Wer erst in der zweiten Hälfte der 24h Nürburgring 2026 eingestiegen war, oder nach einem actionlastigen Start am Sonntagabend ins Bett ging, dem wäre es verziehen, ein dominantes Rennen der beiden Winward-Mercedes zu vermuten. Die Renn-Analyse von Motorsport-Magazin.com arbeitet heraus, woher diese Lücke eigentlich kam, und ob eigentlich jemand ganz anderes hätte gewinnen können.
Die 2:12 Minuten, die Mercedes #80 (Engel/Stolz/Schiller/Martin) am Ende ins Ziel brachte, sind dabei eigentlich schon kleiner als sie sein sollten. Zum einen hatte das Team am Samstagmittag deutlich rausgenommen, nachdem man schon bei ungefähr vier Minuten Vorsprung gehalten hatte. Zum anderen war das Schwesterauto #3 (Verstappen/Auer/Juncadella/Gounon) bis zu einem Defekt in Runde 133 sogar noch eine halbe Minute weiter vorn gelegen.
Doch schon ein Blick auf den Zweitplatzierten lässt stutzig werden. 2:12 Minuten Rückstand für den Abt-Lamborghini #84 (Bortolotti/Engstler/Niederhauser) sind eigentlich sehr wenig im Anbetracht der Tatsache, dass das Auto am Start einen Reifenschaden erlitten - was ungefähr zweieinhalb Minuten kostete - und dann auch noch gegen Ende 84 Strafsekunden kassiert hatte.
Lamborghini 2026 am Nürburgring schnellstes Auto?
Schnell waren nach dem Rennen die ersten dabei, den Sieg als verschenkt und den Lamborghini als schnellstes Auto darzustellen. So auch Maro Engel aus dem siegreichen Mercedes: "Die Lambos waren sicherlich die schnellsten, das sieht man in den gefahrenen Runden, die theoretischen Runden."
Wie schnell der Huracan GT3 an diesem Wochenende war zeigte schon das Qualifying, in dem beide Abt-Autos sich in die erste Startreihe stellten. Dass er im Renntrimm nicht minder schnell war, bestätigt die Auswertung der Rundenzeiten. Zum einen waren die Abt-Lambos #84 und #130 die einzigen Autos, die unter die magische 8:10er-Marke kamen.
Ihre theoretisch schnellsten Runden - also die besten einzelnen Sektoren aufaddiert - sind noch beeindruckender: #84 käme in den 8:05er-Bereich, #130 (Mapelli/Catsburg/Yelloly, die nach einer Frühstart-Strafe und einen Reifenschaden weit zurückfielen) sogar bis zu 8:04,022. Zur Erinnerung: Der Rundenrekord auf der 24h-Variante ist eine 8:08,006.
Rechnet man den Durchschnitt von 20 Prozent der schnellsten Rennrunden aus, so erhärtet sich der Eindruck. Diese Grenze ist generell bei Langstreckenrennen hilfreich, um die Pace des Autos zu bestimmen, aber äußere Umstände wie Gelbzonen oder Verkehr zu minimieren. Mit 8:14,0 ist der Schnitt der in diesem Fall 31 Runden beim Lamborghini #84 deutlich schneller als der beider Mercedes, die bei 8:17,2 respektive 8:17,7 landen.
