Wer hätte das nach diesem schrecklichen Saisonstart gedacht? Versank Aprilia in den ersten fünf Monaten des Jahres 2025 noch im Verletzungs- und Vertragsstreitchaos um Starpilot Jorge Martin, drehte der Hersteller aus Noale dieses vermeintliche Horrorjahr in den vergangenen Monaten noch in die erfolgreichste Saison der eigenen MotoGP-Geschichte. Drei Grand-Prix-Siege, vier Pole Positions, Platz zwei in der Konstrukteurs-WM und der im Grunde nun sichere dritte WM-Rang für Marco Bezzecchi - besser war Aprilia noch nie.
Kein Wunder also, dass die Stimmung im Schwarz-Roten Lager am Sonntagabend prächtig war. "Ich bin extrem glücklich. Es ist fantastisch, diesen Sieg geholt zu haben", strahlte Bezzecchi und dessen Crewchief Francesco Venturato frohlockte am 'ServusTV'-Mikrofon: "Unglaublich! Das haben wir wirklich nicht erwartet. Ein perfektes Rennen und eine tolle Art und Weise, dieses Wochenende abzuschließen." Selbst Racing-CEO Massimo Rivola war so gut gelaunt, dass er am Sonntagabend gar noch eine ungeplante Medienrunde abhielt, um über Aprilias aktuellen Erfolgslauf zu sprechen. "Wir können sehr positiv für die Zukunft gestimmt sein. Wir können den anderen [Herstellern] ziemlich auf die Nerven gehen", lachte er dort unter anderem.
Massimo Rivola: Aprilia kann 2026 um MotoGP-Titel kämpfen, aber…
Ein Angriff auf die Weltmeisterschaft ist 2026 auch das erklärte Ziel Aprilias, das hatte Rivola bereits vor drei Wochen auf Phillip Island kundgetan. "Wir haben alles, um um den Titel kämpfen zu können", unterstrich er jetzt auch nach dem Portugal-Grand-Prix nochmal. Kein Wunder, legte Bezzecchi am Sonntag doch eine der dominantesten Vorstellungen der jüngeren MotoGP-Geschichte hin und dann hat Aprilia bekanntlich auch noch Jorge Martin als Joker für das kommende Jahr in der Hinterhand, der in Valencia voraussichtlich sein Comeback geben wird.
Und doch wollte Rivola die aktuellen Ergebnisse auch mit Vorsicht genießen, denn der bisherige MotoGP-Dominator Marc Marquez fehlt seit dem Indonesien-GP ja ebenso verletzt. Das Kräfteverhältnis in der Königsklasse könnte aktuell also etwas verzerrt sein. "Unser Ziel ist es, Marc in Zukunft auch auf der Strecke zu schlagen. Wir wissen sehr wohl, dass er weiterhin die Referenz ist und dass wir noch weiter arbeiten müssen, dass das aktuell noch nicht genug ist", meinte Aprilias Racing-CEO daher und sprach eine deutliche Warnung an seine Truppe aus: "Wenn wir glauben, dass das aktuell schon genug ist, damit wir nächstes Jahr um den Titel fahren können, dann können wir uns das jetzt schon abschminken!"
Statistik stützt Rivola-These: Aprilia und Bezzecchi noch nicht MotoGP-Spitze
Ein kurzer Blick in die Statistikbücher bestätigt diese These. Aus den letzten sechs Grands Prix [also seit Misano, Anm.] holte Bezzecchi insgesamt 126 Punkte, war damit aber bei weitem nicht der erfolgreichste Pilot in diesem Zeitraum. Alex Marquez übertraf ihn mit 165 Zählern deutlich, und dann darf man davon ausgehen, dass Bruder Marc wohl nochmal deutlich mehr gesammelt hätte, hätte er bei allen 12 Rennen mitmischen können. "Wir sind noch nicht auf dem Level von Marc und Alex", war sich Bezzecchi am Sonntag auch selbst bewusst. Auch er warnte daher vor Überheblichkeit: "Wir müssen noch weitermachen, hart arbeiten und uns verbessern, um hoffentlich bald auf ihr Niveau zu kommen."

Tatsächlich muss man auch nur zwei Wochen in der Zeit zurückgehen, um Aprilias Sorgen so richtig zu verstehen. Den Sepang International Circuit hatte Rivola explizit als 'Strecke der Wahrheit' ausgerufen, nachdem die RS-GP zuvor in Mandalika und auf Phillip Island brilliert hatte. Der Malaysia-GP selbst wurde dann aber zum Flop. Aprilia war dort in Summe sogar schwächster Hersteller, Bezzecchi kam im Grand Prix nicht über P11 hinaus. Noale hat also wahrlich noch kein Paket zusammengestellt bekommen, dass überall herausragend gut funktioniert. Genau das benötigt man aber, will man Ducati und Marc Marquez über eine ganze Saison hinweg fordern. Solch schwache Wochenenden wie in Sepang oder zuvor auch schon in Motegi oder Barcelona sind da nicht drin, denn ein Marc Marquez in Topform lässt nirgends federn. Andrea Dovizioso kann davon ein Lied singen.
Rivolas Warnung ist also gerechtfertigt, aber Aprilia hat auch berechtigten Grund zur Hoffnung auf einen echten WM-Angriff im kommenden Jahr. Tobias sagt euch in diesem Kommentar, warum:



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