Die beiden Winward-Mercedes fuhren beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring ab Samstagabend dem Rest der GT3-Elite auf und davon und einer davon letztendlich zu einem dominanten Sieg. Nur drängt sich am Sonntagabend nach einer sensationellen Aufholjagd unweigerlich die Feststellung auf: Die Lamborghini Huracan GT3 von Abt hätten wohl eine echte Herausforderung dargestellt. So gilt es das Start-Fiasko hier gründlich zu hinterfragen.

Im Qualifying schon hatten die beiden Huracan groß aufgetrumpft. #84 (Bortolotti/Engstler/Niederhauser) hatte Pole geholt, #130 (Mapelli/Catsburg/Yelloly) die erste Reihe komplettiert. Und dennoch hatten sie es geschafft, sich das Rennen bis zum Samstagabend schon komplett zu ruinieren, dank eines Starts, der für beide Autos kaum schlimmer hätte sein können. #84 erlitt einen Reifenschaden, #130 kassierte eine Strafe für einen Frühstart.

Besonders tief sitzt der Stachel wohl bei #84. Mirko Bortolotti war schon in der zweiten Kurve von Daniel Juncadella im Verstappen-Mercedes #3 berührt worden. Der Mercedes-Splitter schlitzte am Lamborghini den linken Hinterreifen auf, der am Ende der GP-Strecke den Geist aufgab. Bortolotti musste zurück in die Box. Die Folge: Er startete das Rennen effektiv nach dem Reifenwechsel neu. Nur statt von Pole jetzt mit guten drei Minuten Rückstand.

In den folgenden 24 Stunden stürmten Bortolotti und seine Teamkollegen Luca Engstler und Patric Niederhauser zurück durch das Feld. Das Comeback endete auf dem zweiten Platz, nur 2:12,311 Minuten hinter dem Rennsieger, und mit der schnellsten Rennrunde von 8:08,758 obendrauf. "Hätte, wäre, wenn zählt im Motorsport nicht, es ist schwer zu sagen", wiegelt Bortolotti danach die unvermeidlichen Fragen erst einmal ab.

Nicht Verstappen-Mercedes - sondern anderer Lamborghini in der Kritik

Trotzdem klingt beim Blick zurück auf den Start Frust durch. Und etwas überraschend nicht auf den Unfallgegner Daniel Juncadella. "Ganz ehrlich, ich mache ihm keinen Vorwurf", so Bortolotti zu Motorsport-Magazin.com. "Ich glaube, er hat nach dem Ganzen ein Interview gegeben und gesagt, wir haben beide nichts falsch gemacht. Das würde ich so unterschreiben."

"Ich glaube, das Problem war nicht das, sondern das, was davor passiert ist", meint Bortolotti stattdessen etwas überraschend. Und nimmt seinen Teamkollegen Marco Mapelli in die Pflicht. Mapelli war als Zweitplatzierter neben ihm aus der ersten Reihe losgefahren. Und hatte dabei zu früh das Tempo angezogen. Ein Fehler, für den Mapelli auch später eine Zeitstrafe kassierte.

Doch für Bortolotti hatte das andere Folgen: "Die Regel sagt, dass der Pole-Sitter innerhalb des Startkorridors entscheidet, genau wie in der DTM, wann man startet, und dann wird der Start freigegeben. Und als Zweitplatzierter, egal ob hier oder in der DTM, musste er auf die Reaktion des Pole-Sitters warten. Das war halt nicht der Fall. Deswegen hat er einen Frühstart gemacht und war dann vorne."

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Beim fliegenden Start müssen die Autos in ihrem Korridor bleiben, der Pole-Mann definiert den Zeitpunkt, Foto: Gruppe C Photography

Obwohl Zweiter, zog Mapelli auf dem Weg zur Startampel als Erster das Tempo an. Das sorgte im ganzen Feld für Unruhe. "Und ich musste halt dann in Turn 1 viel früher bremsen", meint Bortolotti. "Und das hat dann Dani eine Chance gegeben, sich danebenzubremsen. Und dann ist diese Situation in Turn 2 entstanden."

"Ich bin sicher, wenn der Frühstart nicht gewesen wäre, dann wären wir anders durch eins und zwei durchgekommen", urteilt Bortolotti. Sprich ohne Kontakt, ohne Reifenschaden, und potenziell in Führung liegend: "Das Auto war gut, ich glaube wir waren sehr stark unterwegs."

Mirko Bortolotti hätte sich gerne an Mercedes gemessen

Aber hätte, wäre, wenn. "Ich glaube gleichzeitig auch, dass die Mercedes-Jungs das super gemacht haben. Die waren dann irgendwann auch einmal in einer komfortablen Position, wo sie nicht mehr jede Runde komplett ans Limit gehen mussten, und wir schon." Besonders nach dem Ausfall des #3-Mercedes verwalteten die letztendlichen Rennsieger in der #80 mangels verbleibender Konkurrenz bei Nieselregen in den letzten zwei Stunden sichtlich nur mehr mit großer Vorsicht eine riesige Lücke, die an einem Punkt schon an der 5-Minuten-Marke gekratzt hatte.

"Ich glaube, es wäre cool gewesen, einen echten, direkten Vergleich zu haben", meint Bortolotti trotzdem. "Dann glaube ich auf jeden Fall, dass wir vor allem mit Mercedes auf Augenhöhe gekämpft hätten. Von dem wäre ich ausgegangen."

So musste Bortolotti in der letzten Stunde bei Nieselregen auf Slicks aber noch einmal alle Register ziehen. Eigentlich hatte man sich schon auf P2 eingerichtet, dann fuhr Luca Engstler aber mit 116 km/h durch einen Code-60 und kassierte 86 Strafsekunden. Die musste Bortolotti auf der Strecke auf seine Verfolger herausfahren. Mit Hilfe eines glücklichen Code-60 auf der Döttinger Höhe in der letzten Runde, der erst hinter ihm ausgerufen wurde, klappte das gerade noch.

"Mirko hat mir am Ende den Arsch gerettet, sonst wäre das eine schlimme Nacht geworden!", meint Engstler nach dem Rennen dazu. Bei aller Freude über den vierten Podestplatz für Abt seit 2003 bleibt trotzdem der schale Beigeschmack. "Wer hier aufs Podium fährt, hat einen guten Job gemacht, aber natürlich war für uns tatsächlich mehr drin", meint Hans-Jürgen Abt am Ende zu Motorsport-Magazin.com.