Enea Bastianini war wohl die positive Erscheinung der offiziellen MotoGP-Testfahrten in Sepang. An allen drei Tagen in den Top Fünf und am Mittwoch samt (kurzzeitiger) Rekordrunde an der Spitze des Klassements vorzufinden, sendete der 26-jährige Italiener zum frühestmöglichen Zeitpunkt der noch jungen Saison 2024 ein wichtiges Zeichen im Kampf um das zweite Ducati-Werksmotorrad. Nach Sepang lässt sich festhalten: Die Bestie ist zurück!

Zur Erinnerung: Das MotoGP-Jahr 2023 lief für Bastianini so gar nicht nach Plan. Nach einer starken Vorsaison mit Gresini Racing und vier Rennsiegen war er als Mitfavorit auf den WM-Titel in seine erste Saison als Ducati-Werkspilot gestartet. Doch sämtliche Titelträume platzen bereits im ersten Sprint des Jahres in Portimao, als 'La Bestia' von Luca Marini abgeschossen wurde und sich dabei das rechte Schulterblatt brach. Im Spätsommer folgte eine zweite schwere Verletzung in Barcelona. Bastianini sammelte nur magere 84 Punkte, einzig in Malaysia trumpfte er mit einem starken Wochenende auf.

MotoGP-Gegner verzweifeln an Ducati: Kein Kampf möglich!: (06:28 Min.)

Der Durchbruch schien gelungen, doch in Katar und Valencia fiel der gebürtige Riminenser zum Saisonabschluss wieder in alte Muster zurück. Hätte Jorge Martin den WM-Titel 2023 gewonnen, hätte Bastianini seinen Werksplatz bei Ducati wohl schon in dieser Saison räumen müssen. Dazu kam es jedoch nicht, Bastianini erhielt eine zweite Chance - und diese scheint er nun nutzen zu wollen. Denn im dreitägigen Sepang-Test bewegte sich die Bestie auf Augenhöhe mit Jorge Martin und Francesco Bagnaia, in der Sprint-Simulation offenbarte er sogar deutliche Vorteile gegenüber seines Stallgefährten.

Enea Bastianini: Ducati GP24 ist überall etwas besser

Wie konnte es dazu kommen? Die Antwort ist simpel: Es handelt sich wohl um eine Kombination mehrerer Faktoren. Zum einen konnte Bastianini die Winterpause nutzen, um körperlich wieder vollständig fit zu werden. "Ich bin wieder bei 100 Prozent und kann das Motorrad so fahren, wie ich das möchte", bestätigte er bereits am Mittwoch und legte am Donnerstag nach: "Ich war in Portimao, um [mit der Panigale, Anm.] zu trainieren und habe mich schon dort gut auf dem Bike gefühlt. Ich hatte wieder Spaß, das hat mich beruhigt. Alles ist leichter als letztes Jahr."

Hinzu kommt, dass die neue Ducati Desmosedici GP24 dem Moto2-Weltmeister von 2020 deutlich mehr in Karten spielt als ihre Vorgängerversion. Zahlreiche kleine Veränderungen, speziell im Bereich der Verkleidung, haben das Fahrverhalten der GP24 positiv beeinflusst. "Die GP24 funktioniert in allen Bereichen der Strecke. Die Unterschiede zu 2023 sind nur klein, aber es gibt sie in jeder Kurve und das merkst du am Ende der Runde", unterstreicht Bastianini. "Mein Gefühl auf dem Bike hat sich verbessert, die GP23 war nicht ideal für meinen Fahrstil."

