Neun Weltmeisterschaften, zahllose Siege und Podestplätze, Millionen Fans weltweit - Die Karriere von MotoGP-Legende Valentino Rossi kannte viele Jahre nur Höhen und keine Tiefen. Egal ob mit Honda oder Yamaha, niemand konnte den Italiener zu Beginn der 2000er-Jahre bezwingen. Erst Nicky Hayden (2006) und Casey Stoner (2007) konnten der Rossi-Regentschaft über die MotoGP ein Ende setzen, allerdings nur temporär. Denn 2008 und 2009 schlug der 'Doktor' mit zwei weiteren WM-Titeln zurück und verschaffte sich auch 2010 wieder eine gute Ausgangslage, um den historischen Bestwert von Giacomo Agostini mit acht Weltmeisterschaften in der Königsklasse zu egalisieren - bis zu seinem Heimrennen in Mugello.
Der Italien-Grand-Prix 2010, den Rossi zwischen 2002 und 2008 siebenmal in Folge gewonnen hatte, sollte die Karriere der legendären Startnummer 46 nämlich nachhaltig verändern und die MotoGP-Geschichte umschreiben. Motorsport-Magazin.com blickt 15 Jahre später auf jenen 5. Juni zurück, der Valentino Rossi erstmals die unschönen Seiten des Rennsports aufzeigte.
Karriere-Wendepunkt: Valentino Rossi stürzt im Mugello-Training folgenschwer
Ein Sieg, ein zweiter Platz und ein dritter Platz: Valentino Rossi legte 2010 eigentlich einen starken Saisonstart hin. In allen drei bisherigen Grands Prix des Jahres stand der Italiener auf dem Podium und hatte somit eigentlich allen Grund, euphorisch zum Heimrennen nach Mugello zu reisen - wäre da nicht Jorge Lorenzo gewesen. Nach zwei Lehrjahren in der MotoGP schickte sich dieser zum Jahresstart 2010 nämlich an, Yamaha-Teamkollege Rossi erstmals einen ernsthaften WM-Kampf zu liefern. 2009 noch deutlich geschlagen, siegte Lorenzo in den ersten zwei Saisonrennen 2010 und führte die Weltmeisterschaft vor dem Italien-GP somit neun Punkte vor Rossi an.
Auf heimischem Boden war der 'Doktor' daher besonders gewillt, den aufmüpfigen Stallgefährten aus Mallorca zurecht zu weißen. Und zumindest im 1. Freien Training gelang das auch. Rossi beendete den Freitag als Trainingsschnellster, dreieinhalb Zehntel vor Lorenzo. Doch im FP2 am Samstagvormittag wendete sich das Blatt. Um 10:39 Uhr Ortszeit und damit knapp 15 Minuten vor Sessionende verlor Rossi beim Einlenken in die schnelle Linkskurve T13 - Biondetti 1 - das Heck seiner Yamaha YZR-M1 und wurde mit knapp 180 km/h per Highsider abgeworfen.





Der Lokalmatador schlug hart auf dem Asphaltband auf und rutschte dann mit hoher Geschwindigkeit ins Kiesbett, wo er knapp fünf Sekunden nach Sturzbeginn zum Liegen kam. Ein Raunen fegte über die bereits gut gefühlten Tribünen, es wurde ruhig in Mugello. Rossi blieb liegen und hielt sich schmerzverzerrt das rechte Schienbein. Schnell wurde klar, dass hier Schlimmeres passiert war. Die Unfallstelle konnte der damals 31-Jährige nicht aus eigener Kraft verlassen, er musste abtransportiert werden. Per Krankenwagen ging es ins Medical Center. In der Yamaha-Box und auf den Tribünen machte sich Entsetzen breit, das Wochenende der Nummer 46 war gelaufen.

Ganz hässlich! Rossi-Verletzung sorgt für Entsetzen in der MotoGP
Im Medical Center folgte nach bangen Momenten nämlich die Hiobsbotschaft: Rossi hatte sich eine verschobene und freiliegende Fraktur des rechten Schienbeins zugezogen. Per Helikopter ging es direkt weiter ins Krankenhaus nach Florenz, wo der Italiener noch am Samstag operiert wurde. Wer die Schwere Rossis Verletzung nicht einordnen konnte, musste nur den Ausführungen der behandelnden Ärzte lauschen. MotoGP-Arzt Dr. Claudio Costa bezeichnete sie nämlich als "ganz hässliche Fraktur" und der behandelnde Dr. Roberto Buzzi meinte, dass dies die schlimmste Verletzung gewesen sein, die er je operiert hätte. Gegenüber der italienischen Presse äußerte Dr. Buzzi sogar Zweifel, ob Rossi 2010 nochmal ein MotoGP-Rennen bestreiten könnte.
"Es ist schwierig zu sagen, wie lange die Reha dauern wird. Wir erwarten uns eine sechswöchige Teilbelastung mit Krücken, danach wird die Situation mit neuen Röntgenbildern neu bewertet werden müssen", verkündete Dr. Buzzi. Damit war klar: Zum ersten Mal in seiner Karriere würde Rossi ein Grand-Prix-Rennen verpassen. Aber nicht nur den Italien-GP, sondern noch einige weitere. Immerhin: Es sollten letztlich nur drei werden. Beim achten WM-Lauf am Sachsenring stand der Yamaha-Pilot, der zwischenzeitlich von Wataru Yoshikawa ersetzt worden war, nur sechs Wochen nach dem Horrorsturz in Mugello schon wieder im Grid.
Valentino Rossi: Beachtliches MotoGP-Comeback, aber …
Bei weitem nicht vollständig fit, legte Rossi ein beachtliches Comeback hin. Der Italiener beendete den Deutschland-GP direkt wieder als Vierter, scheiterte nach rundenlangem Duell mit Casey Stoner sogar nur knapp am Podium. Großen Anteil daran hatte jedoch die Natur des Sachsenrings mit zahlreichen Linkskurven, die eine Schonung des rechten Beins möglich machten. Dass Rossi nach der Verletzung nicht mehr der Alte war, zeigte sich in den Monaten danach. Lediglich einen Sieg sollte er 2010 in Malaysia noch holen, ansonsten hatte er klar das Nachsehen gegenüber Teamkollege Lorenzo, der sich am Jahresende mit 150 Punkten Vorsprung erstmals zum MotoGP-Weltmeister krönte.
Rossi hatte durch seinen Sturz in Mugello jedoch nicht nur das WM-Duell mit Lorenzo verloren, sondern auch den Kampf um den Nummer-eins-Status bei Yamaha. 2011 flüchtete der 'Doktor' für zwei erfolglose Jahre zu Ducati, 2013 kehrte er wieder zurück. Zu einzelnen Siegen sollte es dann nochmal reichen, zur alten Glanzzeit fand Rossi jedoch nie mehr zurück. 2015 startete er einen letzten Anlauf auf den historischen achten Königsklassen-Titel. Warum es dort nicht zum WM-Gewinn reichte, ist jedoch eine andere Geschichte:



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