Ein fünfter Gesamtrang mit drei Saisonsiegen. Eine solche Bilanz in der Moto2 hört sich doch ordentlich an? Das tut sie auch, falls normale Maßstäbe angelegt werden. Wenn du allerdings Fermin Aldeguer heißt, die letzten vier Rennen des Vorjahres allesamt gewonnen und bereits einen MotoGP-Vertrag mit Ducati in der Tasche hast, dann ist alles andere als der Titel in der mittleren Klasse eine Enttäuschung. Dazu stießen einige peinliche Ausrutscher. Ein Sturz beim Durchfahren der Longlap in Barcelona sorgte für Kopfschütteln und weckte Zweifel: Das soll der nächste Star der Königsklasse sein? Gigi Dall'Igna hatte trotz aller Unkenrufe volles Vertrauen in die frühzeitige Verpflichtung seines nächsten Juwels. Und nach allem, was wir in Aldeguers Debütsaison in der MotoGP gesehen haben, können wir nun sagen: Das Genie des Paddocks lag wieder einmal richtig.
Vorsichtiger Gresini-Ansatz bei Fermin Aldeguer, Hilfe von Alex Marquez
"Ich bin so stolz. Fermin hat so viel Talent. An diesem Wochenende hat sich der Kreis geschlossen. Wir haben vom Training an alles perfekt hinbekommen", jubelte Gresinis Team-Manager Michele Masini nach dem Fallen der Zielflagge in Indonesien. Sein Schützling hatte gerade als erster Rookie seit 2021 einen Grand Prix in der Königsklasse gewonnen. Und das auch nicht irgendwie. Fermin Aldeguer fuhr die Konkurrenz buchstäblich in Grund und Boden. Die MotoGP-Elite musste mitansehen, wie der Youngster am Horizont verschwand. Das machte die Sache ironischerweise nicht einfacher. "Als ich sah, dass es noch sieben Runden zu fahren waren und ich neun Sekunden Vorsprung hatte, da begann ich über eine Menge Dinge nachzudenken. Da ist es schwierig, keinen Fehler zu begehen. Das war eigentlich ein Rennen für die großen Fahrer in der MotoGP und nicht für einen Rookie", reflektierte der Ducati-Lehrling über sein Meisterstück. Er wusste genau, wer ihm diesen sensationellen Erfolg ermöglicht hatte: "Ich muss mich bei Ducati für die Unterstützung bedanken. Außerdem geht das an das gesamte Gresini-Team. Sie alle haben mir in meiner Rookie-Saison geholfen. Das ist nicht so einfach."

Damit sich der Kreis schließen konnte, wurde für das Talent ein klarer Fahrplan zurechtgelegt. Dass Ducati ihn trotz Werksvertrag bei Gresini parkte, war die richtige Entscheidung. Das kleine Privatteam hat zuletzt vielen Karrieren zu Schwung verholfen, oder sie im Fall von Fabio Di Giannantonio sogar gerettet. Dabei beweist die Truppe von Nadia Padovani stets ein gutes Händchen für ihre Piloten. Im Fall von Aldeguer war klar: Leistungsdruck bekommt ihm offensichtlich nicht gut. Das hatte das nervöse Moto2-Jahr 2024, in dem alle den Titel vom neuen Wunderkind erwarteten, bewiesen. Stattdessen operierte die Mannschaft mit größter Geduld. "Wir haben da von Anfang an daraufhin gearbeitet. Wir haben nicht ständig frische Reifen aufgezogen, um Rundenzeit zu finden. Wir haben stattdessen viel mit gebrauchten Reifen gearbeitet", gab Crewchief Frankie Carchedi bereits nach dem Husarenritt zu Rang zwei in Österreich an. In der modernen MotoGP bestimmt das Qualifying oft das gesamte Wochenende. Eine gute Startposition ist der beste Punktegarant der Königklasse. Doch genau darauf wurde erstmal wenig Wert gelegt. Aldeguer stand nicht unter Erfolgsdruck, er durfte in Ruhe dazulernen. Der Blick auf die Zeitentabelle war nebensächlich.
