Formel 1

Heizdecken schon früh von Energiequelle getrennt - Zu wenig Reifendruck: Keine Strafe für Hamilton

Lewis Hamilton kann aufatmen: Der Brite erhält keine Strafe, weil sein linker Hinterreifen am Start zu wenig Druck hatte.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Ende gut alles gut - das wird sich Lewis Hamilton am frühen Sonntagabend nach dem Italien GP denken. Nachdem der Brite das Rennen im Königlichen Park gewonnen hatte, musste er um seinen Sieg zittern, denn die FIA hatte am Start einen zu geringen Luftdruck am linken Hinterreifen beim Weltmeister gemessen.

Nach Anhörung der Beteiligten kamen die Stewards of the Meeting aber zu dem Schluss, dass Mercedes nichts vorzuwerfen sei. Die zu niedrigen Luftdrücke - auch bei Nico Rosberg wurden weniger als 19,5 PSI gemessen - seien Folge kalter Reifen gewesen. Beim Montieren der Reifen am Fahrzeug hätte der Druck gestimmt, heißt es in der Urteilsbegründung. Mercedes konnte das mit Messprotokollen nachweisen.

Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Temperatur und Luftdruck im Reifen. Je heißer der Reifen, desto höher ist der Druck, weil sich die Luft ausdehnt. Beim Messen des Luftdrucks kontrollierten die Offiziellen auch die Temperaturen. Bei Mercedes waren die Reifentemperaturen zum Zeitpunkt der Untersuchung deutlich kälter als die Pneus der Konkurrenz.

Bei Hamilton fehlen 0,3 PSI, bei Rosberg 1,1 PSI

Zwar waren die Reifenwärmer noch länger über den Reifen, allerdings wurden sie zuvor schon von der Energiequelle getrennt. Ein normaler Vorgang, wie Wolff erklärt: "Sonst müssten wir für jeden Reifen ein Aggregat in der Startaufstellung haben und dann wären noch überall Kabel." Auch bei anderen Teams wird das so gehandhabt.

Toto Wolff musste nach dem Rennen viele Fragen beantworten - Foto: Sutton

"Wir waren exakt an der Untergrenze bei den Drücken, genau wie es beim Montieren der Reifen sein sollte", erklärte Toto Wolff. "Ich weiß nicht, woher die Diskrepanz kommt, aber es war kein Fehler des Teams, um einen Vorteil zu erlangen." Bei Hamilton wurde ein um 0,3 PSI zu niedriger Luftdruck festgestellt, bei Nico Rosberg betrug der Unterschied zum Sollwert sogar 1,1 PSI.

Einen Sicherheitspuffer hatte Mercedes nicht einkalkuliert. "Die Variabilität in diesem Maße war uns nicht klar. Das muss man gemeinsam mit der FIA definieren, wie man diese Variabilität vermeiden kann. Man kann schlecht riesen Stromaggregate auf den Grid schleppen und alle Reifen dort heizen. Es wird immer Variabilität geben." Warum der Wert bei Rosberg so extrem abwich ist derzeit noch genauso unklar wie die Tatsache, warum es sich beide Male um einen einzelnen Reifen handelte - nämlich hinten Links.

Auf die Reifenschäden von Sebastian Vettel und Nico Rosberg vor zwei Wochen beim Großen Preis von Belgien in Spa, reagierte Pirelli mit strengeren Richtlinien bei Sturz und Luftdruck. Zwar konnte man, so die Aussagen des italienischen Reifenherstellers, ein strukturelles Problem der Reifen ausschließen, dennoch sollten die Luftdrücke angepasst werden.

Die zunächst geplanten Änderungen waren den Teams allerdings zu gravierend, weshalb Pirelli wieder zurückruderte und den Minimaldruck nur moderat anhob. Dadurch werden zwar Bereiche der Lauffläche stärker belastet, dafür aber die Reifenschulter und damit die Struktur entlastet.

Forderung nach klareren Richtlinien

Aus der Urteilsbegründung geht auch hervor, dass die Stewards eine bessere Abstimmung zwischen FIA und Pirelli für die Zukunft wünschen, um derlei Missverständnisse gar nicht erst entstehen zu lassen. Klarere Richtlinien für das Messprotokoll sollen folgen.

Dem schließt sich auch Toto Wolff an. "Die Frage lautet, wann der richtige Zeitpunkt ist, um den Druck zu messen. Die FIA sagt, es müssen bei Rennstart 19,5 PSI sein - aber da kann man schlecht messen. Also muss man einen Zeitpunkt definieren und für diesen Zeitpunkt muss man ein Prozedere finden. Wir haben beim Montieren der Reifen - gemeinsam mit unserem Pirelli-Ingenieur - den Druck gemessen. Jetzt muss man einen Zeitpunkt finden, wann die Luftdrücke gecheckt werden, damit es für alle gleich ist."

Auf diese Weise einen Vorteil zu erlangen, wäre absolut unwissenschaftlich und nicht kontrollierbar.
Toto Wolff

Einen Vorteil, so versichert der Mercedes Motorsportchef, wollte sich das Teams mit den nicht genau definierten Vorgängen nicht erschleichen. "Das kann ich klar verneinen. Sicherheit ist für uns wichtig. Wir haben nach Spa eng mit Pirelli daran gearbeitet, die Reifen sicher zu machen. Wir waren in die Festsetzung des Drucks und des Sturzes involviert, weil wir das schon in Spa hatten."

"Auf diese Weise einen Vorteil zu erlangen, wäre absolut unwissenschaftlich und nicht kontrollierbar", erklärt Wolff weiter. "Wie will man kontrollieren, wie stark der Reifendruck abfällt, wenn man die Heizdecken absteckt? Und dann auch nur an einem Reifen?"


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