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Token, Alternativmotor & Co - Gesucht: Das Motorsport-Unwort des Jahres

Das Jahr 2015 neigt sich dem Ende zu. Motorsport-Magazin.com sucht das Unwort des Jahres und stellt die Nominierten vor.
von Christian Menath

Wir lieben Motorsport. Doch manchmal bringt uns auch die schönste Nebensache der Welt zur Verzweiflung. Beispielsweise, wenn Formel-1-Kommission und Strategiegruppe über die Änderung der Token-Staffelung diskutieren, zu einem Ergebnis kommen, das World Motorsport Council die Änderungen aber noch verabschieden muss. Oder wenn Dr. Helmut Marko von der Rettung der Formel 1 spricht, weil die FIA mit einem Alternativmotor droht.

Kurz gesagt: Eigentlich mögen wir unseren Job ziemlich gerne, aber auf das ein oder andere Thema hätten wir 2015 gerne verzichtet. Wir suchen deshalb das Motorsport-Unwort des Jahres. Was ging euch in diesem Motorsportjahr so richtig auf den Zeiger? Wir stellen euch unsere Favoriten vor.

Token
Die Definition dieses Wortes ist besonders spannend. Token ist die Währung der Motorenentwicklung. Dazu sind die einzelnen Power-Unit-Komponenten in kleinere Teilbereiche eingeteilt, denen jeweils mit der Anzahl der Token eine Wertung gegeben wird. Den Brennraum zu überarbeitet kostet beispielsweise drei Token, der Zylinderkopf zwei. Um die Kosten einzudämmen, steht den Motorenherstellern nur eine bestimmte Anzahl dieser Token zur Verfügung.

Die Power Units hielten uns auf Trab - Foto: Renault Sport F1

Erst gab es Diskussionen darüber, ob die Token nur über den Winter, oder auch während des Jahres gezogen werden dürfen. Dann, ob auch Honda als neuer Hersteller Token bekommt. Die restliche Saison durften wir über den Einsatz der Token rätseln, weil es die ursprünglich angekündigten Dokumente der FIA nicht gab. Und zum Jahresabschluss wurde die Token-Staffelung für die nächsten Jahre noch geändert.

Alternativmotor
Als sich immer mehr abzeichnete, dass Red Bull weder von Mercedes, noch von Ferrari und letztlich nicht einmal von Honda Motoren bekommt, wurden nicht nur die Herren um Dr. Helmut Marko nervös, sondern auch die FIA. Außerdem ist das Kostenproblem der Power Units noch immer ungelöst. Die Antwort der FIA auf alle Probleme: Ein Alternativmotor. Ein technisch einfacherer Motor von einem unabhängigen Hersteller, der mit einer Balance of Performance aufgedreht wird. Die Schnapsidee war fast so schnell vom Tisch, wie sie aufkam. Das Druckmittel zeigte Wirkung, so dass die Motorenhersteller nun kompromissbereit sind.

Progress
McLaren-Honda war 2015 unfassbar schlecht auf der Strecke. In der Konstrukteurswertung stand am Ende Rang neun - nur Manor konnte der Traditionsrennstall hinter sich lassen. Wenn man sich die Aussagen von Eric Boullier, Ron Dennis und den beiden Piloten so anhörte, konnte man fast meinen, McLaren kämpfe um den WM-Titel. An jedem Wochenende wurde groß vom 'Progress' gesprochen.

So sah der McLaren-Progress 2015 tatsächlich aus - Foto: Motorsport-Magazin.com

"Wenn wir es beibehalten, 1,6 Sekunden pro Rennen aufzuholen, wird es schwierig, denn in drei Rennen wären wir dann auf Pole", meinte Fernando Alonso in Malaysia. "Der Job, den das Team in den letzten 15 Tagen gemacht hat, ist beeindruckend und wir bewegen uns definitiv in die richtige Richtung." Statements wie diese hörten wir die nächsten 17 Rennen, aufgeholt hat McLaren rund 0,001 Sekunden pro Rennen.

Wichtig Schritt auf dem Weg zur Mini-WM - Foto: Sutton

Mini-WM
Als die Weltmeisterschaft für Nico Rosberg gelaufen war, gab das Rosberg-Lager ein neues Ziel aus: Die Mini-WM! Von da an ging es nur noch darum, warum Lewis Hamilton das Auto seit Singapur nicht mehr liegt und was Rosberg gemacht hat, um nun so in Fahrt zu kommen. Die Mini-WM sicherte er sich in unfassbar dominanter Manier: Sechs Pole Position in Folge und drei Rennsiege zum Saisonfinale - Sebastian Vettel hat er damit sicherlich im Kampf um die Mini-WM demoralisiert.

Tag Heuer
Auch ohne Alternativmotor hat Red Bull letztendlich einen Motorenpartner für 2016 gefunden. Das sind hervorragende Nachrichten - insbesondere, weil es nicht mehr der vielgescholtene Partner Renault ist. Mit Renault holte Red Bull zwar acht Weltmeistertitel in Folge, das ist seit 2014 aber egal: Red Bull hämmerte derart auf Renault ein, dass einem in diesem Fall sogar Franzosen leidtun konnten.

Aufgrund der andauernden Enttäuschungen und der geringen Aussicht auf Besserung wurde der Vertrag mit Renault sogar vorzeitig gekündigt - und natürlich auch wegen des versprochenen Deals mit Mercedes. Am Ende kam der Mercedes-Deal nicht zustande und Red Bull stand ganz ohne Motor da. Um die Schmach, wieder bei Renault angekrochen zu kommen, in Grenzen zu halten, tauft Red Bull den Motor künftig Tag Heuer. Der Spott von Niki Lauda ist ihnen damit schon sicher: "Was sagt ihr, wenn der Motor wieder kaputt geht? Die Uhr ist stehengeblieben?"

