Casey Stoner hat sich rar gemacht im MotoGP-Paddock. In Spielberg gibt sich der Weltmeister von 2007 und 2011 aber wieder einmal die Ehre, da er bei der neuen Legendenparade auftritt. Doch nicht nur damit sorgt er in Österreich für Aufsehen. Der Australier stellte sich auch den Fragen der Journalisten. Seine Meinung zur aktuellen Königsklasse? Das Wort 'Abrechnung' ist noch eine harmlose Beschreibung…
Elektronik-Update mach Stoner wütend: Beste Fahrer auf leichtesten Bikes!
Der Ex-Ducati- und Honda-Pilot wetterte sofort los gegen die technische Aufrüstung der aktuellen MotoGP. Ride-Height-Devices & Co. bringen den Australier auf die Palme. Die neue umstrittene 'Stabilitätskontrolle' der Einheitselektronik, welche dieses Wochenende eingeführt wurde, stellt einen neuen Höhepunkt dar: "Wir bauen hier keine Straßenmotorräder, also sollte man nicht die Elektronik so weit entwickeln, wie sie es getan haben. Dieses Wochenende haben sie es auf ein neues Level bei der Elektronik gehoben. Wenn ich mit den Fahrern spreche, dann können sie einfach Gas geben. Du hast fast 300 PS und du gibst einfach Gas, ohne das da etwas passiert. Du hast die besten Fahrer der Welt, die die leichtesten Motorräder der Welt fahren. Daran bin ich nicht interessiert."
Er ist damit also ganz auf der Linie von Superstar Marc Marquez. Der Fahrer müsse die Kontrolle haben. Schon in seinen letzten Jahren als Testfahrer habe das Dilemma angefangen: "Du kannst das Rutschen gar nicht mehr kontrollieren. Als ich noch testen war, kurz bevor ich ganz aufhörte, da durfte ich nicht mehr die Kupplung am Kurveneingang nutzen, denn das hätte das System verwirrt. Es geht also nicht mehr um die Fähigkeiten in allen Aspekten. Du musst nur noch hart bremsen, in die Kurve fahren und dann reden die Jungs nur noch darüber, dass sich einfach Gas geben und einen Knopf drücken [die Aktivierung des Ride-Height-Devices, Anm. d. Red.], der das Ding herunterfahren lässt."
Für ihn ist klar: Weniger ist mehr. "Bis 20% [Gas] sollte es gar keine Elektronik geben, damit du es kontrollieren kannst. Danach kann die Elektronik zur Sicherheit beitragen, aber es darf nichts sein, worauf du dich einfach blind verlassen kannst, denn momentan machen wir aus den Ingenieuren die Weltmeister und nicht aus den Fahrern. Wir steuern auf all die Fehler zu, die die Formel 1 machte", warnt die ehemalige Nummer 27 vor dem Technikwahn in der Königsklasse.
Klonkriege in der MotoGP: Bikes gleichförmig, Fahrer unwichtig
Für ihn habe diese Entwicklung auch zu weniger Abwechslung beigetragen: "Du siehst keine Unterschiede mehr. Yamaha hatte einen geschmeidigen Motor und ging sehr gut mit den Reifen bei hohem Grip und in schnellen Kurven um. Ducati war schnell, konnte aber andere Dinge nicht so gut. Honda suchte den Mittelweg. Die Suzuki war stark auf der Bremse. Du hattest diese Unterschiede, so bestimmten die Streckencharakteristiken das Geschehen. Im Moment haben wir so etwas wie Klonkriege. Jeder muss sich in die gleiche Blase begeben. Jeder hat die Traktionskontrolle am Heck."

Aus einer Fahrerweltmeisterschaft ist ein Technik-Schaulaufen geworden. Casey Stoner verzweifelt daran: "Ich möchte sehen, wie die Reifen gequetscht werden. Wie jemand einen Wheelie aus der Kurve heraus kontrolliert. Momentan kommen die raus und drücken einen Knopf. Du kletterst nicht mehr auf das Motorrad um die Front unten zu halten. Alles wird für dich gemacht. Diese Fahrer sind unglaublich talentiert, aber das müssen wir doch auch zeigen?"
Neuerungen für die Sicherheit? Stoner: Schlimmste Unfälle, die ich je gesehen habe!
Das neue Elektronik-Update begründete die MotoGP allerdings mit dem sicherlich gewichtigen Argument der Sicherheit. Doch auch damit stimmt Stoner nicht im Geringsten überein. "Wir haben die Probleme mit den Reifentemperaturen, mit der Stabilität und wir haben schlimmere Unfälle, als ich sie je in der MotoGP gesehen habe, aber irgendwie gelten diese Motorräder als sicherer. Ich sehe nicht, wie sie sicherer sind. Wenn du sämtliche Kontrolle über das Heck wegnimmst, wirst du sämtliche Angst vor dem Motorrad verlieren. Dann wirst du härter und härter über die Front pushen", erklärt der 39-Jährige seine konträre Sichtweise. "Wir haben katastrophale Unfälle gesehen, wenn du die Front verlierst und je mehr du das Heck 'sicherer' machst, desto schlechter wird die Front."