Geholfen hat für diesen Ansatz sicherlich auch die Leistung der anderen Garagenseite. Nach dem Abgang von Marc Marquez hat dessen Bruder Alex überraschend den nahtlosen Übergang als Speerspitze für Gresini hergestellt. Der 29-Jährige fuhr die mit Abstand beste Saison seiner Karriere und half Fermin Aldeguer damit nicht nur als Referenz. Durch seine stetigen Erfolge sorgte er auch dafür, dass die Stimmung im Team hervorragend war. Die erfolgreiche Saison Gresinis war durch seine Podestplätze und Siege garantiert, was den Leistungsdruck auf den Rookie weiter minderte. Im Schatten von Alex Marquez zu stehen war in diesem Fall keinesfalls schlecht, es stellte einen Rückzugsraum für das Lehrjahr in der Königsklasse dar.
Besser als Marc Marquez! Fermin Aldeguers große MotoGP-Stärke
Aus diesem Schatten hat sich Aldeguer aber spätestens in Indonesien als zweitjüngster Sieger der MotoGP mit 20 Jahren und 183 Tagen herausgefahren. Einzig Marc Marquez war noch einmal 120 Tage jünger, als er erstmals ganz oben auf das Podest steigen durfte. Als Aldeguer dort in Indonesien stand, durfte ihn dessen Bruder Alex als Dritter zur Siegesfeier begleiten. Längst realisierte er, welches Kaliber an Talent da in Zukunft teamintern auf ihn zukommt: "Er hat den Unterschied gemacht. Das Motorrad war sehr ähnlich zu meinem, aber er hat einen besseren Job gemacht. Er fährt komplett befreit auf. Ich sah auf den Daten, wo er schneller war als ich, aber er stürzte dabei nicht. Als ich im Training und im Qualifying versucht habe, seine Linie zu fahren, bin ich zweimal gestürzt."
Besonders das fantastische Gespür für die Reifen zeichnet Ducatis neues Juwel aus. Dass er in Österreich mit Rang zwei und dem dominanten Sieg in Mandalika derart auftrumpfte, war kein Zufall: "In der Moto2 und auch in Österreich war ich sehr schnell, wenn die Reifen härter waren. Ich kann das mit dem Gas gut kontrollieren." Zu diesen Rennen hatte Reifenlieferant Michelin aufgrund der hohen Belastungen extra härtere Mischungen gebracht. Während die MotoGP-Elite mit all ihrer Erfahrung damit so ihre Probleme hatte, zeigte ihnen Reifenflüsterer Aldeguer, wo der Hammer hängt. Das Gresini-Team hatte diese Fähigkeit früh erkannt und gezielt gefördert. "Ich bin sehr stolz. Seit Saisonbeginn hat er nichts falsch gemacht, er lernt nur mehr und mehr dazu. Wir haben ihm geholfen, aber er hatte auch schon viel natürliches Talent, die Reifen zu managen", blieb sein Crewchief Carchedi zu diesem Verdienst aber bescheiden.
Diese Bescheidenheit ist seinem Schützling im Gegensatz zum Talent wohl eher nicht in die Wiege gelegt. Fermin Aldeguer ist kein notorischer Prahler, aber ein gesundes Selbstbewusstsein legt er definitiv an den Tag. "Da bin ich der beste Ducati-Fahrer", tönte er schon nach dem Podium in Spielberg in Bezug auf das Reifenmanagement. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass im Kader der Dominatoren aus Borgo Panigale der vielleicht beste Motorradfahrer der Geschichte steht. Aber auch das lässt den Rookie nicht in Ehrfurcht erstarren: "Wenn es einen Fahrer gibt, der in den letzten Runden mit Marc (Marquez) kämpfen kann, dann bin das ich."
