Als im Frühjahr 2024 bekannt wurde, dass die Formel-1-Machthaber von Liberty Media durch den Kauf von Promoter Dorna auch die Motorrad-Weltmeisterschaft übernehmen wollen, trennte sich die Zweirad-Anhängerschaft schnell in zwei Lager. Die eine Hälfte sah große Chancen, die andere befürchtete, ihren geliebten Sport bald nicht mehr wiederzuerkennen. Ob jene Fans rechtbehalten werden, die mit der Erschließung neuer Märkte und einem damit einhergehenden Wachstum der Motorrad-Weltmeisterschaft rechnen, werden die kommenden Jahre erst zeigen. Dass einige Befürchtungen der Liberty-Media-Skeptiker nicht ganz unberechtigt waren, ist aber bereits jetzt, wenige Monate nach dem endgültigen Abschluss des Deals im Juni 2025 sichtbar.
MotoGP im Mittelpunkt: Kleine Klassen verlieren an Bedeutung
Unter der neuen Schirmherrschaft intensiviert sich nämlich ein Prozess, der das bisherige Gefüge der Motorrad-Weltmeisterschaft mächtig durcheinanderwürfelt. Im Gegensatz zum Vierradsport, wo die Formel 1 stets mehr oder weniger für sich alleine stand, war die MotoGP oder ihre Vorgängerklasse bis 500ccm immer zusammen mit anderen Klassen eingebettet in ein größeres Ganzes. Natürlich, die Königsklasse sticht hervor, doch dass Moto2 und Moto3 bei allen Grands Prix mit von der Partie sind und auch in diesen Kategorien offizielle Weltmeistertitel vergeben werden, zeigt ihren Wert. Dieser soll nun aber drastisch nach unten geschraubt werden und die MotoGP als alleiniges Highlight in der öffentlichen Wahrnehmung fungieren.
Das ist bereits jetzt zu spüren. Im Rahmen des San-Marino-Grand-Prix wurde im altehrwürdigen Teatro Amintore Galli von Rimini die neue 'Hall Of Fame' präsentiert. Eine derartige Ehrung für herausragende Leistungen in der Motorrad-Weltmeisterschaft gab es unter dem Begriff 'MotoGP Legends' allerdings bereits. Der Unterschied: Für den Status als MotoGP-Legende waren keine bestimmten Erfolge nötig. Mit Mike Trimby, als Urgestein der Teamvereinigung IRTA eine prägende Persönlichkeit des Sports, war sogar ein Funktionär Teil dieses Kreises. Das ändert sich nun mit der Einführung der 'Hall Of Fame'. Für eine Aufnahme sind mindestens zwei Titel oder 25 Rennsiege in der Königsklasse erforderlich. Umberto Massetti, Geoff Duke, John Surtees, Mike Hailwood, Phil Read, Barry Sheene, Giacomo Agostini, Kenny Roberts, Freddie Spencer, Eddie Lawson, Wayne Rainey, Kevin Schwantz, Mick Doohan, Casey Stoner, Jorge Lorenzo, Dani Pedrosa und Valentino Rossi sind demnach die aktuellen Mitglieder. Francesco Bagnaia und Marc Marquez werden aufgrund ihrer bereits errungenen Erfolge mit ihrem Karriereende ebenfalls aufgenommen werden. Dass die genannten Herren ihren Status absolut verdienen, steht außer Frage. Dass eine solche Ehrung einem Fahrer wie Angel Nieto, der in den kleineren Klassen nicht weniger als 13 Weltmeistertitel holte, nicht zu Teil wird, sorgte hingegen durchaus für Empörung.
Doch das sind die Zeichen dieser Zeit. Dass Titel abseits der MotoGP auf Wunsch der neuen Machthaber keinen Wert mehr genießen, musste auch Marc Marquez erfahren. Seine WM-Feierlichkeiten unter dem Motto 'More Than A Number' war stimmig, allerdings ursprünglich anders geplant. 'Cloud Number Nine' wollte Marquez' Management in Anlehnung an seinen neunten Gesamtsieg zelebrieren. Die Serienverantwortlichen legten ihr Veto ein: Nur die MotoGP sei relevant, die Zahl Sieben müsse daher im Fokus stehen. Man einigte sich auf eine zahlenlose Würdigung von Marquez' Leistungen.
Moto2 und Moto3 drohen dicke Verluste: Bald mehr Payrider?
Legendenstatus oder WM-Feierlichkeit - das sind alles emotionale Themen und für den Sport als Großes und Ganzes nicht von allzu großer Bedeutung. Doch die Herabstufung der kleinen Klassen endet hier nicht. Beginnend in Barcelona und Misano wurde auch das Fahrerlager der Motorrad-Weltmeisterschaft kräftig umgestaltet. MotoGP-Teams erhalten mehr Platz in der Boxengasse, ihre Hospitalities werden direkt hinter den jeweiligen Garagen platziert. Die Rennställe der Moto2 und Moto3 rücken in die zweite Reihe, müssen zukünftig aus temporären Zelten operieren. Das ist allerdings nur der Anfang: 2026 soll eine Teilung des Paddocks folgen. Die Königsklasse erhält ihren eigenen Bereich, in den nur noch ausgewählte Personen Zutritt erhalten. Der restliche Zirkus wird in einen abgesonderten Bereich verbannt. Ein System, das es bereits vor mehr als einem Jahrzehnt gab und welches nach nur einer Saison wieder abgeschafft wurde - aus gutem Grund.
Die Teams von Moto2 und Moto3 operieren größtenteils nämlich am finanziellen Limit. Nur wenige Rennställe - etwa jene, die sich über kräftige Unterstützung von Herstellern oder Sponsoren freuen dürfen - können große monetäre Sprünge machen. Eine wichtige Einnahmequelle für die finanzschwachen Teams ist der Verkauf von Gästepässen. Diese werden zu vierstelligen Beträgen an den geneigten Fan gebracht, was über eine Saison hinweg mehrere Hunderttausend Euro an Einnahmen und somit einen beträchtlichen Teil des Budgets bringt. Doch kaum ein Gast ist bereit, solche Summen für ein Ticket aufzubringen, dass ihn in die 2. Klasse des Paddocks abschiebt und keine MotoGP-Luft schnuppern lässt.
Ein massiver Einnahmenabfall für die Teams ist die sichere Folge. Wie man diesen füllen wird, ist abzusehen. Bereits jetzt sind viele Rennställe auf Payrider, also Fahrer die für ihren Startplatz mit persönlichem Vermögen oder Sponsorengeld bezahlen, angewiesen. Rund eine halbe Million Euro zahlen einige von ihnen jährlich. Noch ist die Anzahl der Payrider überschaubar, das Niveau über alle WM-Klassen hinweg dementsprechend hoch. Ob dieses Level unter den neuen Rahmenbedingungen gehalten werden kann, darf aber bezweifelt werden. Viel eher muss eine Flut an überschaubar talentierten, aber finanziell bestens aufgestellten Fahrern befürchtet werden.
Ein Wettrüsten der dicksten Geldkoffer, wie es der Automobilrennsport mit dem großen Ziel Formel 1 bereits bestens kennt. Viele hochkarätige Rennfahrer werden zwangsläufig auf der Strecke bleiben - und dann irgendwann auch als Weltklassepiloten in der MotoGP fehlen. Wie das dem oft geforderten Wachstum des Sports helfen soll, bleibt das Geheimnis der Entscheidungsträger.
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