120 Punkte! Mit diesem Vorsprung auf Bruder Alex reiste Marc Marquez am Abend des 20. Juli 2025 aus Brünn ab. Gerade seinen fünften Grand-Prix-Sieg in Serie eingefahren, begann er die wohlverdiente Sommerpause mit der Einstellung des größten WM-Vorsprungs eines Fahrers in der MotoGP-Ära. Wie könnte es anders sein, hatte in 24 Jahren MotoGP-Geschichte zuvor nur Valentino Rossi schonmal 120 Punkte Vorsprung zur Sommerpause zustande gebracht, damals in seiner zweiten Yamaha-Saison 2005. 20 Jahre später stellte ausgerechnet dessen Nemesis diesen historischen Bestwert nun ein, obwohl die beiden Saisonen natürlich nur bedingt miteinander vergleichbar sind. Während die Sommerpause 2005 schon nach zehn und nicht erst nach zwölf Grands Prix begann, wurden 2025 auch noch Sprints ausgetragen, die es vor 20 Jahren natürlich noch nicht gab. Rossi brachte seinen Vorsprung von 120 Punkten auf Marco Melandri also in nur zehn Rennen zustande, während Marquez 24 Rennen (je zwölf Sprints und Grands Prix) benötigte.

Rein prozentual betrachtet, war Rossis Saison 2005 daher nochmal deutlich dominanter als die zurückliegende von Marquez. Rossi kommt auf einen Punktevorsprung von 50,8 Prozent, während die Startnummer 93 'nur' bei 31,5 Prozent hält. Weniger beeindruckend macht das die Leistungen des Spaniers in seinem Debütjahr als Ducati-Werkspilot aber keinesfalls. Im Gegenteil: Marquez ist 2025 zurück auf dem Level seiner Dominanz vergangener Tage, er brilliert wie zu besten Honda-Zeiten. Sieben Pole Positions, elf Sprintsiege und acht Grand-Prix-Erfolge in jeweils zwölf Anläufen sprechen für sich. "Ich hätte nächste Woche gerne noch ein Rennen, weil wir in einem guten Moment sind", lachte Marquez daher auch nach dem Tschechien-Grand-Prix. Auf die Sommerpause hatte er eigentlich gar keine Lust, akzeptierte dann aber zähneknirschend: "Es ist jetzt Zeit, um uns zu erholen und zu verstehen, was wir erreicht haben. Ich bin in einem der besten Abschnitte meiner Karriere, wie 2019 oder 2014." Auch damals legte der Mann aus Cervera Saisonen für die Geschichtsbücher hin, war zumindest 2014 mit einem Punktevorsprung von 34,2 Prozent auf Teamkollege Dani Pedrosa zur Sommerpause sogar nochmal etwas überlegener als 2025. Doch mit dem Rennfahrer von damals hat der heutige Marc Marquez nichts im Geringsten gemein. Der Spanier hat sich im Alter von 32 Jahren nochmal völlig neu erfunden und ist in seiner neuen Verfassung gefährlicher denn je. Um zu verstehen, wie er das geschafft hat, müssen wir aber erstmal einige Jahre in seiner Geschichte zurückblicken.

Marc Marquez vor neuem Ducati-Vertrag! Was wird aus Bagnaia? (07:41 Min.)

Jederzeit all-in: Der alte Marc Marquez hat ausgediehnt

Genauer gesagt führt unser Weg zurück in die Saison 2019, als sich Marc Marquez seinen achten und bislang letzten WM-Titel sicherte. Diese spulte der damalige Honda-Star in beeindruckender Manier ab. 420 Punkte, Podestplätze in 18 von 19 Rennen - jeweils ein neuer Rekord in der Königsklasse. Lediglich in Austin kam Marquez nicht auf einem der ersten beiden Plätze ins Ziel, stürzte seinerzeit schon weit in Führung liegend. Der einzige Makel einer ansonsten "nahezu perfekten Saison", wie selbst Valentino Rossi zugeben musste. "Er ist auf dem absoluten Top-Level angekommen", streute der 'Doktor' seinem Erzrivalen überraschend viel Rosen. Er erkannte: "Marc hatte schon immer den richtigen Speed, aber jetzt ist er auch noch konstanter geworden." Tatsächlich einer der wichtigsten Unterschiede zu vorangegangenen Saisonen der Nummer 93. Führte Marquez die Sturzstatistik in den Jahren zuvor noch stets komfortabel an, brachte er es 2019 zwar auch noch auf 14 Crashes und Platz vier im Ranking der Sturzpiloten, ging dabei aber eben nur einmal in den entscheidenden 45 Minuten der Rennwochenenden zu Boden. Volle Attacke lautete noch immer das Grundsatzmotto, nun aber primär im Training statt im Rennen. Bereits ab der ersten Runde am Freitagvormittag pushte er, um das Limit des Bikes schnellstmöglich zu finden. Nicht selten übertrieb Marquez es dabei und ging darüber. Mehrfach zeigte er mit seinen inzwischen weltweit bekannten und bei Fans höchst beliebten Supersaves sein ganzes Können und verhinderte Stürze, häufig landete er mit diesem Ansatz aber auch auf der Schnauze.

