Der Aufreger des Rennens: In der letzten Runde des Sonntagrennen auf dem Red Bull Ring kollidierte Audi-Werksfahrer Timo Scheider nach einem legendären Funkspruch von Audi-Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich ("Timo, schieb ihn raus!") mit den beiden Mercedes-Piloten Robert Wickens und dem Titelkandidaten Pascal Wehrlein. Ein in der DTM bis zu diesem Zeitpunkt einmaliger Vorgang, der natürlich Konsequenzen nach sich zog.

Doch der Reihe nach: Der Titelkampf in der DTM spitzte sich bei Saisonhalbzeit zu: Im zehnten Saisonrennen in Spielberg bremste Scheider in der letzten Runde vor Kurve drei offenbar später als der vor ihm fahrende Wickens. Eine vermeidbare Kollision sorgte dafür, dass Wickens dann ausgerechnet dem Teamkollegen und Titelkandidaten Wehrlein einen Rammstoß gab, der für beide Fahrer das Aus in einem Kiesbett bedeutete. Beim Sieg von Audi-Urgestein Mattias Ekström vor Gary Paffett (Mercedes) fuhr Scheider in dem Regenrennen am Ende noch als Sechster über die Ziellinie.

Der Zwischenfall wurde natürlich von der Rennleitung und den Sportkommissaren untersucht. Diese sahen den Verursacher Scheider als alleinschuldigen an dem Unfall und disqualifizierten ihn.

Mercedes-Pilot Pascal Wehrlein
Mercedes-Pilot Pascal Wehrlein scheidet aus, Foto: IMAGO / HochZwei

Für mehr Aufregung sorgte zuvor allerdings ein Funkspruch, der die Gemüter erhitzte. Im TV rätselten bei der ARD-Liveübertragung Kommentator Philipp Sohmer und Experte Norbert Haug, von wem denn der Funkspruch ausgesprochen wurde, und ließen sich wegen der Unsicherheit die Szene samt Spruch von der Regie noch einmal vorführen. Beim konzentrierten Zuhören war dann für beide klar: Das war doch der Audi-Motorsportchef, der am Kommandostand deutlich zu hören war.

Die vier Worte "Timo, schieb ihn raus" sorgte in der ARD-Sprecherkabine, in der auch Motorsport-Magazin-Redakteur Arno Wester für die ARD als Informant tätig war, für Entsetzen. Allgemeiner Tenor beim Blick in die Runde: Das war doch Ullrich, der da gesprochen hat.

Ja, das war er, wie unzweifelhaft - auch für die heimischen TV-Zuschauer deutlich zu hören, festgestellt wurde. Scheider dagegen war unschuldig, wie er kurz nach dem Rennen betonte: "Ich habe keinen Funkspruch gehört!"

Audi Motorsport weist Schuld von sich

Audi-Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich
Audi-Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich, Foto: IMAGO / HochZwei

Auch Audi Motorsport wies jegliche Schuld an der skandalösen Kollision von sich. "Ich habe mich bei der Aktion der Mercedes -Piloten (die vermeintlich Scheider blockiert hatten) geärgert und laut gebrüllt: "Jetzt schieb ihn halt raus!", versuchte Audi-Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich sich zu rechtfertigen. "Das war eine spontane Idee von mir. Vielleicht war dabei das Mikrofon vom Ernst Moser (Teamchef des Audi-Sport-Teams Phoenix) auf, versuchte Ullrich eine mögliche Erklärung zu finden. "Ich kann es nicht sicher erklären. Ich weiß nicht, wie der Funkspruch zum Auto gekommen ist."

Phoenix-Teamchef Ernst Moser
Phoenix-Teamchef Ernst Moser, Foto: Audi

In dem ganzen Durcheinander mit durchaus fragwürdigen Kommentaren geschah abseits der Rennstrecke etwas Ungewöhnliches, bei dem Motorsport-Magazin.com Zuhörer war: Vor der obligatorischen Presskonferenz fuhren Ullrich, Audi-Motorsport-Kommunikationschef Jürgen Pippig und Arno Wester (MSM-Redakteur) gemeinsam im Aufzug zum Pressekonferenzraum. Dabei besprachen Ullrich und Pippig, dem die Folgen des Funkspruchs offensichtlich schon klar waren, das Prozedere, wie sich Ullrich vor den Medien "verkaufen" sollte: Nämlich klipp und klar zugeben, dass er (Ullrich) wahrheitsgemäß mitteilen solle, dass er die alleinige Schuld an dem Funkspruch auf sich nehmen würde!

