Der heftige Sturz von Marc Marquez im ersten freien Training war nur ein Vorbote dessen, was der MotoGP am Freitagnachmittag in Assen noch blühen sollte. In einer wahren Sturzorgie - inklusive zweier roter Flaggen - wurde im Training Motorradschrott in Massen produziert. Fast schon wie durch ein Wunder blieben die Fahrer weitestgehend unversehrt. Sie wussten, wo das Problem liegt.

MotoGP-Training in Assen: Eine Chronologie der Sturzorgie

Erst einmal der Reihe nach. Den Auftakt zum Crash-Festival machte Alex Marquez schon in seiner ersten schnellen Runde, als er in Kurve 1 im Kies landete. Seine Kollegen folgten Schlag auf Schlag: Fermin Aldeguer und Aleix Espargaro in Kurve 7, Franco Morbidelli heftig in Kurve 12 und dann Johann Zarco sowie Enea Bastianini in Kurve 16.

Nach diesem turbulenten Trainingsauftakt kam es noch zu weiteren Vorfällen. Etwa zur Mitte der Session löste Ai Ogura rote Flaggen aus. Er wurde von seiner Aprilia geworfen. Diese schleuderte über den Asphalt und bis ins Kiesbett, wo sie in Flammen aufging. Es blieben aber nicht die letzten spektakulären Bilder.

Lorenzo Savadori sorgte etwas mehr als zehn Minuten vor Schluss für den nächsten Schreckmoment. Bei einem Highsider aus Kurve 8 heraus knallte der Italiener mit dem Helm auf den Asphalt. Sein Motorrad blieb mitten auf der Strecke liegen. Glücklicherweise konnten alle folgenden Piloten ausweichen und das Bike wurde in der zweiten Rotphase der Session geborgen.

Den Schlusspunkt der Sturzorgie setzte dann Marc Marquez in Kurve sieben. Er rutschte in Skeleton-Manier mit dem Bauch über das Kiesbett. Beim Abgang von der Unfallstelle wurde er von den Streckenposten gestützt. Er begab sich danach ins Medical-Center zur Untersuchung. Trotz einiger Schürfwunden, Beulen und Prellungen erhielt er die Startfreigabe. Brüche zog sich der WM-Führende glücklicherweise nicht zu. Mehr zu seinem Tag lest ihr hier:

Michelins Medium-Reifen nicht auf Temperatur zu bringen

Michelin-Sportschef Piero Taramasso hatte nach der Sturzfolge zu Beginn sofort die Reifentemperatur im Blick: "Es kann sein, dass die Temperaturen für den Medium-Front etwas zu niedrig sind, außerdem gibt es hier frischen Wind. Das ist eine Strecke, wo es schwierig ist, Energie und Temperatur in die Front zu bekommen. Es gibt nur einen harten Bremspunkt." Er riet daher: "Vielleicht ist es besser vorne auf den Soft zu setzen, der hat am Morgen gut funktioniert."

Tatsächlich bestätigten die Fahrer seine Theorie, ließen dabei am Produkt der Franzosen kein gutes Haar. "Wir hatten null Grip. Man konnte den Medium-Frontreifen nicht benutzen, das war gefährlich. Auch der Medium am Heck war kaum auf Temperatur zu bringen", berichtete Raul Fernandez. "Alle wählten den Medium an der Front und wir sahen viel Stürze in schnellen Kurven, denn es war am Limit bei der Temperatur. Das war schon etwas furchterregend. Wir hatten zwei rote Flaggen. Ein Chaos-Training", meinte Fabio Di Giannantonio.

Vorderreifen der Ducati von Marc Marquez
Der Medium-Vorderreifen steht in der Kritik, Foto: Michelin

MotoGP-Fahrer schäumen: Könnten gleich auf den Hard wechseln!

