Der schwere Unfall der Moto3-Piloten Jose Rueda und Noah Dettwiler auf der Runde zur Startaufstellung in Malaysia beschäftigt das MotoGP-Paddock auch noch zwei Wochen später. Dettwiler wird am Donnerstag zurück in die Heimat gebracht, Rueda ist bereits wieder in Spanien. Diese positive Entwicklung war an jenem Sonntag aber nicht vorherzusehen. Der Umgang der Motorrad-WM mit dem Geschehen sieht sich auf mehreren Ebenen Kritik ausgesetzt.

Zunächst war da die Frage, ob die Rennen am Sonntag angesichts des ungewissen Zustands von Rueda und Dettwiler überhaupt stattfinden hätten sollen? Bereits in Malaysia hatten einige MotoGP-Piloten Kritik geübt, doch diese wurde nun im Vorlauf zum Rennen in Portimao erneuert.

Noah Dettwiler verlässt Intensivstation: Update zum Zustand (04:51 Min.)

Pedro Acosta: Moto3-Absage nötig, MotoGP sorgt für die Show

"Dieses Moto3-Rennen hätte niemals stattfinden dürfen. Da war so viel passiert. Wir sollten uns klar sein: Die wichtige Show ist die MotoGP. Wir sind die größte Klasse, darauf warten die Leute. Wir sind alt genug, um diese Dinge nicht persönlich an uns heranzulassen und das Rennen irgendwie durchzuziehen, ohne daran zu denken", äußerte sich Pedro Acosta.

Sein erstes Argument ist also, dass eine Absage in der kleinsten Klasse nicht so sehr ins Gewicht falle: "Es war nicht notwendig, diese Kids Rennen fahren zu lassen. Ich weiß, dass das für die Teams wegen des Geldes ein schwieriges Thema ist. Es wird ein voller Kalender erwartet und dann fahren sie nicht, aber nötig ist es nicht. Die Verantwortung für die Show liegt auf der MotoGP-Klasse."

Acosta will Unfälle ausblenden können, Di Giannanantonio mit anderer Erfahrung

Am Beispiel vom Teamkollegen Ruedas machte der Spanier klar, wie schwierig die Situation vor und während des Rennens der Junioren gewesen sein muss: "An diesem Morgen frühstückte ich mit Rueda. Ich habe mehr Erfahrung in dieser Meisterschaft und kann das vielleicht ausblenden. Aber ich kenne [Alvaro] Carpe und weiß, dass diese beiden [Carpe und Rueda, Anm. d. Red.] eng sind. Ich ging also zur Box und sagte ihm: Denke nicht daran und konzentriere dich nur auf das Rennen."

Was Acosta für sich in Anspruch nimmt, und Ruedas Stallgefährte eintrichterte, gilt für einen anderen Fahrer der Königsklasse nicht. "Ich kann euch ein Beispiel nennen. Als ich meinen Unfall mit Martin [in Katar, Anm. d. Red.] hatte, da bekomme ich immer noch Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Für die letzten sechs bis acht Runden des Rennens musste ich fahren, ohne Klarheit über seinen Zustand zu haben. Ich fuhr noch, aber nicht mehr richtig", erinnert sich Fabio Di Giannantonio an den Zusammenprall mit Jorge Martin, der den Ex-Weltmeister erneut für Monate außer Gefecht setzte. Mehr zu dem damaligen Vorfall findet ihr hier:

Rennabsagen schwierig: Wo ist die Grenze?

Folgt daraus, dass auch die anderen Klassen vielleicht lieber nicht starten hätten sollen? Für den Italiener ist die Sache nicht so einfach: "Es ist schwierig. Sollten wir einer Linie folgen, wo wir erst wieder fahren, wenn er [der Verunfallte, Anm. d. Red.] wieder bei 100 Prozent ist? Es ist schwierig, da eine Grenze zu ziehen und zu sagen, was richtig wäre."

Gleichzeitig betont er aber auch: "Wir sind alle Menschen und ich möchte glauben, dass alle Beteiligten ihr Bestes gegeben haben, um die Lage zu bewältigen. Aber ehrlicherweise weiß ich auch nicht, wie wir es besser hätten machen können. Es ist nicht schön, nach solchen Bildern zurück auf die Strecke zu gehen. Wir haben einen der unseren am Boden liegen gesehen und kannten seinen Zustand nicht."

Di Giannantonio vor dem Rennen in Malaysia, Foto: VR46 Media
Di Giannantonio vor dem Rennen in Malaysia, Foto: VR46 Media

Letztlich gibt der VR46-Pilot an, dass er sich keine Entscheidung zugetraut hätte: "Auch die Moto2 hätte nach dieser Logik nicht starten dürfen. Da geht es nicht um die Klasse, wir sind alle Menschen. Wie gesagt, es ist schwierig da eine Grenze zu ziehen: Wann sollten wir aus Respekt abwarten? Ich bin nicht in der Position, um zu entscheiden: In der Moto3 nein, aber in der Moto2 und der MotoGP ja? Wir sind ja auch noch in einem ähnlichen Alter. Hätten wir also auch die MotoGP absagen sollen? Es ist schwierig."

Sein Landsmann Luca Marini hielt sich bedeckter. Zwischen den Zeilen konnte aber auch hier eine Kritik an den Rennstarts gelesen werden: "Alles, was ich hier zu den Medien sage, wird die Lage nicht verbessern. Das Wichtigste ist, dass es die Jungs überstanden haben. Die Sicherheit muss immer an erster Stelle stehen. Dass sie ihr Bestes gaben, um den beiden so schnell wie möglich zu helfen, ist für uns das Wichtigste. Die Rennen sind in diesem Moment zweitrangig."