Der Thailand-Grand-Prix in Buriram verkam so zu einem Spiegelbild Marquez' Saison. Bereits im FP1 flog er brutal per Highsider ab, blieb benommen liegen und musste anschließend zu genaueren Untersuchungen ins Krankenhaus gebracht werden. Schon vier Stunden später saß er jedoch wieder auf seiner Honda und holte Platz sechs im 2. Freien Training. Am Sonntag dann die Bestzeit im Warm Up und der Sieg im Rennen, der ihn offiziell zum sechsten Mal zum MotoGP-Weltmeister machte. "Ich finde, das war meine beste MotoGP-Saison bisher. Es sah vielleicht einfach aus, aber glaubt mir, das war es nicht", strahlte er hinterher, als wäre 48 Stunden zuvor nichts gewesen. Der damalige Marc Marquez war eben unverwundbar, ihm konnten solch heftige Abflüge nichts anhaben. Dieser Volle-Attacke-Marquez, dieser Volles-Risiko-Marquez war unbesiegbar, unverwundbar, unvermeidbar. Dachte man zumindest.

Marc Marquez feiert seinen Sieg in Brünn 2019
Marc Marquez war 2019 so erfolgreich wie noch nie, Foto: IMAGO / PsnewZ

Jerez 2020 als Wendepunkt: Das Ende der ersten Marquez-Ära

Denn auch 2020 machte Marc Marquez erstmal mit diesem Ansatz weiter und schien damit ein noch größeres Level der Dominanz erreicht zu haben. Im Qualifying zum Spanien-GP noch knapp von Fabio Quartararo und Maverick Vinales geschlagen, brannte der WM-Topfavorit in Jerez ein echtes Feuerwerk ab. Nach einem Supersave in der fünften Runde nur noch auf Platz 18 liegend, kämpfte er sich in den folgenden 16 Runden wieder bis auf den dritten Rang nach vorne und machte trotz 15 Überholmanövern knapp drei Sekunden auf den nun wieder direkt vor ihm fahrenden Vinales gut. Wäre er zu Beginn des Rennens in Kurve vier nicht von der Strecke abgekommen, wäre er längst meilenweit in Führung gelegen. Eine deutliche Ansage an die Konkurrenz, dass der Weg über die Weltmeisterschaft auch 2020 wieder nur über ihn gehen würde. Voller Selbstvertrauen strotzend und mit dem Messer zwischen den Zähnen unterwegs, wollte Marquez schnellstmöglich an Vinales vorbei, um das Unmögliche möglich zu machen und vielleicht doch noch irgendwie den längst enteilten Quartararo einzuholen. Ein fataler Fehler. Denn am Ausgang von Kurve drei verlor Marquez in Runde 22 von 25 das Heck seiner Honda und flog auf spektakuläre Art und Weise durch die Luft. Hart im Kiesbett gelandet und dabei auch noch von seiner Maschine getroffen, brach sich der Spanier den rechten Oberarm.