Schon in Silverstone hatten die Fahrer mit dieser Variante des Medium-Reifen (in Michelins Reifenpalette mit dem Buchstaben 'E' bezeichnet) ihre Probleme, jetzt also erneut. Jack Miller musste sich sichtlich zurückhalten, nicht zu fluchen: "Ich muss hier meine Worte korrekt wählen. Der E ist nicht ideal, besonders in den kälteren Bedingungen wie hier. Wir machten den Fehler am Anfang mit ihm rauszugehen. Ich tat mein Bestes, Druck auf ihn auszuüben, um Temperatur reinzubekommen. Ich konnte es nicht."

Johann Zarco im Training in Assen
Johann Zarco war eines der Sturzopfer, Foto: Tobias Linke

"Es wäre wohl besser von Soft gleich auf Hard zu wechseln, aber dafür war nicht genug Temperatur. Deswegen wählten wir den Medium. Dann passierte mir gleich der Fehler", meinte Sturzopfer Alex Marquez. In dieselbe Kerbe schlug der ebenfalls gestürzte Johann Zarco: "Ich glaube wir könnten gleich auf den harten Vorderreifen wechseln."

Forderung an Michelin: Medium weg, dafür mehr Soft und Hard

Der Medium-Reifen erscheint also völlig nutzlos bei niedrigen Temperaturen. Da eine Neuentwicklung angesichts des bevorstehenden Ausstiegs Michelins aus der Königsklasse nicht mehr den Weg an die Strecke finden wird, fordern die Fahrer nun eine andere Lösung ein. "Vermutlich gibt es zu wenige weiche Reifen. Wir haben eine Reifenzuteilung und keiner wollte Reifen aus unterschiedlichen Gründen verschwenden. Aber wir sollten auch eine sichere Lage herstellen und Assen ist da immer problematisch in Sachen Temperatur und Wetter. Heute haben also alle den Medium genommen, um Softs zu sparen. Aber das war nicht sicher", mahnt Di Giannantonio.

Fabio di Giannantonio im MotoGP-Training in Assen
Di Giannantonio forderte andere Reifenkontingente, Foto: Tobias Linke

Damit traf er einen Nerv. "Ich habe zehn Minuten in der Garage bis zu den Zeitangriffen gewartet, denn ich konnte es mir nicht leisten, noch einen weichen Vorderreifen zu benutzen. Es gibt eine Chance, dass wir morgen [im Sprint, Anm. d. Red.] auch den weichen an der Front benutzen", verriet Miguel Oliveira. Und so erging es vielen. Da die Softs noch für die wichtigen Momente des Wochenendes gebraucht werden, wurde der Medium gewählt.

"Du musst mehr weiche oder harte Reifen bringen, um den Piloten mehr Chancen zu geben, ohne Gefahr zu fahren. Seit zwei Jahren ist nichts passiert. Heute konntet ihr das Resultat sehen", schimpfte und forderte daher Honda-Ersatzpilot Aleix Espargaro in Richtung Michelin. Oliveira schlug gar vor, nurmehr zwei Mischungen zu den Rennen zu bringen. Erstaunlicherweise funktioniert das harte Modell häufig in einem größeren Fenster als der Medium. Nach diesem Freitag wird Michelin unter Druck stehen, diese Vorschläge zumindest in Betracht zu ziehen.

Weitere Stürze auf Soft: Marquez übertreibts, Ogura ratlos

Das Problem mit dem Medium-Reifen erklärt allerdings nicht die Stürze nach der Anfangsphase, denn da wurde als Reaktion auf die Probleme mit Soft gefahren. "Der zweite Sturz war auf einer 'Time-Attack', das kann passieren", meinte Marc Marquez, einfach über das Limit gegangen zu sein.

Anders erging es da Ai Ogura. "Meine Crew hat sich die Daten des Sturzes angesehen, aber wir wissen nicht warum er passierte. Ich habe nichts besonderes gemacht. Der einzige Unterschied war etwas mehr Schräglage. Ich weiß es also nicht. Als ich danach wieder fuhr, hatte ich in dieser Kurve keine Probleme mehr", rätselte der Japaner. Auch mit funktionierenden Reifen ist Assen offenbar kein einfaches Pflaster.

Pedro Acosta besucht Ducati-Werk: Was ist da los? (08:51 Min.)