Fahrer bei Bewusstsein? Bagnaia kritisiert irreführende Meldungen der Rennleitung

Doch nicht nur mit der Frage nach den Rennstarts befassten sich die Piloten. Auch die Informationspolitik der Rennleitung zum Unfall wurde kritisiert. "Ich weiß nicht, was wir genau verändern müssen, aber ich habe die Verantwortlichen darum gebeten, ihre Entscheidungen mit mehr Sorgfalt und Ruhe zu fällen. Dass sie dann nach drei oder vier Minuten bereits die Meldung 'Fahrer bei Bewusstsein' herausgaben, kann ich nicht nachvollziehen. Als wir danach erfahren haben, dass beide Fahrer Herzstillstände hatten, war das für mich ein Glaubwürdigkeitsverlust", nahm Francesco Bagnaia kein Blatt vor den Mund.

Francesco Bagnaia äußerte klare Kritik, Foto: Ducati Media
Francesco Bagnaia äußerte klare Kritik, Foto: Ducati Media

Tatsächlich ist es aus medizinischer Sicht nach neuesten Erkenntnissen möglich, einen Herzstillstand zu haben und trotzdem bei Bewusstsein zu bleiben. So gesehen muss es sich nicht um eine Falschmeldung gehandelt haben, aber es geht natürlich auch um die Art und Weise der Informationsverbreitung. Die Einblendung 'rider conscious' gilt auch dem Zwecke, die Zuseher und weiteren Beteiligten nach Unfällen zu beruhigen. In diesem Fall kämpfte Noah Dettwiler aber noch stundenlang um sein Leben, ehe es nach mehreren Notoperationen die ersten ernstzunehmenden Entwarnungen gab.

Der gläserne Motorrad-Rennfahrer: Diggia "würde Privatsphäre wollen"

Außerdem stellt sich da die Frage nach dem Respekt vor der Privatsphäre eines Fahrers. Um genau diese hatte insbesondere die Familie Dettwiler mehrfach gebeten. Darauf angesprochen verfiel Pedro Acosta in Sarkasmus: "Am Ende gehört das zum Paket, auf das wir uns einlassen. Wenn du ein MotoGP-Fahrer werden willst, dann wird jeder deinen Beziehungsstatus kennen und jeder wird wissen, wo du heute Morgen beim Kacken warst. Wobei das eigentlich nichts ist, worüber wir lachen sollten."

Fabio Di Giannantonio gab eine wesentlich ernstere Antwort: "Ich möchte das so angehen, als wenn es sich um mich gehandelt hätte. In diesem Fall würde ich Privatsphäre wollen. Informationen sollten erst weitergegeben werden, wenn sie eindeutig sind, und wenn es von einem Repräsentanten des Teams sowie von einem Vertreter für mich als Person autorisiert ist. Letzteres könnte zum Beispiel, falls sie vor Ort sind, meine Partnerin, mein Vater oder meine Mutter sein. In meinem Falle würde ich es so wollen."

Von einer solchen Vorgehensweise war in Malaysia keine Spur. Zunächst einmal wurde im Weltbild der Auffahrunfall sogar als Replay präsentiert, nachdem er im Livebild nicht zu sehen war. "Bei den letzten schweren Unfällen wurden keine Wiederholungen und Bilder gezeigt. Ich möchte aus menschlicher Sicht hoffen, dass es sich dabei um einen Fehler handelte. Vielleicht dachte die TV-Regie, dass es nicht so ernst sei. Das möchte ich hoffen", äußerte sich 'Diggia'. Dieser Vermutung nach könnte es sich um eine Folge der von Bagnaia kritisierten schnellen Bewusstseinsmeldung gehandelt haben, welche der TV-Produktion ein abgeschwächtes Bild vom Ernst der Lage vermittelte.

MotoGP-Arzt Charte mit klarem Fehlverhalten, doch generelle Frage nach Informationspolitik bleibt

Doch die Angelegenheit ging über die Bildregie hinaus. Ausgerechnet MotoGP-Arzt Dr. Angel Charte plauderte gegenüber spanischen Medien Informationen über den Gesundheitszustand von Rueda und Dettwiler aus, die sich im Nachhinein sogar noch als falsch herausstellten. "Das muss mit Sicherheit besser laufen", war auch Di Giannantonio erschlagen, als er von diesem Umstand erfuhr.

MotoGP-Chefarzt Dr. Angel Charte in Misano
Dr. Angel Charte leistete sich ein klares Fehlverhalten, Foto: IMAGO / IPA Sport

Von Chartes klarem Fehlverhalten abgesehen, bleibt die generelle Frage nach dem Herausgeben von Informationen bestehen. Der Wunsch von Fahrer und Angehörigen nach Privatsphäre wiegt schwer, doch genauso sorgen sich viele weitere Personen im Paddock und unter den Fans um die verunfallten Sportler. Sollten sie im Ungewissen gelassen werden? Pedro Acosta sieht keine klare Antwort: "Ich kenne Rueda, wir waren einst Teamkollegen. Und gegen Noah bin ich im Rookies Cup gefahren. Du weißt nie, ob es besser ist, es zu wissen oder nicht zu wissen. Ob es richtig ist, Informationen zu veröffentlichen oder nicht. Ich bevorzuge es, nicht darüber zu richten."

Ein zugegebenermaßen nicht leichtes Thema. Welche Gedanken habt ihr? Hätte gefahren werden sollen und wie steht es um die Privatsphäre der Piloten im Verhältnis zum öffentlichen Interesse? Sagt es uns in den Kommentaren.