Wer erwartet hatte, dass Jorge Martin nach der unerwarteten Wende zum Verbleib bei Aprilia zur Charmeoffensive gegenüber seinem Arbeitgeber ansetzt, der wurde in Brünn eines Besseren belehrt. Der MotoGP-Weltmeister bestätigte seinen Verbleib für 2026, aber von Reue oder gar einer Entschuldigung gegenüber Noale war nichts zu hören. Vielmehr rechtfertigte der Spanier sein Verhalten während seiner langen Verletzungspause.
Jorge Martin: Niemand kann verstehen, was mir durch den Kopf ging
Dem 'Martinator' war zunächst wichtig zu erklären, warum er Aprilia verlassen wollte. "Nach der ersten, zweiten und dann dritten schweren Verletzung kamen eine Menge Zweifel über meine Zukunft und über mich selbst auf. Ich musste eine Entscheidung treffen und die war: Entweder es noch ein paar Rennen mit Aprilia versuchen, oder die Klausel aktivieren. Beides wurde von Aprilia verwehrt, was ich verstehen kann. Sie haben um ihr Recht gekämpft und ich musste darum kämpfen, was ich für mich für das Beste hielt: Zu einem anderen Projekt zu wechseln. Dann fing der Streit an", begann er am Donnerstag in Tschechien seine Ausführungen in einer eigens für ihn einberufenen Pressekonferenz der MotoGP.
"Ich bereue nichts. Alles, was ich tat, war das Beste für meine Zukunft und für mich. Ich glaube, niemand kann nachvollziehen, was dir durch den Kopf geht, wenn du mit elf gebrochenen Rippen im Krankenhaus [in Katar] liegst und für eine Woche nicht schlafen kannst. Bei allem, was ich tat, dachte ich, dass es das Beste für meine Zukunft wäre - und das denke ich auch jetzt noch", verteidigte sich der Weltmeister.
Es wurde deutlich, dass sich die Wechselabsicht sich vor allem aus dem großen Verletzungsdrama seit Saisonbeginn entwickelte: "Natürlich hat der Krankenhausaufenthalt nicht geholfen. Wenn diese Saison normal beginnt, dann passiert das vielleicht alles nicht, aber das werden wir nie wissen."
Ezpeleta-Ansage scheint zu wirken: Hätte MotoGP-Streit noch viel länger führen können
Warum dann die erneute Kehrtwende? "Ich hätte den Streit noch viel länger führen können, aber im Leben musst du Entscheidungen treffen und diese ist, für eine weitere Saison bei Aprilia zu bleiben", sagt Martin. Gedrängt hat ihn dazu wohl vor allem MotoGP-Boss Carmelo Ezpeleta, der ihm kein Startrecht für 2026 zusprach, sollte er immer noch im Rechtstreit mit Aprilia sein. Noale bestand darauf auf ein zivilgerichtliches Verfahren in Italien - und das hätte sich weit bis ins nächste Jahr ziehen können.
"Das geht mich nichts an. Ich respektiere Carmelos Position, er ist der große Boss", meinte Martin dazu kleinlaut. In einer weiteren Aussage klang der Einfluss des MotoGP-Oberhaupts dann aber durch: "Ich wollte, dass alles geklärt ist, bevor ich wieder Rennen fahre. Ich wollte kein Comeback im Streit mit Aprilia oder sonst wem. Ich wollte es schnell lösen und, dass es vor meinem Comeback aufhört."
Test und Bezz stellen Martins Vertrauen in die Aprilia wieder her
Außerdem konnte die Angst vor einer erneuten Verletzung erfolgreich gemindert werden: "Alle meine Eindrücke aus Barcelona, Sepang und Katar waren negativ, denn ich erlebte Stürze, aber jetzt habe ich auch dank des Tests [in Misano] gesehen, dass ich auf der Aprilia sicher sein kann. Das hat meine Meinung verändert." Für die neue Regelung, dass verletzte Fahrer vor einem Comeback testen können, hatten sich Massimo Rivola & Co. massiv stark gemacht.

Bleibt noch der dritte Grund für den Verbleib: "Wir sehen, dass Marco [Bezzecchi] und Aprilia einen großartigen Job machen. Ich bin kein Idiot. Ich weiß, dass wir zusammen wirklich Gutes erreichen können." Mehr Punkte als Marco Bezzecchi holten zuletzt nur die Marquez-Brüder. Eine RS-GP gegen eine Honda tauschen zu wollen, sorgte daher im Paddock und bei Fans für große Verwunderung.
Jorge Martin will wieder mit Aprilia arbeiten, ohne jegliche Entschuldigung…
Doch wer glaubte, dass es aufgrund all dieser Faktoren jetzt zur Aussöhnung kommt, der liegt falsch. Allein die Tatsache, dass kein einziger ranghoher Aprilia-Mitarbeiter in der Pressekonferenz saß, sprach Bände. Was der Spanier dann von sich gab, war angesichts des anstehenden Comebacks fast surreal. Ob er sich bei seiner Boxen-Mannschaft entschuldigt habe, lautete die Frage. "Nein, ich habe mich nicht entschuldigt, denn ich glaube nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe. Ich habe getan, was meiner Meinung nach das Beste für meine Karriere war. Jetzt sind wir wieder zusammen und wir werden miteinander reden. Wenn sie meinen, ich müsse etwas tun, um unsere Beziehung zu verbessern, dann werde ich das tun", antwortete der Weltmeister.
Mit der Verbesserung der Beziehung in der Pressekonferenz anzufangen, kam ihm dabei nicht in den Sinn. Vielmehr kam nach den bohrenden Fragen der Journalisten immer mehr zum Vorschein, welche Eiseskälte in seiner Garage herrschen wird. "Das wird nicht einfach und nicht alles wird mit Blumen bedeckt sein, aber wir werden darum kämpfen und unser Bestes geben, um gute Resultate zu erzielen", klang eher nach einer klassischen Floskel.

Zwangsehe zwischen Aprilia und Martin? "Möglich sich, wieder zu verlieben"
"Natürlich fühlte ich bei meiner Rückkehr die Spannung, aber das Wichtigste ist die Kommunikation. Wenn sie meinen, dass es etwas falsch läuft, dann können sie es mir sagen und so ist es auch andersherum", hörte sich dann zwar offener, aber auch wenig herzlich an.
Letztlich sprach Martin in einem Bild, welches ihn und Aprilia wohl am eindrücklichsten beschreibt: "Eine Beziehung ist wie eine Achterbahn. Du kannst dich verlieben und in viele Streitigkeiten geraten. Wenn du dich wirklich magst, kannst du hart daran arbeiten, zusammenbleiben und für deine Ziele kämpfen. An dem Punkt sind wir jetzt. Wir hatten einen großen Streit, aber jetzt ist es Zeit, wieder etwas aufzubauen. Wir wollen gemeinsam in Zukunft gewinnen. Es ist möglich, sich wieder zu verlieben." Wer immer der Eheberater ist, er muss sich nach den Eindrücken des Donnerstages in Brünn gewaltig ins Zeug legen.
Neben allem Trubel um seinen Streit mit Aprilia steht für Jorge Martin natürlich auch noch die Rückkehr ins Renngeschehen ab. Alles dazu, gibt es hier:



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