| Schnellste | Theoretisch Schnellste | Schnellste 20% | |
|---|---|---|---|
| #84 Abt-Lamborghini | 08:08,758 | 08:05,163 | 08:14,058 |
| #130 Abt-Lamborghini | 08:09,503 | 08:04,022 | 08:16,782 |
| #67 HRT-Mustang | 08:11,247 | 08:07,495 | 08:17,001 |
| #3 Winward-Mercedes | 08:12,818 | 08:07,272 | 08:17,244 |
| #80 Winward-Mercedes | 08:13,213 | 08:06,752 | 08:17,685 |
| #81 M3 Touring | 08:13,580 | 08:08,237 | 08:17,804 |
| #34 Walkenhorst-Aston | 08:12,753 | 08:09,328 | 08:18,294 |
| #24 Lionspeed-Porsche | 08:12,555 | 08:09,497 | 08:18,450 |
| #99 ROWE-BMW | 08:15,405 | 08:10,985 | 08:18,588 |
| #77 Schubert-BMW | 08:14,452 | 08:10,282 | 08:18,882 |
| #26 PROsport-Mercedes | 08:14,685 | 08:12,356 | 08:21,276 |
| #48 Black-Falcon-Porsche | 08:15,388 | 08:11,303 | 08:21,435 |
| #54 Dinamic-Porsche | 08:18,388 | 08:13,202 | 08:22,653 |
| #7 Konrad-Lamborghini | 08:14,446 | 08:09,546 | 08:22,699 |
Wie schnell waren die Winward-Mercedes 2026 am Nürburgring wirklich?
Doch die nackten Zahlen zeigen nicht den größeren Kontext des Rennens. Die Strecke war gegen Ende der Nacht und am Sonntagmorgen am schnellsten. Zu dem Zeitpunkt war der Grip gut, es gab wenige Tempolimits durch Slow-Zones und Code-60. Bortolotti, Niederhauser und Engstler fuhren in diesen Stunden voll auf Anschlag, weil sie immer noch in der zweiten Hälfte der Top-10 lagen und die verlorene Zeit vom Samstag aufholen mussten.
Das Winward-Duo war hingegen mehrere Minuten weiter vorn im Cruisemodus. Max Verstappen und Maro Engel hatten sich gegen zwei Uhr morgens brutal beharkt, was im Tiergarten beinahe in einem katastrophalen Crash im Überrundungsverkehr gemündet hatte. Das reichte der Box dann. "Das Team war etwas nervös und hat uns gebeten, dass wir uns etwas beruhigen", bestätigt Engel nach dem Rennen.
Beide Autos begannen ab da ihre riesige Führung zu managen. Bis zum Vormittag reduzierte der Lamborghini den Rückstand je nach Zeitpunkt im Boxenstopp-Rhythmus um ungefähr drei Minuten auf bis zu 2:31. Dann stieg Verstappen in Runde 115 am Vormittag erneut ins Auto, erhöhte bei Tageslicht und freier Strecke die Schlagzahl, Luca Stolz in #80 zog mit, und schon stagnierte die Lamborghini-Aufholjagd und begann erst wieder, als der Verstappen-Mercedes ausfiel und #80 keinen Grund mehr hatte, Tempo zu machen.
Max Verstappen macht auch auf der Nordschleife den Unterschied
Im internen Duell war es im Rennen zweimal Verstappen, der unbedingt eine Entscheidung herbeirufen wollte, als er in der Nacht und am Vormittag jeweils für Doppelstints ins Auto stieg. Das waren die zwei Chancen, Verstappen direkt mit den Teamkollegen in #80 vergleichen, bei #ähnlichen Bedingungen. In der Nacht waren es erst Engel und Maxime Martin, am Vormittag Stolz und Engel.
Verstappen kam in der Nacht als zweiter raus auf die Strecke, überholte Engel im angesprochenen Duell, und zog dann weg. Mit 23 Sekunden gab er gute zwei Stunden später das Auto wieder ab. Am Vormittag war er noch besser unterwegs: Gegen Stolz und Engel fuhr er zwischen Runde 116 und Runde 130 ganze 29,4 Sekunden heraus.
Das und die Durchschnitts-Zeiten untermauern durchaus, dass #3 im Rennen das leicht schnellere Auto gewesen sein mag, und dass Verstappen dabei durchaus in diesen punktierten Momenten den Unterschied machte. Wenngleich er es sicher nicht im Alleingang tat. Von den 31 schnellsten Runden des Autos fuhr er 13, Lucas Auer fuhr 9, Jules Gounon 5 und Daniel Juncadella 4. Das Quartett hätte ziemlich sicher gewonnen, wenn das Auto gehalten hätte.
