Nach Jerez hatte er sein Motorrad in alle Einzelteile zerlegt, doch beim Heimrennen in Le Mans durfte Fabio Quartararo endlich einmal wieder zufrieden sein. Der gewaltige Fortschritt der Plätze fünf im Sprint und sechs im Rennen sollte jedoch nicht mit einem technischen Durchbruch bei Yamaha verwechselt werden. Aber zumindest konnte erstmals ein Fahrer alles aus dem bestehenden Paket des V4-Bikes herausholen.
Rückschritt zum Fortschritt: Fabio Quartararo findet sein Gefühl für die Yamaha wieder
Dass dieser Pilot Quartararo war, überrascht angesichts Yamahas jüngster Historie kaum. Der französische Ausnahmefahrer ließ seine MotoGP-Kollegen gerne einmal deutlich hinter sich. Doch diesmal waren es Lichtjahre: Sieben Zehntel im Qualifying, elf Sekunden im Sprint und fast fünfundzwanzig (!) Sekunden im Grand Prix brannte er dem jeweils zweitbesten Piloten einer M1 auf. Im Falle von letzteren beiden Vorsprüngen kann das nicht allein der besseren Startposition zugeschrieben werden, auch wenn diese sicherlich mithalf.
Die Wende erfolgte im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht. Im Freitagstraining war Quartararo noch auf Rang 17 zu finden gewesen. Eine übliche Yamaha-Platzierung der Saison 2026. Ab Samstag wurde er aber auf einen Schlag zum Stammgast in den Top 10, marschierte über Q1 zu Startplatz sechs. Wie war das möglich? Im Detail wollte der MotoGP-Weltmeister von 2021 es nicht verraten. Genaue Beobachter konnten jedoch sehen, dass 'El Diablo' wieder auf alte Aero-Teile der Saison 2025 zurückgriff und diese an das V4-Motorrad schrauben ließ. Besonders der geschwungene Frontflügel fiel schnell ins Auge.


"Ich denke, es ging einfach darum, dass ich das Gefühl für das Bike an der Front zurückgefunden habe. Das heißt nicht, dass wir nun mehr Potential haben. Dann würde jeder unserer Fahrer diese Verkleidung nutzen. Ich habe einfach wieder das Gefühl bekommen und es ist ein Strecken-Layout, das mir liegt", erklärte der Franzose am Sonntag seine Leistung.
Kein MotoGP-Durchbruch bei Yamaha: Potential des V4-Motorrads immer noch gering
Es handelt sich also keineswegs um ein Update an der Yamaha. Vielmehr konnte sich nun erstmals ein Fahrer an das Limit eines weiterhin sehr problematischen Motorrads bewegen: "Es ist schon lange her, dass ich mich so positiv gefühlt habe, auch wenn wir wissen, dass das Potenzial unseres Motorrads immer noch gering ist. Heute konnte ich 100 Prozent geben." Daher mahnt Quartararo, dass es sich hier nicht um einen technischen Durchbruch handelt: "Letztlich hätten alle [Yamaha-Fahrer, Anm. d. Red.] davon profitiert, wenn das Motorrad leistungsstärker wäre. Es ist eher eine Frage des Vertrauens, wo sich das Bike für mich leicht verbessert hat."

Neben dem Rückgriff auf alte Aero konnte die zickige M1 auch anderweitig beruhigt werden, sodass Quartararo sein Vertrauen zurückfand: "Wir haben viel an der Elektronik gearbeitet. Für mich ist es schwieriger, die Kontrolle zu behalten, wenn weniger elektronische Unterstützung im Spiel ist, aber heute war das ein positiver Aspekt." Weniger ist bei geringen Erfahrungswerten mit dem V4-Motor also mehr. Yamaha hatte sich wohl eher im Elektronik-Dschungel verlaufen, als Fortschritte zu erzielen. Da überlässt man die Arbeit wohl lieber wieder dem Gefühl des Fahrers am Gasgriff.
Fahrfreude kehrt zurück bei 'El Diablo': Kann wieder hart pushen!
Obwohl die Yamaha weiterhin kein Spitzenmotorrad ist, so empfand Quartararo damit zumindest wieder Freude: "Es war wirklich schön. Noch mehr als die Platzierungen geht es mir darum, dass wir nur 7 Sekunden hinter dem Sieger ins Ziel kamen. In 27 Rennrunden ist das nicht schlecht. In Jerez haben wir noch mehr als eine Sekunde pro Runde verloren. Ich bin damit ziemlich glücklich." Das Defizit der Motorleistung anzusprechen, konnte er sich aber doch wieder einmal nicht ganz verkneifen: "Allerdings haben sie mich, wie ihr in der ersten Runde sehen konntet, in Kurve 1 überholt, als stünde ich still. Es bleibt also kompliziert."

Am Start war der Franzose nämlich gar bis auf Rang zwei nach vorn gekommen und bot seinen Fans eine große Show. Nur die absoluten Spitzenfahrer konnten recht schnell vorbeigehen, doch durchgereicht wurde die Nummer 20 nicht mehr. Trotz stumpfer Waffe auf den Geraden bleibt daher der Optimismus, dass nun häufiger ordentliche Punktergebnisse möglich sein könnten: "Wir werden es jetzt auf anderen Rennstrecken sehen, aber ich bin sicher, nun hart pushen zu können. In den ersten vier Runden konnte ich mich jetzt besser vorne halten und das macht einen großen Unterschied."
Le Mans macht Toprak Ragatlioglu Hoffnung: Nach Quartararo-Vorbild zur Steigerung?
Das nächste Ziel müsste sein, auch die anderen Yamaha-Fahrer in die Lage zu versetzen, das Motorrad endlich auszuschöpfen. Rookie Toprak Razgatlioglu zeigte sich von den Leistungen des Nummer-Eins-Fahrers ermutigt: "Wenn ich sehe, was für eine unglaubliche Leistung Fabio das ganze Wochenende über gezeigt hat, wird mir zweierlei ganz klar bewusst: Erstens, dass ich mich selbst noch viel verbessern muss, und zweitens, dass auch das Motorrad noch Verbesserungspotenzial hat. Denn mit der richtigen Abstimmung ist das Potenzial offensichtlich vorhanden."

'El Turco' will nun sehen, ob auch er mit den Quartararo-Kniffen besser zurechtkommen kann: "Ich werde die Daten weiterhin sorgfältig auswerten. Vielleicht können wir in Barcelona versuchen, mit einem Setup zu starten, das Fabios näherkommt, um besser zu verstehen, ob diese Richtung auch für mich funktionieren könnte." So oder so scheint aber nun klar: Die Diva V4-Yamaha kann gebändigt werden. Für die Ansprüche des Branchenriesen ist das dann natürlich noch nicht genug, aber zumindest scheint die komplette Blamage der ersten vier Rennen abwendbar.
Schon am kommenden Wochenende in Barcelona haben die anderen Yamaha-Piloten die Möglichkeit, es Quartararo gleichzutun. Wie ihr den Katalonien Grand Prix verflogen könnte, erfahrt ihr hier:



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