Formel 1

Suche nach der glorreichen Vergangenheit - WM-Vorschau 2016 - McLaren: Quo vadis?

McLaren steht vor einem wichtigen Jahr. Die Zusammenarbeit mit Honda muss im zweiten Jahr besser funktionieren. Erste Anzeichen sind positiv.
von Chris Lugert & Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Schlimmer geht immer? Für McLaren nicht. Nach dem desaströsen Jahr 2015, als die neu-erwachte Beziehung mit Honda eher einem großen Missverständnis glich, kann es nur besser werden. Die Historie des Teams kennt Siege und Titel, vor allem in der gemeinsamen Zeit mit den Japanern. An diese soll nun endgültig angeknüpft werden. 2015 zeigte sich Honda überrascht von den Anforderungen, die die neue Hybrid-Technik mit sich bringt, was bei McLaren für Verärgerung sorgte. Schuldzuweisungen wurden in unschöner Regelmäßigkeit auch nach außen getragen. Doch getreu dem Motto "Kommt Zeit, kommt Rat" soll das zweite Jahr deutlich erfolgreicher werden. Ob es gelingt?

Das Team: Wechsel auf wichtigen Positionen

Neu im Team:

  • Yusuke Hasegawa übernimmt die Rolle des Honda-Motorsportchefs
  • Jost Capito wird Chief Executive Officer bei McLaren
  • Chandon ist seit September Großsponsor des Teams

Nicht mehr im Team:

  • Testfahrer Kevin Magnussen wurde vor die Tür gesetzt
  • Yasuhisa Arai muss seinen Posten als Honda-Motorsportchef räumen
  • TAG Heuer wechselt nach über 20 Jahren Partnerschaft zu Red Bull

Chandon ist neuer Großsponsor bei McLaren - Foto: McLaren

Der Glanz vergangener Tage ist längst verflogen. Die Zeiten, als mit Ron Dennis, Adrian Newey und einem bekannten Tabakhersteller technisch, strukturell und auch finanziell Sicherheit und Konkurrenzfähigkeit herrschte, sind vorbei. Mit TAG Heuer verlor man nun auch noch einen starken Partner an die Konkurrenz von Red Bull. Die schwachen Ergebnisse kosten zudem Preisgelder und ziehen keine neuen Sponsoren an - ein Teufelskreis. Im Team selbst hat Ron Dennis wieder das Sagen. Eric Boullier ist als Renndirektor zwar für die Einsätze am Rennwochen verantwortlich. Doch mit Jost Capito bekommt er einen weiteren Aufpasser an die Seite gestellt, der an Dennis berichtet. Capito als CEO, Jonathan Neale als COO, Dennis als Geschäftsführer - verderben viele Köche den Brei?

Motorenpartner Honda änderte im Winter nicht nur die Herangehensweise beim Bau der Power Unit, sondern auch den personellen Verantwortungsbereich. Yasuhisa Arai, der bislang für das Projekt verantwortlich zeichnete, wurde durch Yusuke Hasegawa ersetzt. Offiziell soll Arai aber zunächst in beratender Funktion dabei bleiben.

Das Auto: Größe null bleibt bestehen

Die wichtigste Erkenntnis am Ende der Testfahrten: Der neue MP4-31 fährt. Und zwar deutlich zuverlässiger als sein Vorgänger vor Jahresfrist. Abgesehen vom letzten Testtag in Woche eins, als ein Kühlleck den gesamten Tag zunichtemachte, spulten Jenson Button und Fernando Alonso viele Kilometer ab. In Woche zwei wurden fast jeden Tag 100 Runden erreicht, mit 3305 Kilometern lag McLaren auf Rang neun aller Teams. Honda hat die Power Unit stabil bekommen. Ob sich neben der Zuverlässigkeit auch noch die Konkurrenzfähigkeit zurückgemeldet hat, ist nach den Testfahrten freilich nicht in Gänze zu beantworten. Fernando Alonso sprach von 30 bis 80 PS Leistungsdefizit im Vergleich zu Mercedes.

Die schnellste Rundenzeit in Barcelona für McLaren fuhr Jenson Button auf Ultrasofts mit einer 1:24.714. Damit war er satte zwei Sekunden langsamer als Sebastian Vettel auf derselben Mischung. Fernando Alonso schaffte mit Softs jedoch fast die identische Rundenzeit. Dennoch fehlten auch hier 1,7 Sekunden auf die schnellste Soft-Zeit, aufgestellt von Kimi Räikkönen. Dabei sind die Spritmengen natürlich ein unbekannter Faktor. Doch wirklich zuversichtlich klang man nicht. "Wir brauchen aber ein paar große Fortschritte, um wirklich näher an die Spitze zu gelangen. Es gibt noch Bereiche, denen wir Aufmerksamkeit schenken müssen", stellte Button fest. Für Australien sollen deshalb einige Änderungen folgen. Boullier sprach gar von einem radikal anderen Chassis in Melbourne.