Winward-Mercedes: Sieg wird dank Glück & Können im Regen dominant
Aber das ist eben Teil von 24-Stunden-Rennen. Wie man auch das Wette im Griff haben muss. Eine alte Grundregel, finden doch alle europäischen Langstrecken-Klassiker traditionell auf Strecken mit wechselhaftem Wetter statt. Und der kleine Regenschauer am Samstagabend liefert nun die Antwort, wo dieser gigantische Winward-Vorsprung eigentlich hergekommen war.
Denn #80 und #3 hatten den Regen perfekt gemanagt. Als es in den Abendstunden zu Nieseln begonnen hatte, lag das GT3-Spitzenfeld schließlich noch eng zusammen. Nun passierten mehrere Dinge. Auf der schmierigen Strecke zog Maxime Martin in #80 erst einmal eine Show ab. Das war der Moment, an dem das Auto die Zeit reinholte, die es wegen des Starts von Platz 25 nach dem Unfall von Engel im Qualifying anfangs verloren hatte.
Martin verkürzte im Nieseln zwischen Runde 25 und 33 seinen Rückstand auf die Teamkollegen um nicht weniger als eine Minute. Der Vollständigkeit halber sei für diese Auswertungen nur angemerkt: Es muss nicht immer der Fahrer allein sein, manchmal ist es auch Glück. Zu dem Zeitpunkt war viel los auf der Strecke. Wenn hinter einem oder vor einem Code-60-Tempolimits ausgerufen werden, die ein Konkurrent entweder nicht hatte oder als erster hatte, macht das große Unterschiede.
Das lässt sich leider nie einfach nachvollziehen. In Summe ist es aber aufschlussreich, die komplette Regen-Sequenz aufzudröseln. So sieht man schnell, wie Winward an den riesigen Vorsprung kam. Am Ende von Runde 35 entschied man bei stärker werdendem Regen auf Reifenwechsel - perfektes Timing. Und im Nassen waren die Fahrer danach souverän.
Aston Martin, BMW, Ford: Im Nürburgring-Regen ruiniert
Die Konkurrenz patzte. Der zu dem Zeitpunkt um die Führung kämpfende Aston Martin #34 von Walkenhorst (Krognes/Drudi/Thiim) ließ sich zu einer desaströsen weiteren 25-Kilometer-Runde verleiten und verlor im Regen-Segment 1:56 Minuten. Walkenhorst verlor im weiteren Rennverlauf schließlich noch mehr Boden, weil man es in der Nacht aus irgendeinem Grund nie schaffte, 8-Runden-Stints zu fahren.
Nur 9 der Walkenhorst-Stopps kamen nach der achten Runde. Bei allen anderen Top-5-Autos waren es mindestens 15 Stopps. Dadurch kam #34 aus dem Stopp-Rhythmus und musste am Rennende einen 21. Stopp einlegen. Bei allen anderen waren es nur 20.
Die Regen-Tabelle gibt auch Aufschluss, wohin der HRT-Ford #67 verschwand, der anfangs um die Führung mitgekämpft hatte. Vervisch/Olsen/Mies (die Aufmerksame weiter oben in der Rundenzeiten-Tabelle erstaunt auf P3 entdeckt haben dürften) fuhren eine Runde zu lang und waren obendrauf sowohl im Nieseln und erst recht im Nassen so langsam, dass der Verdacht einer völlig falschen Reifenwahl offensichtlich ist. Und auch der BMW M3 Touring fiel im Regen aus der Spitzengruppe, nachdem er die Winward-Mercedes im Nieseln sogar überholt hatte.
Und plötzlich blieben die beiden Mercedes allein an der Spitze übrig. Ja, am Ende hat #80 gewonnen, aber die Konkurrenz hat sich in diesem Rennen selbst geschlossen am Samstag eliminiert. Übrigens half dem Abt-Lamborghini auch der Regen nicht. Dreieinhalb weitere Minuten gingen dort auf Mercedes verloren. Gewonnen haben schließlich also die, die im Rennen keine Fehler machten. Und die, die Fehler machten, haben verloren, selbst wenn sie gleich schnell gekonnt hätten. Ein klassisches 24-Stunden-Rennen.



diese 24h Nürburgring Analyse