Von seinem MotoGP-Debüt 2013 bis zum Ende der Saison 2019 war Marc Marquez' Karriere ein einziger großer Erfolgslauf. Er gewann sechs von sieben möglichen Weltmeistertiteln, holte 56 von 127 Rennsiegen und raste von einem Rekord zum nächsten. Am 19. Juli 2020 fand Marquez' Triumphzug aber ein plötzliches Ende.

Nach einem frühen Fehler im ersten Rennen der Corona-Saison startete er eine sensationelle Aufholjagd, schoss dabei aber über das Ziel hinaus und wurde mit einem heftigen Highsider von seiner Honda geworfen. Marquez brach sich den rechten Oberarm und versuchte eine Woche später ein völlig verfrühtes Comeback. Die Folgen sind bekannt: Die Fraktur war nicht ansatzweise verheilt, die Metallimplantate im Oberarm lösten sich, es kam zu einer bakteriellen Infektion, Marquez musste zwei weitere Male operiert werden und fiel für die gesamte Saison 2020 aus.

Marquez zahlte für das verfrühte Comeback einen hohen Preis -
Marquez zahlte für das verfrühte Comeback einen hohen Preis -Foto: MotoGP.com

Marquez hatte mit weit über einhundert MotoGP-Stürzen schon in den Jahren zuvor Raubbau an seinem Körper betrieben. Er musste an beiden Schultern operiert werden. Die Gelenke waren durch die vielen Crashes bereits völlig verschlissen. Auf Marquez' sportliche Leistungen wirkte sich das aber kaum aus. Er verpasste bis zum zweiten Jerez-Grand-Prix 2020 nie ein MotoGP-Rennen.

Eine Statistik, die sich in der Folge dramatisch zum Schlechteren verändern sollte. Denn seit seinem Oberarmbruch stand Marquez nur in 19 der folgenden 34 Rennen am Start. Als er nach der langen Zwangspause 2020 gerade wieder auf die Erfolgsspur zurückgefunden hatte, folgte der nächste Rückschlag. Er zog sich im Oktober des Vorjahres beim Enduro-Training eine Augenverletzung zu und litt monatelang an Doppelsichtigkeit. Gerade rechtzeitig zu den ersten Wintertestfahrten 2022 wurde Marquez wieder fit, nur um sich kurz darauf in Indonesien bei einem brutalen Highsider erneut am Auge zu verletzten. Dieser Sturz brachte Marquez um die Teilnahme an den Rennen in Mandalika und am vergangenen Wochenende in Termas de Rio Hondo.

Marc Marquez erneut verletzt: Alle Infos zum MotoGP-Drama: (06:15 Min.)

Marc Marquez - dieser Name steht seit einem Jahrzehnt für ultimatives Risiko auf zwei Rädern. Lange Zeit war diese Formel höchst erfolgreich, aber die Zeiten ändern sich. Marquez feiert im kommenden Winter seinen 30. Geburtstag, zählt mittlerweile zu den ältesten Fahrern der MotoGP. Die Zeit steht für niemanden still, auch nicht für Marc Marquez. Im Motorradrennsport geht es seit jeher auch darum, sich an die Gegebenheiten anzupassen. Das betrifft die Streckenverhältnisse, die Gegner, das Motorrad - nicht zuletzt aber auch den eigenen Körper.

Muss Marc Marquez also seine Hochrisikostrategie verwerfen und darauf hoffen, auch mit minimal angezogener Bremse erfolgreich zu sein? "Vielleicht braucht es einen anderen Zugang", überlegt auch Honda-Teamchef Alberto Puig im Gespräch mit 'DAZN'. "Wir dürfen aber nicht vergessen: Marc ist Marc. Er hat aufgrund seiner Herangehensweise acht Weltmeistertitel gewonnen. Ich weiß nicht, ob er sich ändern sollte. Ich weiß aber, dass sich Menschen im Normalfall nicht ändern. Deswegen ist es wohl nicht die Lösung, ihn völlig umkrempeln zu wollen."

In vielen Rennfahrern findet nach schweren Verletzungen ein automatisches Umdenken statt. Eine Selbstschutzmaßnahme des Körpers in gewisser Weise. Eine Eigenschaft, die Puig bei Marquez nicht erkennt: "Ich habe noch nie einen Fahrer wie ihn erlebt. Sobald du Angst hast, ist es vorbei. Nach all dem was Marc durchmachen musste, habe ich ihn aber nie verängstigt gesehen."