Startplatzstrafen
Statt fünf gab es für die Saison 2015 nur mehr vier Power Units für jeden Fahrer. Gleichzeitig hatte die FIA das Strafensystem für diejenigen überarbeitet, die das Kontingent nicht einhalten. Eine unglückliche Kombination vor allem für Honda. Weil die McLaren-Piloten schon mit Strafen in die Rennen starteten, weil sie so viele Startplätze gar nicht absitzen konnten, wurde der Passus wieder aus dem Reglement gestrichen. Das führte zu abstrusen Situationen mit 60 Strafplätzen in der Startaufstellung. Insgesamt holte McLaren deutlich mehr Strafen, als Punkte in 2015. Button wurde insgesamt 150 Plätze nach hinten versetzt, Alonso sogar 165. Macht insgesamt 315 Startplätze. Immerhin kennen die beiden McLaren-Piloten jetzt das Umland sämtlicher Rennstrecken.

MSM TV: Belgien GP News aus Spa: (03:51 Min.)

Grid-Boys
Die schlimmsten GPs des Jahres? Ganz klar Monaco und Brasilien. Zumindest wenn man Sebastian Vettel fragt. Denn dort durfte der vierfache Weltmeister nicht die wohlgeformten Hüften attraktiver Grid-Girls betrachten, sondern starrte auf Hintern von Georges und Daves. In Brasilien hieß der gute Herr unseren Recherchen zufolge Guilherme. "Wenn ich auf Männer stehen würde, wäre das eine andere Geschichte. Das tue ich aber nicht", sagt Vettel ganz offen. Dem schließen wir uns an und nominieren die Grid-Boys als Unwort des Jahres.

Spanische Mafia
Nicht nur in der Formel 1 gibt es Worte, die uns mit der Zeit richtig auf den Zeiger gegangen sind. Die MotoGP-Kollegen durften sich vor allem gegen Ende der Zweirad-Saison über die Spanische Mafia freuen. Marc Marquez hat Valentino Rossi in Sepang so lange provoziert, bis der ihn vom Motorrad stoßen musste. Nur um seinem Landsmann Jorge Lorenzo beim Kampf um die WM zu helfen. Beim Saisonfinale in Valencia schien Marquez einen Nichtangriffspakt mit Lorenzo geschlossen zu haben, um dessen Titel ja nicht zu gefährden. Die Drahtzieher und Sponsoren der MotoGP sind außerdem auch noch überwiegend Spanier. Da müssen sie doch Jorge Lorenzo zum Titel verholfen haben, oder?

Zwiebelringe
Tatort: Red Bull Ring. Audi Motorsportchef Wolfgang Ullrich funkt Timo Scheider die ominösen Worte ins Cockpit: "Timo, schieb ihn raus!" Wenige Sekunden später schiebt Scheider Robert Wickens raus, der wiederum Pascal Wehrlein mit ins Aus reißt. Ein handfester Skandal, der vor dem DMSB Gericht landete und mit 200.000 Euro Strafe für Audi, dem Abzug der Herstellerpunkte jenes Rennens und der Suspendierung für Wolfgang Ullrich endete. Der spätere DTM-Champion Wehrlein liefert den Facebook-Post des Jahres: Karma kommt zurück ihr Zwiebelringe.

Performance-Gewichte
Nochmal DTM. Am Anfang waren alle begeistert von der Idee, die Hersteller mit Performance-Gewichten auf ein Performance-Niveau zu bringen. Ob die Hersteller nach dieser Saison noch immer dieser Meinung sind? BMW hatte das schwächste Auto, holte bei einem Rennen mit Mühe und Not Punkte und am nächsten Rennwochenende dank Performance-Gewichten einen Siebenfach-Erfolg. Und am Ende stand sogar die Markenwertung für die Münchener, ohne das die genau gewusst hätten, wie sie zu dieser Ehre kamen.

Und plötzlich war BMW vorne - Foto: BMW AG

Pascal Wehrlein, Jamie Green und Mattias Ekström, die besten Piloten der abgelaufenen Saison, hatten dank Performance-Gewichten mehrmals Probleme, überhaupt in die Punkte zu fahren. Der Erfolgs-Ballast hat nicht nur ständig nervige Geschichten geliefert, sondern auch guten Motorsport zerstört. Deshalb eine verdiente Nominierung in unserer Liste.

Startreihenfolge
Auch die WRC hat sich ihren Platz in dieser Liste verdient. Nach jeder Prüfung der Saison 2015 gab es gefühlt nur ein Thema: Der große Nachteil der Startreihenfolge für Weltmeister Sebastien Ogier. Als WM-Führender musste der VW-Pilot bei allen Rallyes den losen Schotter von der Strecke fahren und büßte dadurch wertvolle Sekunden ein. Stilles Leiden ist aber nicht die Art des Franzosen oder seiner ersten Verfolger, stattdessen wurde 'Startreihenfolge' zum wohl meistgenutzten - und meistgehassten - Wort der Saison. Geändert hat es am Ende alles nichts: Sebastien Ogier ist zum dritten Mal Weltmeister geworden.

Wie gefällt euch unsere Auswahl? Haben wir etwas vergessen? Stimmt ab und schreibt uns eure Meinung in den Kommentaren.


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