Kurios: Ullrich weist Schuld auf der Pressekonferenz von sich

Wenige Minuten später hörte sich das von Ullrich in der offiziellen Pressekonferenz vor den Medienvertretern jedoch ganz anders an. "Es ist nur der Ingenieur, der im Rennen zum Fahrer spricht und ich kann mir nicht vorstellen, dass er das gesagt hat", erklärte Ullrich, auch für Motorsport-Magazin.com völlig überraschend. "Es ist glaube ich keine Frage, dass wir am Boxenstand auch sehr emotional sind, aber es gibt - und das ist ganz klar gesagt - in so einer Situation keinerlei Ansagen zum Fahrer."

Auf die prompte Frage, von wem die Ansage an Timo Scheider denn kam, war Ullrich plötzlich ratlos. "Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich kann Ihnen nur sagen, dass wir am Boxenstand heiß diskutiert haben über die Situation und da gab es sicherlich auch Worte wie - "mach was", aber keiner dieser Funksprüche geht zum Rennfahrer."

Im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com sagte Ullrich anschließend: "Ich weiß, dass wir ganz laut diskutiert haben und da sind natürlich auch laute Worte gefallen, aber sicherlich war der Funkspruch nicht von irgendwem von uns an Timo gerichtet", versuchte Ullrich erneut noch zu retten, was eigentlich nicht mehr zu retten war. "Ich weiß, dass es immer nur der Fahrzeugingenieur ist, der zu unseren Fahrern redet. Es muss eine Stimme sein, sonst gibt es Chaos."

Und weiter: "Was soll ich jetzt tun? Gar nichts kann ich tun." Man werde sich jetzt zusammensetzen und schauen, was passiert ist. "Aber für mich ist es ja eine Rennsituation gewesen, die durch gewisse Dinge hervorgerufen wurde und es ist was dabei rausgekommen, aber die Rennfahrer entscheiden selbst, was sie tun. Ich sage nur, dass der Timo sicherlich nichts, was man ihm ins Ohr sagt und nicht in Ordnung ist, tun würde."

Man solle sich die Daten aus Scheiders Audi anschauen, "weil für mich hat Timo überhaupt nichts Böses getan. Er hat an derselben Stelle gebremst, wie in den Runden zuvor. Also ich sehe da keinerlei Absicht." Der Funkspruch könne gar nicht von ihm (Ullrich, d. Red.) kommen, weil ich mit den Fahrern nicht direkt verbunden bin."

Mercedes kritisiert Funkspruch scharf

Rivale Mercedes sah den unrühmlichen Vorrang naturgemäß völlig anders." Wenn es diesen Funkspruch gab, soll derjenige nie wieder auf eine Rennstrecke dürfen", forderte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff unmissverständlich. "Vorher war es hart aber fair. Sollte das (der Funkspruch, d. Red.) wirklich so gewesen sein, wäre es indiskutabel und unter jeder Würde. Das tut man nicht, jemanden rausschieben."

Auch für den Teamchef von Mercedes-AMG war der Fall klar: "Das war enttäuschend, dass zwei unserer Autos in recht guter Position aus dem Rennen genommen wurden", erklärte Ullrich Fritz, denn der vorherige Kampf sei seiner Meinung nach hart, aber fair über die Bühne gegangen. "Was danach passiert ist, ist aus meiner Sicht nicht fair. Es war klar Absicht. Wir haben alle den Funkkommentar gehört von jemandem, der das Timo gesagt hat. Das wollen wir in der DTM nicht sehen. Davon sind wir enttäuscht."

Natürlich wurde auch Scheider von Fritz deutlich kritisiert. "Das hat für mich nicht viel mit Fairness zu tun - im Gegenteil. Da gehören immer zwei dazu. Selbst wenn man so eine Anweisung bekommt, muss man das noch nicht durchführen. Das hat nichts mit fairem Sport zu tun."

Für Fritz war klar, dass die Stewards nun entscheiden müssen, wie es weitergeht. "Aus meiner Sicht ist es aber nicht genug, nur darüber nachzudenken, ob Timo bestraft wird, weil es natürlich kein Rennunfall war. Es war Absicht, auf Anweisung." Deshalb forderte Fritz auch eine härtere Bestrafung. "Das ist für mich ein grob unsportliches Verhalten und das passt für mich zu keinem Reglement."

Scheider selbst erklärte: "Robert und Pascal haben sich an mir vorbeigedrückt und in Kurve drei so früh gebremst, dass ich sie dabei berührt habe. Das war Racing unter Kampfbedingungen, aber das sollte nicht passieren. Wir können uns gerne die Daten anschauen, aber ich denke, dass ich keine Strafe zu befürchten habe."

Scheider später mit Einsicht

Audi-Pilot Timo Scheider
Audi-Pilot Timo Scheider, Foto: Audi

Später meinte der zweifache Ex-Champion Scheider allerdings kleinlaut: "Bei so einer Situation möchtest du den Meisterschaftsführenden nicht entsorgen. Es tut mir Leid, es war mit Sicherheit keine Absicht." Trotzdem versuchte Scheider, die Schuld nicht allein auf sich zu nehmen. "Er (Wehrlein, d. Red.) fühlte sich sicher, weil er von Robert (Wickens, d. Red.) abgeschirmt wurde und hat daher Speed rausgenommen. Das hat sich dann ein bisschen wie ein Dominoeffekt herauskristallisiert, was am Fernseher natürlich doof aussah."

Deutliche Wort fand dagegen der Gesamtführende in der DTM, Pascal Wehrlein: "Nachdem ich die Situation jetzt im Fernsehen gesehen und den Funkspruch gehört habe, finde ich es dreckig von Audi. Das war sehr unsportlich, aber es kriegt jeder seine Strafe, es kommt alles wieder zurück. Das hat auch Folgen für den Titelkampf, aber das ist mir jetzt eigentlich relativ egal. Heute ist der Tag, an dem Timo Scheider seine Vorbildfunktion für unseren Sport verloren hat."

Die Sportkommissare, die den Zwischenfall natürlich untersuchten, sahen sich die Daten des Audi von Scheider an, werteten Fernsehbilder aus und hörten sich die Aussagen der beteiligten Personen an. Auch der Funkspruch, der für die TV-Zuschauer bei der ARD deutlich zu hören war, lag den Sportkommissaren vor.

"Wir werden alles zusammentragen, auch die technischen Daten der Fahrzeuge, wie Bremsdruck, Bremspunkt, Lenkradeinschlag, Gasstellung sowie die Onboard-Kameras aus den beteiligten Fahrzeugen", sagte Michael Kramp, Pressesprecher des Deutschen Motor Sport Bundes (DMSB) im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com .

Am späten Abend revidierte Ullrich seine Aussage in einer offiziellen Pressemitteilung von Audi Motorsport, nachdem zwischenzeitlich sogar der Audi-Vorstand involviert war. "Dass ich in der ersten Emotion am Kommandostand gerufen habe: 'Timo, schieb ihn raus', tut mir leid. Ich funke während des Rennens nicht mit den Fahrern und wusste nicht, dass der Funk offen ist. Es war auf gar keinen Fall eine Anweisung an Timo. Ich kann mich bei Mercedes für diesen Spruch nur entschuldigen."

Entscheidung: Saftige Strafen für Audi

Wenig verwunderlich waren die Sportkommissare in ihrer Urteilsbegründung davon überzeugt, dass Scheider den Unfall vorsätzlich verursacht hat und disqualifizierten den Übertäter, der ebenso wie sein Chef Ullrich zusätzlich noch vom DMSB-Sportgericht bestraft wurde.

Abt Sportsline und Audi: DTM-Aus nach 25 Jahren (01:44 Min.)

"Wegen unsportlichen Verhaltens" beim Sonntagsrennen des Deutschen Tourenwagen Masters (DTM) am 2. August 2015 in Spielberg wird Audi-Motorsportchef Ullrich mit sofortiger Wirkung bis zum Saisonende "der Zutritt zur Boxengasse und der aktive Zugang zum Teamfunk verboten", teilte der DMSB nach einer Sitzung des Sportgerichts in Frankfurt mit. Audi musste zudem die DTM-Rekordstrafe von 200.000 Euro zahlen. Außerdem wurden dem Autobauer aus Ingolstadt die beim zehnten Saisonrennen in Spielberg erzielten 62 Punkte für die Markenwertung gestrichen.

Audi-Werksfahrer Timo Scheider durfte bei den beiden folgenden DTM-Rennen in Moskau nicht an den Start gehen.