In Österreich hielt der Meister den Schüler in Schach. Beim Debütsieg in Indonesien gab es dieses Duell aber leider nicht. Marco Bezzecchi schoss die Nummer 93 in der ersten Runde ab. Das darf die Leistung des Gresini-Piloten aber nicht schmälern. Das letzte Puzzlestück hat sich dort ins Bild gefügt. "Ich wusste, dass wir auf manchen Strecken dieses Potential haben, aber es war auch klar, dass wir den Freitag und das Qualifying verbessern müssten. Dann ist es einfacher, solche Resultate zu erreichen", sprach Aldeguer den springenden Punkt an. Die geduldige Herangehensweise in der Gresini-Fahrschule hat dafür gesorgt, dass es beim Speed auf eine Runde noch häufig haperte. Auf der Insel Lombok stellte der Spanier seine Desmosedici GP24 erstmals als Zweiter in die erste Reihe. Das war der Schlüssel - der entscheidende Schritt vom guten zum herausragenden Ergebnis.
Fermin Aldeguer: Ducatis MotoGP-Weltmeister der Zukunft?
Genau hier wird die Arbeit der Zukunft liegen. Im Rennen gehört Fermin Aldeguer stets zu den schnellsten Piloten. Wenn du aber von 13, 10 oder 15 wegfährst, dann wird das mit dem Podium oder gar dem Sieg etwas schwierig. Das waren die Startplätze der drei Grands Prix vor der Indonesien-Gala. Längst herrscht bei Ducati die Hoffnung, hier den nächsten Star gefunden zu haben. Der Mann, der einmal Marc Marquez und Francesco Bagnaia beerben kann. Doch wer um Meisterschaften kämpfen will, der braucht vor allem eines: Konstanz. Aldeguer muss in den kommenden Jahren dauerhaft gute Startplätze belegen. Was passiert, wenn diese ausbleiben, zeigte sich bei Enea Bastianini. Auch der Italiener verblüffte immer wieder mit unglaublichem Reifenmanagement und bekam so die Chance auf einen Platz im Ducati-Werksteam. In seinen beiden Jahren in Rot verbaute er sich Erfolge aber immer wieder durch mäßige Qualifyings. Drei Siege in zwei Jahren entsprachen nicht seinem Potential. Mittlerweile musste 'La Bestia' zu KTM weiterziehen.
Ein Wechsel zu einem anderen Hersteller ist bei Fermin Aldeguer erst einmal ausgeschlossen. Ducati hat die Hand auf dem Rohdiamanten, den es nun zum Spitzenfahrer zu schleifen gilt. Sein bis 2026 gültiger Vertrag hat die Option, um zwei weitere Jahre verlängert zu werden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die italienische Edelschmiede diesen Passus auch aktivieren. Die Frage lautet vielmehr, wo im Ducati-Kosmos er nach seinem zweiten Gresini-Jahr Platz nehmen wird. Die Entscheidung über einen möglichen Aufstieg ins Werksteam, eventuell sogar schon ab 2027, wird er stark selbst mit seinen Leistungen beeinflussen. Das letzte Wort hat aber wohl der Mann, der von Anfang an so fest an ihn glaubte. Gigi Dall'Igna schrieb nach dem Sieg in Indonesien in seiner Rennkolumne: "Ein strahlendes Licht namens Fermin ließ die Rennstrecke von Mandalika glänzen. Es ist sein erster Sieg, erzielt in seinem MotoGP-Rookie-Jahr, wie es nur echte Champions vermögen."
Die Art und Weise des Triumphs bestätigte den 59-Jährigen vollends in seinem Vertrauen: "Er hat nicht nur gewonnen, sondern dominiert und sah bei seinem ersten Sieg überhaupt nicht wie ein Rookie aus. Eine perfekte Strategie, eine saubere und dennoch aggressive Fahrweise: Er kontrollierte, pushte, baute die Lücke auf und schaffte es, einen Vorsprung herauszufahren, wie es nur ein erfahrener Champion kann." Zweifelt bei diesen Worten noch irgendjemand daran, dass er in Aldeguer den Ducati-Weltmeister der Zukunft sieht? Nein, aber genau darin könnte das Problem bestehen.
