So hat man Marc Marquez noch nie erlebt. Teilweise konnte man schwer glauben, dass in der MotoGP-Pressekonferenz am Donnerstag in Austin derselbe Mann saß, der vor drei Wochen in Indonesien mit der Brechstange zu Werke ging und nach vier Stürzen schließlich erneut verletzt aufgeben musste. Diagnose: Diplopie, also Doppelsichtigkeit. Wie schon im vergangenen Herbst.

Der MotoGP-Superstar sprach ungewohnt offen über Motivationstiefs und die Angst vor erneuten Crashes. Bruder Alex Marquez verriet im Rahmen des Argentinien-Grand-Prix, dass er Marc noch nie in einem derartigen mentalen Tief erlebt habe, wie nach seiner jüngsten Verletzung. Eine Einschätzung, die nach Marc Marquez' Ausführungen vor dem MotoGP-Comeback absolut treffend scheint.

"Die Woche nach dem Sturz war wirklich hart. Glücklicherweise war die Verletzung aber nicht so schlimm wie im vergangenen Herbst. Ich war sogar kurz davor, nach Argentinien zu kommen, aber ich hatte nicht die Motivation, dieses Risiko einzugehen. Ich wollte einfach nicht fahren", so Marquez.

Der vielleicht erfolgbesessenste Rennfahrer in der Geschichte des Motorradsports, der mit Blitzcomebacks bereits die gesamte MotoGP schockte, will nicht fahren? Worte, die für Verwunderung in der versammelten Presse sorgten. Nachfragen waren die logische Folge und Marquez gab einen weiteren Einblick in seine Gefühlswelt: "Das war jetzt die dritte schwere Verletzung in weniger als zwei Jahren. Da ist so eine Reaktion doch normal. Vor zwei Wochen wollte ich nicht einmal hierher nach Austin kommen. Ich wollte einfach nur auf dem Sofa liegen und gar nichts tun. Mein Umfeld, vor allem mein Bruder Alex und mein Trainer Jose, haben mir aber sehr geholfen. Sie haben mich angetrieben, wieder zu trainieren. So habe ich Schritt für Schritt meine Motivation wiedergefunden."

Bald schon konnte Marquez sein Training wieder hochfahren. Die Verletzung des Hirnnervs war deutlich weniger schlimm als im vergangenen Herbst. Anfang dieser Woche wurde der Honda-Pilot erneut untersucht, erhielt von den Ärzten grünes Licht und drehte sofort mit einer CBR600RR einige Runden in Alcarras. Der Testtag verlief ohne Probleme. Schnell war die Entscheidung getroffen: Marquez würde in Austin starten.

Austin-Sieg nicht das Ziel für Marc Marquez

Am Circuit of the Americas gewann Marquez bislang sieben von acht MotoGP-Rennen. Die Erwartungen beim Comeback sind also groß. Er selbst drückt aber auf die Euphoriebremse: "Der Sieg ist natürlich möglich, aber das kann nicht unser Zugang an diesem Wochenende zu sein. In Indonesien hatten wir große Probleme, das Event hat mit einem heftigen Highsider geendet. Ich konnte erst vor ein paar Tagen wieder normal trainieren. Jetzt geht es darum, wieder mein Selbstvertrauen aufzubauen. Wenn ich mich nicht wohlfühle, werde ich nicht pushen. Dann passieren nämlich solche Stürze wie in Indonesien."

Denn auch wenn Marquez bei seinem Horrorcrash abgesehen von der Augenverletzung ohne weitere Blessuren davonkam, war die erneute Zwangspause ein Rückschlag für ihn. "Natürlich komme ich nicht ideal vorbereitet hier her", gestand er. "Körperlich fühle ich mich etwas besser als etwa noch in Katar. Da hatte ich doch noch ziemliche Probleme. Was mein Selbstvertrauen angeht, sieht es aber viel schlechter aus. Das ist ja auch logisch nach einem schlechten Wochenende und einer erneuten Verletzung, vor allem wenn sie das Sehvermögen betrifft. Das hat mir Angst gemacht."

Sehen wir an diesem Wochenende also einen schaumgebremsten Marc Marquez? So weit will der MotoGP-Grenzgänger noch nicht gehen: "Ich darf nicht ständig daran denken, nur nicht zu stürzen. Ich bin hier um Rennen zu fahren. Natürlich besteht ein Risiko, aber das hier ist meine Leidenschaft. In der ersten Woche nach so einer Verletzung hast du das Gefühl, dass du dieses Risiko nie mehr eingehen willst, weil du dich nicht erneut verletzen willst. Dann kommt aber diese Leidenschaft zurück. Dieses Feuer ist stärker als all die Leiden der letzten beiden Jahre. MotoGP ist mein Treibstoff. Ich will dieses Adrenalin wieder spüren."

Marc Marquez will nicht ohne MotoGP leben -
Marc Marquez will nicht ohne MotoGP leben -Foto: Credit: gp-photo.de/Ronny Lekl

Marc Marquez: Kaum Erinnerungen an Indonesien-Highsider

Die Pressekonferenz am Donnerstag in Austin war Marquez' erster Medienterminen seit dem folgenschweren Sturz von Mandalika. Zum Crash selbst konnte er aber nur wenig Auskunft geben. "Ich kann mich nicht an viel erinnern. Das meiste weiß ich eigentlich aus den Videos, die ich gesehen habe", gestand Marquez. "Der Indonesien-Grand-Prix war generell eines der härtesten Wochenende meiner Karriere. Ich bin zu oft gestürzt und habe teilweise auch nicht verstanden, wieso ich gestürzt bin - vor allem bei dem Crash im Warm Up. Ich hatte einen neuen Hinterreifen aufgezogen und dann ist mir dieser Highsider passiert. Zuvor hatten wir etwas am Setup verändert, aber ich hatte nicht erwartet, an dieser Stelle zu stürzen. Es war der schlechtest mögliche Ort."