"Timo, schieb ihn raus!" Es ist der unbestritten bekannteste Funkspruch in der über 40-jährigen Geschichte der DTM, der für einen der größten Skandale sorgte. Zehn Jahre später äußert sich Timo Scheider im Video-Interview mit Motorsport-Magazin.com noch einmal ausführlich zu den Vorgängen beim Rennen in Spielberg am 02. August 2015 und den beträchtlichen Folgen für ihn, Audi sowie den damaligen Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich.
Der zweifache DTM-Champion Scheider wurde für seinen Heckrempler gegen Robert Wickens, der gleichzeitig dessen Mercedes-Markenkollegen und späteren Meister Pascal Wehrlein ins Aus beförderte, vom Sonntagsrennen auf dem Red Bull Ring disqualifiziert. Nach einigen Scharmützeln können die Beteiligten heute über den Vorfall lachen.
Das komplette Interview mit Timo Scheider im Video:
Timo Scheider: Entscheidung schon vor Funkspruch gefallen
Nach einer über fünfstündigen Verhandlung vor dem DMSB-Sportgericht kassierte Audi eine Rekordstrafe in Höhe von 200.000 Euro und verlor alle Hersteller-Punkte aus dem Rennen. Zudem wurde Scheider für das folgende Rennwochenende in Moskau gesperrt - und durch den heutigen WEC-Weltmeister Antonio Giovinazzi ersetzt. Dr. Ullrich durfte für den Rest der Saison die Boxengasse nicht mehr betreten und nicht aktiv am Funkverkehr teilnehmen.
Heute sagt Scheider über den Billard-Crash am Red Bull Ring: "Die Wahrheit am Ende des Tages ist: Meine Entscheidung war schon gefallen, bevor der Funkspruch da war. Denn diese Aktion, dass mich Robert Wickens damals über Runden hinweg zwei bis vier Sekunden langsamer gemacht hat, damit Pascal Wehrlein von hinten aufholen und für seine Meisterschaft Punkte gutmachen kann - das hat mich so gewurmt."
Der 47-Jährige weiter: "Ich war so unter Puls, dass Wickens mich ausgebremst hat, Schlangenlinien gefahren ist und langsam gemacht hat. Dass am Ausgang von Turn 2, nachdem dieses Manöver mit Wehrlein und Wickens (Wickens ließ Wehrlein vorbei; d. Red.) dann für die beiden funktioniert hatte, ich so einen Hals hatte, dass ich gesagt habe: 'Leute, jetzt seid ihr fällig.'
Scheider: "Sah so aus, als ob ich auf Anweisung gehandelt hätte..."
Dass Dr. Ullrichs Funkspruch mit der berühmten Anweisung an Scheider damals live in der ARD-Übertragung ausgestrahlt wurde und sich der Motorsportchef zunächst in Widersprüchen verstrickte, löste einen handfesten Skandal aus, der in die Geschichtsbücher der DTM einging. "Wäre es (der Funkspruch; d. Red.) nicht live im TV gewesen, wäre es wahrscheinlich ein Rennunfall gewesen: bergab, feuchte Strecke, leichte Berührung", sagt Scheider heute. "Wenn man das nachmachen wollte, würde es wahrscheinlich nicht mehr so funktionieren."
Scheider: "Aber leider war das live im Fernsehen, und damit war das eine Anweisung. Und die Umsetzung sah so aus, als ob ich auf Anweisung gehandelt hätte. Aber die Wahrheit ist: Ich habe das selbst entschieden, ausgangs von Turn 2, dass ich diese Situation nicht akzeptieren werde. Und bei der Anfahrt zu Kurve 3 kam dann der Funkspruch noch dazu, und somit ist es gekommen, wie es gekommen ist. Ich hätte natürlich nach außen gesehen nicht nach Vorschrift handeln sollen. Vertraglich musste ich so handeln, aber in Wirklichkeit war meine Entscheidung vorher schon getroffen."
"Nie offen so kommuniziert worden, wie ich es jetzt sagen kann"
Der Funkspruch sei rückblickend "nicht in Ordnung und für den gesamten Motorsport nicht gut gewesen". Mit zehn Jahren Abstand hätte man laut Scheider "anders handeln können, vielleicht müssen. Aber es ist eigentlich nie offen so kommuniziert worden, wie ich es jetzt sagen kann. Nicht nur, dass es im Vertrag steht, dass ich Anweisungen Folge zu leisten habe - das heißt, ich hatte eigentlich gar keine andere Wahl."
"Wir konnten nachweisen, dass zwischen dem Funkspruch und dem Kontakt drei Zehntelsekunden lagen - was eigentlich viel zu wenig Zeit ist, um das alles in diesen drei Zehnteln zu tun", so Scheider. "Das wurde vor Gericht nachgewiesen und damit eigentlich meine Unschuld dargelegt. Das führte damals aber trotzdem dazu, dass es 200.000 Euro Strafe für Audi gab, dass Dr. Wolfgang Ullrich für den Rest der Saison nicht mehr an die Boxenmauer durfte und ich für ein Rennen gesperrt wurde. "
Mit der Sportstrafe war die Angelegenheit für Scheider noch längst nicht erledigt. Wie sehr ihn der folgende Shitstorm mitnahm, warum plötzlich die Polizei vor seiner Haustür stand und wer ihm sogar auf die Schulter klopfte, erfahrt ihr im großen Video-Interview mit dem 181-maligen DTM-Starter - ihr findet es direkt in diesem Artikel weiter oben, oder auch auf dem neuen YouTube-Kanal Motorsport-Magazin News.



diese DTM Interview