Die jüngsten Sieger der MotoGP-Geschichte:
| Platz | Fahrer | Alter |
|---|---|---|
| 1. | Marc Marquez | 20 Jahre, 63 Tage |
| 2. | Fermin Aldeguer | 20 Jahre, 183 Tage |
| 3. | Freddie Spencer | 20 Jahre, 196 Tage |
| 4. | Norifumi Abe | 20 Jahre, 227 Tage |
| Dani Pedrosa | 20 Jahre, 227 Tage | |
| 6. | Randy Mamola | 20 Jahre, 239 Tage |
| 7. | Jorge Lorenzo | 20 Jahre, 345 Tage |
| 8. | Mike Hailwood | 21 Jahre, 75 Tage |
| 8. | Mike Hailwood | 21 Jahre, 75 Tage |
| 9. | Fabio Quartararo | 21 Jahre, 90 Tage |
| 10. | Valentino Rossi | 21 Jahre, 144 Tage |
Liefern unter Druck: Aldeguers große MotoGP-Prüfung der Zukunft
Bisher hat der junge Mann aus Murcia stets geglänzt, wenn keine Erwartungshaltung auf seinen Schultern lag. Seine Siegesserie zum Ende der Moto2-Saison 2023 legte er hin, als längst klar war, dass Pedro Acosta der Weltmeister sein würde. Dennoch brachte sie ihm den frühen MotoGP-Vertrag ein, der dann zum Hemmschuh im Folgejahr wurde. Für sein Debüt in der Königsklasse fand er sich wieder im 2023er-Modus wieder: Alles kann, aber nichts muss. Genau das wird es von nun an nicht mehr geben. Wenn er wirklich der Weltmeister der Zukunft sein soll und Gigi Dall'Igna ihn gerne bald in Rot sehen möchte, so muss er das mit Spitzenleistungen rechtfertigen. Nicht hier und da ein Highlight, welches sein außergewöhnliches Können aufscheinen lässt, sondern konstante Ergebnisse im vorderen Feld. Zwischen den Höhepunkten in Spielberg und Mandalika war auch eine Nullnummer nach Sturz im Ungarn-Grand-Prix und ein 15. Rang in Barcelona zu finden. Das fiel im Jahr 2025 kaum ins Gewicht, doch in Zukunft wird es das. Die Kritiker werden wie im 'vergeigten' Moto2-Jahr 2024 wieder Gewehr bei Fuß stehen.
Die Talentprobe ist endgültig abgegeben, aber die wahre Reifeprüfung wird erst folgen. Neben der aufkommenden Erwartungshaltung steht auch noch der Wechsel auf die als tückisch geltende GP25 an. Francesco Bagnaia kann ein Lied von den Launen dieses Motorrads singen. Wie Aldeguer mit der technischen Herausforderung und dem wachsenden Druck diesmal fertig wird, ist ungewiss. Auf eines kann sich die Nummer 54 aber verlassen: Mit Gresini hat er eine hervorragende Mannschaft im Rücken. Frankie Carchedi und seine Jungs werden sich erneut eine durchdachte Vorgehensweise zurechtlegen, mit der sie ihrem Schützling beim nächsten Entwicklungsschritt der Karriere unter die Arme greifen können. Die letzten Saisons haben uns gelehrt, dass ein Jahr im Blau des Privatteams noch keinem Fahrer geschadet hat. Fermin Aldeguer muss den Weg zum kommenden Ducati-Star also nicht allein gehen, aber leicht wird es deswegen trotzdem nicht werden.
Auf den Geschmack gekommen? Dieser Artikel erschein erstmals in Ausgabe 104 unseres Print-Magazins. Hier könnt ihr die neuesten Ausgaben erwerben. Oder kennt ihr jemanden, der ebenfalls vom Motorsport fasziniert ist? Dann könnt ihr auch mit unseren Geschenk-Gutscheinen anderen eine Freude machen.



diese MotoGP Nachricht