Ein massiver Rückschlag im Kampf um die Weltmeisterschaft, war die Länge der Saison 2020 aufgrund der gerade wütenden Corona-Pandemie doch völlig ungewiss. Ganz gemäß seines All-In-Stils wollte Marquez daher schnellstmöglich zurück und wagte nur sechs Tage später das Comeback. Es wird schon nichts schiefgehen, denn diesen Marc Marquez kann ja nichts in die Knie zwingen. Tja, falsch gedacht. Das verfrühte Comeback wurde zum zweiten folgenschweren Fehler. Durch die Überbelastung im Training zum Andalusien-GP war die eingesetzte Platte beschädigt worden, eine zweite Operation wurde nötig. Der Beginn einer langen Leidenszeit. Die Saison war gelaufen, erst beim dritten Grand Prix des Jahres 2021 kehrte der nun entthronte MotoGP-Weltmeister zurück. Auch 2021 und 2022 kämpfte er aber noch mit den Folgen seines Oberarmbruchs, fuhr weit entfernt von 100-prozentiger körperlicher Fitness. Erst eine vierte Operation im Frühling 2022 ließ ihn wieder vollständig fit werden. 2023 rechneten dann alle mit einem Comeback des alten Marc Marquez, doch der alte Ansatz funktionierte auf der neuen, immer weniger konkurrenzfähigen Honda RC213V einfach nicht mehr. Das wurde Außenstehenden bereits beim Saisonstart in Portimao ersichtlich, Marquez selbst wollte das zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht einsehen. Immer wieder pushte er die Honda über ihr Limit, um Ergebnisse einzufahren, die mit diesem Motorrad einfach nicht mehr möglich waren. Immer wieder landete er auf dem Hosenboden, verletzte sich selbst und auch andere Fahrer.

Trauriger Höhepunkt: Das Rennwochenende am Sachsenring. Inzwischen fast zwei Jahre auf einen Sieg wartend, wollte es Marquez dort allen beweisen. Doch der Grand Prix auf der Paradestrecke wurde zum Fiasko. Bereits im Training am Freitag zeigte er seinem Motorrad nach einem heftigen Wackler in der Wasserfall-Kurve den Mittelfinger, stürzte insgesamt fünfmal. Nach seinem Highsider im Warm Up musste er einen Start im Grand Prix sogar absagen. Völlig durch den Wind auf einer Leitplanke hinter der Streckenbegrenzung von Kurve sieben lehnend, setzte das Umdenken ein. So konnte es nicht mehr weitergehen. Marquez zog den Stecker, einigte sich mit Honda auf eine vorzeitige Vertragsauflösung und wechselte ins Gresini-Team, um dort eine Vorjahres-Ducati fahren zu können. Der Beginn einer Neugeburt.

Der Sachsenring läutete das Ende der Marquez-Honda-Partnerschaft ein, Foto: Tobias Linke
Der Sachsenring läutete das Ende der Marquez-Honda-Partnerschaft ein, Foto: Tobias Linke

Marquez 2.0: Wie sich der MotoGP-Superstar neu erfand

"Nach meiner Verletzung musste ich meinen Fahrstil verändern. Ich kann es mir nicht mehr erlauben, über viele Runden hinweg aggressiv zu fahren", erkannte Marquez mit Blick auf seinen durch zahlreiche Verletzungen und Operationen geschundenen Körper. "Ich musste meinen Fahrstil an meinen neuen physischen Zustand adaptieren." Attackieren kann der achtmalige Weltmeister noch immer, aber eben nur noch für kurze Phasen, etwa im Qualifying oder in den Rennen über zwei bis drei Runden am Stück. Danach braucht es bewusst eingebaute Ruhephasen, um dem Körper Zeit zur Erholung zu geben. "Ich fühle mich jetzt wieder richtig wohl auf dem Motorrad", meinte Marquez nach seinem dominanten Auftritt in Brünn und erklärte das neue Grundsatzmotto: "Wenn ich mit dem Motorrad kämpfe, bin ich teilweise sogar langsamer. Desto geschmeidiger ich fahre, desto schneller bin ich jetzt vielmehr. Das gefällt mir, denn dieser Ansatz ist weniger anstrengend für mich. So muss ich weitermachen."