Size-Zero mit Abstrichen

Der McLaren MP4-31 ist äußerlich eine leichte Weiterentwicklung des Vorjahresfahrzeuges. Das Team hält weiterhin an der Size-Zero-Philosophie fest, die Motorenpartner Honda in der Vergangenheit in so große Schwierigkeiten brachte. Allerdings soll McLaren Honda ein wenig entgegengekommen sein, die Japaner bekamen für ihre Power Unit etwas mehr Platz. Der bei den Testfahrten gezeigte Bolide hatte noch extrem viel Ähnlichkeit mit seinem Vorgänger. Das könnte sich zum Saisonstart in Melbourne ändern, McLaren hat bereits einige Updates für den Auftakt angekündigt.

Das Chassis war aber schon 2015 nicht das große Problem bei McLaren. Ob es tatsächlich, wie von Ron Dennis propagiert gleichwertig mit jenem von Red Bull ist, sei dahingestellt. Das große Manko war aber der Honda-Antrieb. Honda hat sichtbar einen großen Sprung gemacht. Das sieht man an der Zuverlässigkeit und ist auch deutlich hörbar. Die Topspeed-Werte sind besser, die MGU-K liefert den Großteil der Runde über die 163 Zusatz-PS. Ganz auf der Höhe sind die Japaner aber nach wie vor nicht.

Die Fahrer: Erfahrung ist Trumpf

Im vergangenen Jahr sorgten Jenson Button und Fernando Alonso eher abseits der Strecke für Unterhaltung, im Auto waren sie meistens Opfer der anfälligen Technik. Fahrerisch sind beide über jeden Zweifel erhaben. Button gilt als Reifenflüsterer, der seine Stärken vor allem im Rennen ausspielen kann. Zudem verfügt er über enorme Erfahrung. Seit 2000 fährt der Brite Formel 1 und ist damit der dienstälteste aktuelle Pilot. Im Qualifying dagegen hat der 35-Jährige seine Schwierigkeiten. 2015 gelang es ihm dennoch als erst zweitem Teamkollegen überhaupt, Fernando Alonso am Saisonende in der Gesamtwertung hinter sich zu halten.

Nicht nur aufgrund zweier WM-Titel zählt Alonso nach wie vor zu den stärksten Fahrern im Feld. Oftmals überkommt dem geneigten Zuseher das Gefühl, der Asturier holt mehr aus seinem Material heraus, als drin steckt. Doch zuletzt ging ihm die Motivation zusehends ab, Rücktrittsgerüchte machten die Runde. Denn trotz oder gerade aufgrund der unbestreitbaren Qualitäten ist ein Alonso nicht gemacht, um auf den hinteren Plätzen zu fahren. Nicht ausgeschlossen, dass er das Handtuch frühzeitig schmeißt, sollte sich der Eindruck manifestieren, dass McLaren-Honda erneut nicht konkurrenzfähig ist. Stimmt das Paket aber, wird er noch fokussierter zu Werke gehen. Und dann verfügt das Team über eine der besten Fahrerpaarungen im Feld.

FahrerRundenKilometerBestzeitReifenmischung
Fernando Alonso333 1.550,121:24.735Soft
Jenson Button3771.754,941:24.714Ultrasoft

Die Ziele: Zurück zu alten Erfolgen

Saisonziel: McLaren will wieder zurück ins Spitzenfeld

Redaktionskommentar: Noch ein Desaster wie im vergangenen Jahr hätte gravierende Auswirkungen nicht nur auf das Selbstverständnis des McLaren-Teams. Diesem Umstand ist man sich bewusst. Doch was hilft es, wenn man technisch unterlegen ist? Das Chassis wird nicht das Problem sein, sondern die Power Unit von Honda ist das Fragezeichen. Zuverlässig scheint sie endlich zu sein, wie die Testfahrten zeigten. Doch wie konkurrenzfähig ist sie? 30 bis 80 PS fehlen laut Alonso auf Mercedes. Eine große Spanne. Bleibt für McLaren zu hoffen, dass sich der tatsächliche Rückstand im unteren Segment dieser Zahlen bewegt. Sonst spielt man erneut graue Maus. (Chris Lugert)

Pro:

  • Die Testfahrten bestätigten eine deutlich verbesserte Zuverlässigkeit
  • McLaren und Honda haben die Ressourcen, stetig weiterzuentwickeln
  • Die Fahrerpaarung zählt zu den besten im Feld

Contra:

  • Zuverlässigkeit ist nicht gleich Performance: Honda fehlt noch Leistung
  • Konstellation in der Führungsetage wird bei ausbleibendem Erfolg zu Unruhe führen
  • Auch die Konkurrenz hat teils deutliche Schritte vollzogen

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