Auch die immer schnellere Natur der Unfälle resultiert für ihn aus der technischen Aufrüstung: "Auch beim Topspeed. Je schneller du auf der Geraden wirst, desto schmaler ist der Grat bei den Bremspunkten, einen Fehler zu begehen. Alle sind da absolut am Limit und deswegen siehst du bei solchen Geschwindigkeiten, wie viele Bikes in der Streckenbegrenzung einschlagen. Es muss ein Punkt kommen, wo wir solches Zeug nicht mehr einbauen und es nicht mehr leicht machen, aus der Kurve zu fahren, denn den Wheelie zu verhindern ist keine Sicherheitsmaßnahme."
Regeln von 2027? Formel 1 hat es besser gemacht!
Aber geht die MotoGP nicht wenigstens mit dem neuen Reglement von 2027 die Probleme an? Die Devices werden verboten und die Aerodynamik zumindest beschnitten. Auch hier wird Stoners Meinung den Verantwortlichen der Königsklasse kaum gefallen: "Du machst das Motorrad leichter, also wirst du weniger Bremsen. Da es kein Ride-Height-Device gibt, wirst du langsamer im Topspeed sein. Also kommst du mit einem leichten Bike langsamer bei der Kurve an. Die Bremsphase wird kürzer und das ergibt weniger Überholmöglichkeiten. Die Flügel wird es immer noch geben und sie werden dann vermutlich noch schneller in den Kurven, was noch mehr Luftverwirbelungen erzeugt. Es wird immer noch Probleme mit der Stabilität und mit den Reifentemperaturen geben. Ich weiß nicht, wie sich nicht sehen können, dass jeder Schritt in diese Richtung der falsche Weg ist."
Und dann erteilt der Ex-Weltmeister die Höchstrate für die Motorradfans: Er lobt die Formel 1. "Sie folgen jedem Problem, das die Formel 1 in den letzten Jahren loswerden wollte. Meiner Meinung nach haben die einen guten Job gemacht, Rennfahren zu gestalten und eine fantastische Meisterschaft auf die Beine zu stellen, die sich realistisch gar nicht mit der MotoGP messen können dürfte. Diese Autos sind groß und breit, aber trotzdem gibt es da Racing. Mit diesen Motorrädern sehen wir aber weniger Racing als in der Vergangenheit", setzt es eine Tracht verbale Prügel.

Sprint-Format ein Fehlschlag: MotoGP-Fahrer hetzen von Session zu Session
So, sind wir jetzt durch? Mit der Technik ja, aber es gibt ja auch noch das neue Format der MotoGP. Auch mit den Sprints und ihren Folgen für das Wochenende wischt Stoner den Boden auf: "Jeder geht einfach gleich auf Rundenzeit, um es in die Top 10 [und damit in das Q2, Anm. d. Red.] zu schaffen, was meiner Meinung nach einfach lächerlich ist. Und dann auch noch, dass es ein Sprint-Rennen gibt, welches für Unterhaltung sorgen soll, aber wo es trotzdem noch Punkte gibt. Ich verstehe es nicht."
Letztlich macht er das Sprint-Format auch für langweilige Rennen verantwortlich: "Das ist eine Weltmeisterschaft. Es sollte nicht einfach nur ein kleines Rennen für Unterhaltungszwecke sein, für das es dann doch noch Punkte gibt. Und dann gibt es ein Hauptrennen. Nein! DAS ist das Rennen. Darum geht es. Es ist aus einem Grund so lang. Du musst dein Motorrad gut dafür abstimmen. Du musst wissen, ob du es mit dem weichen Reifen durchhältst, oder du lieber den härteren, aber etwas langsameren weichen Reifen nimmst. Jetzt pusht jeder einfach nur für Rundenzeit. Darum haben sie beim Hinterherfahren Probleme, denn sie haben das Motorrad eigentlich nie wirklich für das Rennen eingestellt. Die haben so ein stressiges Rennwochenende, in dem es immer nur darum geht, sich mit einer Rundenzeit für die nächste Stufe zu platzieren."
Vernünftige Entscheidungen für die MotoGP gefragt: Nur, wer fällt sie?
Nun stellt sich am Ende des Rundumschlages eine Frage: Wie kann es besser werden? Für Stoner stinkt der Fisch vom Kopf. Sein Wunsch ist klar: "Es muss einen Punkt geben, wo es einen vernünftigen Kopf in dem ganzen gibt, der sagt: Das ist lächerlich, wir brauchen das nicht. Es braucht ein Gremium von guten Leuten und nicht eines, wo die Leute nur sitzen, um Dinge durchzuwinken."

Er nennt ein Beispiel eines Entwicklungsfeldes, dass er für ihn längst abgeschafft hätte werden müssen: "Wir haben vor einigen Jahren schon darüber gesprochen, wie die MotoGP Kosten senken kann. Sicher macht das die Dinge nicht besser. Aerodynamik ist das Teuerste, was es gibt, ob in der Formel 1, Radfahren oder wo auch immer. Aerodynamik ist einfach unvernünftig. Sie macht es hart für die Teams. Wenn es Stürze gibt, dann verursacht das noch einmal Extra-Kosten. Also braucht es ein gutes Gremium, welches die Vor- und Nachteile abwägt. Wenigstens sollten sie sich alle Meinungen anhören und dann erst eine Entscheidung treffen, aber es sieht aus, als folgen sie einfach nur einer Direktive, die sich irgendwer ausgedacht hat." Er hat sie sich sicher nicht ausgedacht. Und ob Casey Stoner in Zukunft etwas zu sagen haben wird? "Natürlich nicht. Ich bin zu ehrlich", lautet die sarkastische Antwort.
Was sagt ihr zu Casey Stoners Generalabrechnung mit der MotoGP? Gebt ihr dem Australier recht oder geht er doch etwas zu weit? Sagt es uns in den Kommentaren



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