Diese neue Herangehensweise zu erlernen, war aber gar nicht so einfach. Zweifellos mit der Gewinnermentalität ausgestattet, tat sich Marquez 2024 in seiner Debütsaison auf einer Ducati oftmals noch schwer damit, die Grenzen seiner Möglichkeiten zu akzeptieren. Nicht selten pushte er zu viel und zu lange, um doch irgendwie mit den überlegenen GP24s von Francesco Bagnaia, Jorge Martin oder Enea Bastianini mitzuhalten. Den Preis dafür zahlte er mit Stürzen und unnötigen Punktverlusten. Nun aber auf dem aktuellen Material unterwegs, verlief der Saisonstart 2025 da schon deutlich besser. Marquez kontrollierte die Rennen mehr und mehr, doch das brachte auch neue Herausforderungen mit sich. Nicht mehr jede Runde bis ans absolute Limit pushend, bekam die Nummer 93 plötzlich Konzentrationsprobleme und patzte etwa in Austin und Jerez folgenschwer. Obwohl er nur den Grand Prix in Spanien gewonnen hatte, führte plötzlich Bruder Alex die Fahrer-WM an, Marc Marquez lag nur auf Platz zwei. Ihm wurde bewusst: "So kannst du nicht Weltmeister werden."

Der Ducati-Werksfahrer suchte daraufhin Rat bei einem alten Bekannten: Jaume Curco, seinem Trainer aus Kindheitstagen. Dieser zählt bis heute zu den führenden Persönlichkeiten des Motocross-Clubs Segre in der spanischen Provinz Lleida, nur rund 30 Auto-Minuten Fahrzeit von Marquez' Heimatort Cervera entfernt. Er war einer der ersten Förderer und Ratgeber des heutigen MotoGP-Superstars. Knapp 20 Jahre später suchte Marquez nun erneut Hilfe bei Curco. "Wenn du stürzt, gibt es immer einen Grund. Die Frage ist nur, ob du den kennen willst oder nicht. Ich strebe stets nach Perfektion und deshalb wollte ich ihn herausfinden. Wer wäre dafür besser geeignet als dein engstes Umfeld?", begründete der 32-Jährige. "Ich habe deshalb bei Jaume angerufen. Wir haben eine halbe Stunde geredet und dabei die Lösung gefunden." Wie diese genau aussah? Das behält Marquez bis heute lieber für sich: "Ich werde die genaue Antwort nicht verraten. Aber ich fühle mich nun einfach etwas wohler und kann riskante Situationen anders managen."

Marc Marquez krönte sich 2025 wieder zum MotoGP-Weltmeister, Foto: Ducati Media
Marc Marquez krönte sich 2025 wieder zum MotoGP-Weltmeister, Foto: Ducati Media

Was Curco seinem Schützling auch immer mit auf den Weg gab, es zeigte tatsächlich Wirkung, die Zahlen sprechen für sich. Nach dem Spanien-GP Ende April noch einen Punkt im Rückstand, wandelte Marquez seinen WM-Nachteil innerhalb von sieben Grands Prix in einen Vorsprung von 120 Zählern, gewann die letzten fünf Sprints und Hauptrennen vor der Sommerpause allesamt. Hin und wieder brach der alte Marc zwar noch durch, etwa im Sachsenring-Sprint, als sich Marquez hinterher für "zu viel Risiko" rügte, doch diese Momente werden immer seltener. Denn auch nach über 200 Grand-Prix-Starts in der Motorrad-WM lernt der 32-jährige Spanier noch dazu. "Es ist nicht leicht, bei einem großen Vorsprung die nötige Intensität beizubehalten. Daher habe ich heute in einigen Runden mehr gepusht und in anderen weniger. Einfach, um mental etwas mit mir zu spielen und bei der Sache zu bleiben", lobte sich Marquez nach dem Tschechien-GP selbst. Und Jugendtrainer Curco meint deshalb: "Ich glaube, dass wir den besten Marc noch gar nicht gesehen haben."

Eine Botschaft, die sich wie eine Drohung an Marquez' MotoGP-Rivalen liest. Diese haben ja schon jetzt kaum noch eine Chance gegen die Startnummer 93, erstarren 2025 vielmehr vor Ehrfurcht. "Marc ist überall stark, bei allen Bedingungen", gab etwa Marco Bezzecchi zu Protokoll und Francesco Bagnaia musste in Brünn gestehen: "Er macht den Unterschied. Unser Motorrad war hier nicht das Beste, aber er war der Beste." Bruder Alex meinte schon nach Aragon, dass Marc selbst mit dem Fahrrad schneller sei und Ex-Rivale Jorge Lorenzo kommentierte vielsagend: "Marc ist eine Naturgewalt." Der neue Marquez, er verbreitet Angst und Schrecken. Routinier Aleix Espargaro brachte es auf den Punkt: "Er ist ein Monster, er ist unschlagbar."

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