Enea Bastianini kann seine Stärken auf der Ducati GP24 wieder ausspielen, Foto: LAT Images
Enea Bastianini kann seine Stärken auf der Ducati GP24 wieder ausspielen, Foto: LAT Images

Abschließend trug Ducati auch mit dem neuen Motor, der sich bereits am Dienstag als deutlicher Fortschritt gegenüber dem Vorjahresmodell herausstellte, zu Bastianinis Leistungssprung zu. Speziell die Motorbremse machte diesem 2023 zu schaffen, das scheint nun der Vergangengheit anzugehören: "Der Eingriff hat sich etwas verändert. Er erinnert mich jetzt mehr an das Motorrad von 2021, darüber bin ich glücklich, auch wenn ich mich noch weiter verbessern kann." Mit der 2021er-Version sorgte Bastianini 2022 bekanntlich für Furore und wurde WM-Dritter. Im Vorjahr ging seine Stärke auf der Bremse etwas verloren, 2024 scheint sie nun wieder zurück zu sein.

Ducati-Boss lobt: Enea Bastianini ist wieder der Alte!

Wenig überraschend sagt Bastianini nach dem Sepang-Test deshalb: "Ich bin bereit für das erste Rennen." Denn verglichen zum Vorjahr gelang dem Ducati-Piloten auch in der Zeitattacke ein Fortschritt. Zuvor war das Qualifying häufig eine Schwäche, was zur Folge hatte, dass 'La Bestia' ihre eigentliche Stärke im Reifenmanagement im Rennen nicht vollends ausspielen konnte, da sie von zu weit hinten startete. Im Sepang-Test fuhr Bastianini nun die drittschnellste Zeit und stellt klar: "Die Reifen haben nicht richtig funktioniert, wir hatten ein kleines Problem. Es gab kleine Vibrationen. Die Runde war trotzdem nicht schlecht, aber wir müssen dieses Problem verstehen." Es wäre also sogar noch mehr möglich gewesen.

Die Stimmung in der Ducati-Box ist nach dem Sepang-Test ziemlich gut, Foto: LAT Images
Die Stimmung in der Ducati-Box ist nach dem Sepang-Test ziemlich gut, Foto: LAT Images

Unterstrichen wird diese Aussage durch das Bastianinis Sprint-Simulation zum Ende der Testfahrten am Donnerstagnachmittag. Dort fuhr er zunächt konstant im niedrigen 1:58er-Bereich und fiel erst zum Ende des 10-Runden-Runs in den mittleren 1:58er-Bereich. Besonders beeindruckend war jedoch, dass der Ducati-Pilot nach einem kurzen Boxenstopp anschließend auf gleichen Reifen nochmal zwei Runden im hohen 1:57er-Bereich fahren konnte. Somit war er auf gebrauchtem Gummi nur knapp eine Sekunde langsamer als der absolute Rundenrekord Francesco Bagnaias.

"Ich freue mich für ihn, er war sehr stark", meinte der Weltmeister bereits am Mittwoch anerkennend. Und auch Ducati-Teammanager Davide Tardozzi zollte großen Respekt an seinen Schützling: "Enea ist völlig aus dem Häuschen. Letztes Jahr hatte er bis zum Ende zu kämpfen, auch in Valencia noch. Jetzt ist er ein anderer Fahrer. Er ist wieder der Enea Bastianini, den wir 2022 gesehen haben. Wir sind sehr zuversichtlich, dass er einer der Anwärter [auf den WM-Titel, Anm.] sein wird."

Enea Bastianini wieder WM-Anwärter? Erst Katar abwarten!

Dennoch, ein kleiner Wehrmutstropfen bleibt. Schließlich gewann Bastianini im Vorjahr eben in Malaysia und erlebte auf dem Sepang International Circuit sein klar bestes Rennwochenende. "Wir müssen in Katar noch andere Einstellungen ausprobieren und verstehen, wie sich das Bike auf anderen Strecken anfühlt. Wir müssen die Eindrücke in Losail erst noch bestätigen", warnt auch 'La Bestia' selbst. Doch der Italiener ist zuversichtlich: "Die Gefühle hier waren gut. Ich bin mir sicher, dass es in Katar nur noch um das Finetuning geht."

Wenn ihr nun wissen wollt, wo Enea Bastianini nach dem Sepang-Test exakt im MotoGP-Kräfteranking steht, dann findet ihr hier die passende Analyse: