Fast vier Wochen ist es her, dass in Valencia zum letzten Mal im MotoGP-Jahr 2025 eine karierte Flagge geschwenkt wurde. Mit der Zielankunft von Somkiat Chantra, dem letzten an diesem Sonntag gewerteten Fahrer, endete aber nicht nur die Saison 2025, sondern auch eine ganz besondere Ära. Mit Herve Poncharal verabschiedete sich zeitgleich auch eine der ikonischsten Figuren im gesamten MotoGP-Paddock in den wohlverdienten Ruhestand. Nach dem erfolgreichen Verkauf seines Tech3-Teams im September übernehmen im neuen Jahr Formel-1-Kultfigur Günther Steiner und der neue Teamchef Richard Coleman die Zügel.
2026 muss die Motorrad-Weltmeisterschaft also erstmals seit 45 Jahren wieder ohne den charismatischen Franzosen auskommen. 1990 hatte er das Tech3-Team gemeinsam mit Guy Coulon and Bernard Martignac gegründet, 2001 folgte der Einstieg in die Königsklasse. Zwei Siege, 37 Podestplatzierungen und elf Pole Positions durfte Poncharal seither in der MotoGP bejubeln, sorgte mit 30 verschiedenen Stammfahrern für zahlreiche unvergessliche Momente.

Nicht Oliveira und Spielberg: Herve Poncharals schönster MotoGP-Moment
Der schönste Moment? Spielberg 2020, könnten jetzt viele vielleicht meinen. Der spektakuläre Last-Minute-Sieg von Miguel Oliveira, der zugleich Poncharals erster MotoGP-Sieg überhaupt war und der erste Grand-Prix-Erfolg für eines seiner Teams seit Yuki Takahashi und dem Moto2-Rennen 2010 in Barcelona. Riesengroß der Jubel, war dieser Erfolg doch so lange ersehnt und kam er in diesem Moment doch so unerwartet, bog Oliveira abseits der TV-Kameras schließlich nur als Dritter in die letzte Kurve ein. Doch das ist er tatsächlich nicht. Poncharals schönster Moment als Teamchef? Das war ein anderer.
"Wenn du Racing betreibst, willst du konkurrenzfähig sein und eine Weltmeisterschaft gewinnst du nicht jeden Tag", erinnerte sich Poncharal auf einer Pressekonferenz in Barcelona an die Saison 2000. Damals noch in der 250ccm-Klasse am Start, waren seine beiden Piloten Olivier Jacque (254) und Shinya Nakano (252) beinahe punktgleich ins Saisonfinale auf Phillip Island gestartet. Daijiro Kato (243) und Tohru Ukawa (229) hatten nur noch Außenseiterchancen, der Titel würde also mit großer Wahrscheinlichkeit an einen Tech3-Piloten gehen. Eine großartige Sache, doch als Franzose hatte Poncharal schon einen klaren Favoriten: Jacque sollte es werden - und er wurde es auch, allerdings in einem waschechten Krimi. Fast zeitgleich donnerten die beiden Tech3-Piloten rundenlangen und beinhartem Zweikampf um den Sieg ins Ziel, Millimeter entschieden den Weltmeister: "Als wir das geschafft haben … ihr wisst, ein französischer Fahrer in einem französischen Team, beim Saisonfinale und dann um 14 Tausendstelsekunden. Das war mit Sicherheit der beste Moment."

"Erinnere mich noch gut" - Diesen Horror-Moment wird Poncharal nie vergessen
Bis tief in die Nacht wurde gefeiert und zeitgleich auch der Grundstein für die weitere Geschichte des Tech3-Team gelegt. "Das hat uns die Möglichkeit gegeben, danach in der Königsklasse, die damals noch die 500ccm-Klasse war, weiterzumachen", unterstrich Poncharal die Bedeutsamkeit jenes Titelgewinns im Jahr 2000. Dass der Motorsport aber nicht nur schöne, sondern auch ganz hässliche Seiten haben kann, musste der 68-Jährige während seiner langen Amtszeit in der Motorrad-WM aber auch immer wieder am eigenen Leib erfahren. Was sein schlimmster Moment als Teamchef war? "Daran kann ich mich noch gut erinnern und darüber möchte ich eigentlich nicht allzu lange sprechen. Deshalb versuche ich, mich kurz zu halten", begann Poncharal.
Dann fuhr der langjährige IRTA-Präsident sichtlich bewegt fort: "Das war in Suzuka, wo wir diesen schrecklichen Unfall hatten und unseren lieben Freund Daijiro Kato verloren haben. Carmelo [Ezpeleta, Anm.] stand damals neben mir, als wir die Nachricht erhalten haben. Das sind Momente, die du dir nicht erklären kannst. Genauso wie einige Jahre später, als das mit Marco Simoncelli passiert ist. Da stand Carmelo auch neben mir. Da fragst du dich: 'Was mache ich hier eigentlich?'"
2001 mit elf Siegen in 16 Rennen noch überlegen Weltmeister in der 250ccm-Klasse geworden, hatte Kato die Motorrad-WM auch 2002 in seiner MotoGP-Rookiesaison mit zwei Podien und diversen Top-Fünf-Platzierungen verzückt. Für 2003 hatten den charismatischen Japaner daher nicht wenige als echten WM-Herausforderer für Titelverteidiger Valentino Rossi auf dem Zettel, doch das Schicksal hatte andere Pläne. Beim Auftaktrennen in Suzuka verlor er in der Anfahrt zur 'Casio-Triangle'-Schikane nach der berüchtigten Rechtskurve '130R' die Kontrolle über seine Honda RC211V und krachte mit fast 200 km/h in eine Mauer. Nach zwei Wochen im Koma erlag Kato seinen schweren Verletzungen im Alter von nur 26 Jahren.

Katos Tod war nicht umsonst - Herve Poncharal: Darauf können wir stolz sein!
"Da hinterfragst du dich", meinte Poncharal weiter und gab daraufhin an: "Ich werde eines aber auch nie vergessen. Carmelo war damals genauso erschüttert wie ich, aber er sagte mir: 'Wir werden niemals wieder hierher zurückkommen, solange sie diese Mauer nicht entfernen'. Viele Leute haben das damals bezweifelt und mir gesagt: 'Wir werden zurückkommen, er wird dem Druck nachgeben'. Aber wir sind nie zurückgekommen." Tatsächlich fuhr die MotoGP seit 2003 nie wieder in Suzuka, der Japan-Grand-Prix wird seither in Motegi ausgetragen. "Das ist eine Sache, auf die ich sehr stolz bin. Wir haben gemeinsam so viel an der Sicherheit gearbeitet. Strecken aus dem Kalender verbannt, die nicht genügend Auslaufzonen bieten. Die Fangzäune verbessert, das Fahrer-Equipment und all das. Das war großartig. Diese Arbeit wird nie enden, aber wir können jetzt zumindest die Show genießen, ohne ständig dieses Damoklesschwert über unseren Köpfen zu haben."
Welche Erinnerungen verbindet ihr mit Herve Poncharal? Sagt es uns in den Kommentaren! Wie Lucio Cecchinello sein Erbe als neuer IRTA-Präsident fortführen will, könnt ihr derweil hier nachlesen:



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