Nach 33 Jahren kehrte die MotoGP am Wochenende zurück nach Ungarn. Erstmals wurde dabei auf dem Balaton Park Circuit gefahren. Die erst 2023 eröffnete Strecke musste für die Königsklasse des Motorradsports in einigen Bereichen umgebaut werden. Schikanen wurden zur Temporeduktion hinzugefügt und das Layout auch an anderen Stellen angepasst, um größere Sturzräume zu schaffen. Dennoch blieben einige brandgefährliche Zwischenfälle nicht aus.

Stau in Kurve eins: Zu eng für MotoGP

Erster Hot-Spot sind die Kurve eins und zwei. Turn 1 ist eine nach rechts gefahrene Haarnadel mit extrem engem Radius, die direkt in eine Linkskurve übergeht. Hier kam es im MotoGP-Sprint und Moto2-Rennen zu Kollisionen mit Sturzfolge, ein Kontakt zwischen Marc Marquez und Marco Bezzecchi im sonntäglichen Grand Prix endete glücklicherweise nicht in einem Crash. Es war aber klar zu sehen, dass es kaum möglich ist, ein komplettes MotoGP-Feld direkt nach dem Start geordnet durch diese Passage zu bringen - und das liegt nicht an den Fahrern, wie Raul Fernandez nach dem Rennen festhielt: "Da ist das Layout Schuld. Wir sind alle Profis in der MotoGP. Niemand hier macht verrückte Dinge, wenn es um die Sicherheit der anderen Fahrer geht. So eine Kurve ist in der ersten Kurve einfach nicht ideal."

MotoGP am Limit: Ist Ungarn-GP für die Königsklasse geeignet? (08:15 Min.)

Wenige hundert Meter später folgt bereits die nächste Gefahrenstelle: Kurve acht. Hier wurde ein ursprünglich extrem schneller Rechtsbogen für die MotoGP in zwei schärfere Kurven unterteilt. Hier werden aber nach wie vor sehr hohe Geschwindigkeiten erreicht, denen das Kiesbett an der Außenseite nicht genügt. Im MotoGP-Qualifying flog Pedro Acostas KTM über den Streckenzaun hinaus und traf in mehreren Metern Höhe eine TV-Kamera, der dahinter stehende Kameramann wurde knapp verfehlt.

Moto2-Fahrer Lopez schlägt in Streckenbegrenzung ein

Im Moto2-Rennen am Sonntag stürzte an dieser Stelle Alonso Lopez und schlug in die Streckenbegrenzung ein. Sein Motorrad kam glücklicherweise kurz davor zu liegen. Nicht auszudenken, was passieren hätte können, wenn ihm das Bike in die Absperrung gefolgt wäre. "Heute hatten wir viel Glück. Ich bin mit dem Schrecken davongekommen", schrieb Lopez auf seinen Social-Media-Kanälen unter Bilder, die ihn mit Prellungen und Platzwunden im Gesicht zeigen.

Alonso Lopez nach seinem Sturz in Ungarn
Alonso Lopez war nach seinem Sturz sichtbar gezeichnet, Foto: gp-photo.de/Ronny Lekl

"An dieser Stelle müssen sie etwas unternehmen. So ist das einfach keine MotoGP-Strecke", schimpfte Alex Rins am Sonntagabend. Er erhielt Zustimmung von Jack Miller: "Wenn selbst ein Moto2-Fahrer dort einschlagen kann, muss diese Mauer versetzt werden. Alonso hatte heute großes Glück, dass ihn das Motorrad nicht getroffen hat."

