würdest du nach dem Auftakt in Australien mit dem chaotischen Qualifying-Format und deinem Abflug in China Monaco als deine erste richtige Qualifying-Niederlage gegen deinen Teamkollegen ansehen?
Pascal Wehrlein: Ich sehe es gar nicht als Niederlage an. Ich bin zweimal mit gebrauchten Reifen gefahren. Am Anfang war der Sauber, als ihm der Motor hochgegangen ist. Da mussten alle Fahrer in die Box. Aber beim zweiten Mal war ich gerade auf meiner schnellen Runde und es gab wieder eine rote Flagge. Zweimal habe ich also meine schnelle Runde mit neuen Reifen abgebrochen. Und ich bin dann mit gebrauchten Reifen wieder rausgefahren. Dann waren sie nicht mehr auf Temperatur. Ich bin auch sehr frustriert heute. Denn heute war deutlich mehr drin. Heute Morgen im Training war ich sechs Zehntel schneller als mein Teamkollege. Jetzt bin ich hinter ihm. So etwas ärgert mich einfach, wenn man nicht das Potential ausschöpfen kann, das man eigentlich gehabt hätte.

Der Unfall von Max Verstappen erwischte Pascal Wehrlein auf seiner schellen Runde - Foto: Sutton

Also sieht es jetzt auf den ersten Blick schlechter aus, als es tatsächlich war?
Wehrlein: Ja. Aber das Qualifying läuft dieses Jahr noch nicht so, wie es laufen sollte. Im Rennen war ich bis jetzt immer vor ihm.

Hast du die Befürchtung, dass einige Entscheider in der Formel 1 dich rein nach den Ergebnissen bewerten? Zum Beispiel der reine Fakt, dass du heute langsamer warst als dein Teamkollege. Oder dass es 3:3 steht im Qualifying. Ohne die Umstände genau zu beachten.
Wehrlein: Nein. Ich denke, alle Teams hier haben alles sehr gut unter Beobachtung, gerade im Qualifying. In Australien hatte ich eine einzige Runde. Ich glaube, da war jeder überrascht, was überhaupt passiert. Beim zweiten Mal bin ich abgeflogen. Das war mein Fehler. Aber auch dort war es komisch, denn die ganze Strecke war trocken und da war dann ein nasser Streifen. Ich glaube, die Strecke wurde dann getrocknet, andere Fahrer sind auch noch fast abgeflogen. Es war einfach unglücklich.

Beim China GP rutschte Pascal Wehrlein von der feuchten Strecke - Foto: Sutton

Im Nachhinein erinnert man sich da vielleicht nicht so dran. Da zählen dann eher die Zahlen.
Wehrlein: Aber Mercedes kriegt von Manor nach jedem Rennen Berichte, wie es war. Und deswegen mache ich mir da keine Sorgen.

Zurück zum Qualifying: Du warst direkt hinter Nasr, als ihm der Motor hochgegangen ist. Im Rennen wäre das sehr schlecht. Besonders ohne Abreißvisier wäre das eine Katastrophe, oder?
Wehrlein: Als ihm der Motor hochgegangen ist, waren wir im Tunnel. Da ist es schon schwierig, etwas zu sehen. Aber ansonsten, wenn der Motor auf einer Strecke wie Barcelona hochgeht, ist es weniger ein Problem, als in Monaco. Hier im Tunnel ist es der worst case, den man als hinterherfahrender Pilot haben kann.

Insgesamt wussten wir, dass wir in Monaco nicht sehr stark sein werden.
Pascal Wehrlein

Du sagtest es ja bereits, im Rennen warst du bislang immer vor deinem Teamkollegen. Da steht es 5:0. Nun startest du aber ausgerechnet hier in Monaco hinter ihm. Befürchtest du, dass es dann morgen 5:1 steht? Überholen ist hier ja nicht so einfach.
Wehrlein: Insgesamt wussten wir, dass wir in Monaco nicht sehr stark sein werden. Ich hätte vor ihm sein können, vielleicht noch vor Palmer. Der wäre vielleicht noch in greifbarer Nähe gewesen. Im Freien Training heute Morgen war ich ein oder zwei Zehntel von ihm weg. Aber für alles andere davor sind wir auf der Strecke hier nicht gut genug, deswegen ist das wieder ein Rennen wo man viel lernen muss.

Ist es morgen die Maxime, einfach das Auto in einem Stück zu lassen?
Wehrlein: Ja genau. Ich glaube Kanada in zwei Wochen sollte ganz positiv für uns werden. Das hoffe ich zumindest. Aber die Streckencharakteristik liegt uns deutlich besser als Monaco. Es gibt so drei, vier Highlights im Jahr, auf die man sich konzentrieren und wo man das Maximum aus dem Auto herausholen muss. Hier wissen wir, dass wir aus eigener Kraft nicht in die Top 15 kommen. Das soll auch nicht heißen, dass man das Wochenende insgesamt schon vorher aufgibt. Wir wissen, dass unsere Chancen hier nicht so groß sind wie auf Strecken wie in Bahrain, Kanada, Monza und vielleicht Spa. Aber klar, Monaco oder allgemein Straßenkurse darf man nie vor dem Rennen abschreiben. Auch wenn das Qualifying nicht gut gelaufen ist. Hier kann so viel passieren. Und vielleicht regnet es ja morgen.

Das Wichtigste ist, das Auto erst einmal ganz zu lassen und das Rennen fertig zu fahren.
Pascal Wehrlein

Würdest du morgen gerne Regen haben?
Wehrlein: Ja auf jeden Fall. Auch für mich zum Lernen, einen Straßenkurs bei Regen zu fahren. Natürlich, ich würde alles mitnehmen, was geht und morgen alles geben. Und dann ist es das Wichtigste, das Auto erst einmal ganz zu lassen und das Rennen fertig zu fahren. Es kann eben so viel passieren morgen.

Kannst du uns mal erklären, was genau bei euch das Problem ist? Ich habe mir FP 1 an der Strecke angeschaut und es sah so aus, als hättet ihr am Kurveneingang Übersteuern und müsstet dann ewig warten, bis ihr wieder auf's Gas steigen könnt.
Wehrlein: Ja, das hast du gut gesehen. Die Hinterachse ist momentan unser Problem. Wir haben eine sehr nervöse Hinterachse. Bei den Topspeeds sind wir immer die Schnellsten. Das liegt daran, weil wir nicht mehr Abtrieb haben. Wir würden gerne mehr Abtrieb fahren, aber momentan haben wir wenig. Deshalb sind wir auf Strecken, die viel Abtrieb brauchen - wie Monaco, Barcelona - nicht konkurrenzfähig. Im Gegensatz zu Bahrain, wo man ein bisschen weniger Abtrieb braucht. Wenn man auf der Geraden schnell sein muss, sind wir gut. Das macht es natürlich schwierig, gerade am Ausgang mit der Traktion. Das zerstört dann auch die Reifen. Das ist unser Problem momentan. Man muss sagen: Das Team arbeitet sehr hart und man spürt es auch als Fahrer, dass das Team extrem hart pusht. Wir haben jetzt immer mal wieder ein paar kleinere Updates gebracht. Und für so ein kleines Team, wie wir es sind, ist das schon beeindruckend.

Rio Haryanto kämpfte am Donnerstag bereits mit dem Auto und flog nach dem Tunnel ab - Foto: Sutton

Der Tunnelausgang ist für euch wahrscheinlich die schwierigste Stelle aufgrund des fehlenden Abtriebs. Rio Haryanto hat den Manor dort verloren. Kannst du mal beschreiben, wie sich das anfühlt, wenn man mit 290 km/h da ankommt? Dort gibt es ja auch diese Bodenwelle?
Wehrlein: Man hat dort 290 km/h drauf und wenn man aus dem Tunnel rauskommt, fährt man ja quasi noch weiter nach rechts rüber. Und da ist eine extrem große Bodenwelle. Man fährt nach rechts und bremst über die Bodenwelle und da geht es wie über eine Kuppe. Dadurch verliert man Grip. Die ganze Last geht nach vorne, wenn man über die Kuppe fährt und somit wird die Hinterachse extrem leicht.

Wehrlein: Ich mag solche Herausforderungen

Das ist jetzt dein erstes Mal Monaco. Für einen Fahrer ist das schon verrückt, ganz anders als alles Andere, oder?
Wehrlein: Die Strecke ist extrem, aber mir machen solche Herausforderungen Spaß. Am Donnerstag war es für mich das Wichtigste, Streckenzeit zu bekommen. Auch um ein bisschen Setup-Arbeit zu machen. Was ich am Donnerstag aber auf gar keinen Fall wollte, war das Auto irgendwie in die Mauer zu setzen. Die Streckenzeit ist das Wichtigste und die Strecke ist echt krass.

Hast du je etwas Ähnliches in einem Rennauto erlebt?
Wehrlein: Ich bin Macau gefahren mit der Formel 3, das war 2012. Macau ist eine schnelle Strecke. Von der Beschleunigung ist ein Formel-3-Auto aber ganz anders als ein Formel-1-Auto. Auch in Pau bin ich damals noch gefahren. Stadtkurse sind allgemein cool, aber mit einem Formel-1-Auto gerade in Monaco ist es noch einmal etwas ganz anderes, weil die Beschleunigung so schnell ist. Da kommt eine Kurve nach der anderen.

Alle Teams sind da, wo sie hingehören.
Pascal Wehrlein

Aber du würdest schon sagen, dass der Fahrer mehr gefordert ist als woanders, weil du auch im Kopf viel schneller sein musst.
Wehrlein: Glaube ich nicht. Klar, der Fahrer wird da gefordert. Wer mehr ans Limit geht und näher an die Wände heran fährt. Oder wer später bremst und dadurch mehr riskiert. Aber auf einem Stadtkurs kommt es genauso auf das Auto an, wie auf anderen Kursen auch. Das Auto spielt immer eine Rolle, der Fahrer spielt immer eine Rolle. Ich glaube, die Rangordnung hier ist mehr oder weniger ähnlich. Alle Teams sind da, wo sie hingehören. Auch ohne den Fahrereffekt.

Du warst hier zum ersten Mal bei der Amber Lounge. Musst du dich als Fahrer daran gewöhnen, dass hier nebenbei so viel noch passiert?
Wehrlein: Für mich ist es das erste Mal, dass so viel drum herum ist. Vorher kannte ich das nicht. Gestern hatten wir einen freien Tag. Es war ein cooler Abend, es hat Spaß gemacht. Aber irgendwie ist das auch komisch. Den einen Tag fährt man, dann hat man einen Tag Pause und am nächsten Tag fährt man wieder.


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