Schikanen am Balaton Park: Trügerische MotoGP-Sicherheit

Haben die Fahrer auch diesen Teil der Strecke gemeistert, warten immer noch drei Brandherde auf sie. Hierbei handelt es sich um die Kurvenkombinationen 9/10, 12/13 sowie 15/16. Allesamt äußerst enge Schikanen mit wenigen Metern Abstand zwischen der ersten und zweiten Kurve. Mehrfach kamen an diesem Wochenende Fahrer in Teil 1 zu Sturz, schlitterten durch den Kies oder Asphalt und landeten am Ausgang von Teil 2. Besonders sichtbar wurde das Problem im MotoGP-Rennen als Enea Bastianini in Kurve 12 stürzte und am Ausgang von Kurve 13 über die Ideallinie schlitterte, wo 17 Fahrer dicht hinter ihm im Renntempo ankamen. Noch im Fallen blickte sich Bastianini geistesgegenwärtig um und versuchte, den für ihn bestmöglichen Ausweg zu finden. "Ich habe versucht, mir einen Überblick zu verschaffen", schildert Bastianini die dramatischen Momente. "Ich habe dann wie eine Katze einen kleinen Sprung eingebaut. Als ich gesehen habe, dass Luca [Marini], die Möglichkeit hatte, an mir vorbeizufahren, habe ich meinen Körper angespannt, um so weit wie möglich zu rutschen und von der Strecke wegzukommen. Diese Schikanen sind wirklich furchterregend. Was mir heute passiert ist, kann sehr leicht wieder passieren. Glücklicherweise haben ich und die anderen Fahrer so gut reagiert."

Einer von ihnen war Jack Miller: "Enea war heute ein sehr glücklicher Junge. Er war vor mir direkt auf der Ideallinie. Pol [Espargaro] konnte auf der einen Seite ausweichen, ich auf der anderen." Bastianini wünscht sich nun Änderungen für 2026. "Es wäre gut, wenn sie in diesen Passagen etwas ändern könnten", so der Italiener. Mehr Abstand zwischen den einzelnen Kurven wäre sinnvoll, doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Auf dem knapp bemessenen Streckengelände ist kaum Platz, da es auf einer Seite von einem im Betrieb stehenden Flugfeld begrenzt wird. "Ich weiß nicht, wie man das ändern könnte", gesteht Brad Binder. "So ist es aber wirklich gefährlich. Selbst der kleinste Fehler kann da wirklich böse ausgehen."

Wie geht es weiter am Balaton Park Circuit?

Die Gefahren der neuen Strecke sind also offensichtlich. Und die Kritik der Fahrer spricht für sich. Die öffentlichen Statements dürfen dabei noch als zahm erachtet werden. Motorsport-Magazin.com erfuhr im Paddock, dass der Ton in internen WhatsApp-Gruppen der Fahrer deutlich rauer ist. Sie machen diverse Anpassungen zur Bedingung für eine Rückkehr an den Plattensee.

Es ist ohnehin fraglich, wie oft die MotoGP noch am Balaton Park Circuit gastieren wird. Die Strecke war ursprünglich nie für ein Rennwochenende der Motorrad-Weltmeisterschaft vorgesehen, sollte in erster Linie von Amateurfahrern für Track-Days genutzt werden. Die MotoGP wollte eigentlich bereits 2023 auf einer neuen Strecke in Debrecen fahren. Das Projekt kam aber nie über die Planungsphase hinaus. Verträge mit Rechteinhaber Dorna waren aber bereits unterschrieben und so kam der lokale Promoter des Ungarn-Grand-Prix unter Druck, einen Ersatzschauplatz aufzutreiben. Diesen fand man mit dem Balaton Park Circuit aber eben mehr schlecht als recht.

Wie am Wochenende im Fahrerlager zu hören war, soll es nun das Ziel sein, die MotoGP mittelfristig an den aus der Formel 1 bekannten Hungaroring nahe Budapest zu bringen. Dort wurde in den vergangenen Monaten mächtig umgebaut, ein neues Boxengebäude und eine neue Haupttribüne entstanden. Für die MotoGP ist die Strecke aktuell aber noch nicht geeignet - auch hier fehlt es an Auslaufzonen. Diese könnten im kommenden Jahr geschaffen werden, der Balaton Park Circuit dann 2026 noch einmal als Notlösung zum Zug kommen, ehe es möglicherweise 2027 an den Hungaroring geht. Bevor es dazu kommt, gilt es aber noch zahlreiche Stolpersteine zu überwinden.

Was ist eure Meinung zum Balaton Park Circuit? Hat die Strecke eine MotoGP-Zukunft verdient? Schreibt es uns in die Kommentare!