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MotoGP-Analyse: Francesco Bagnaia zeigt in Aragon Meisterstück

Ein irres Duell zwischen Marc Marquez und Francesco Bagnaia sorgt für das schnellste Aragon-Rennen der Geschichte. Die große MotoGP-Analyse.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Die MotoGP hat ein neues Siegergesicht: Francesco Bagnaia. Nach vier zweiten Plätzen und mehreren Ausfällen in Führung liegend, war am Sonntag in Aragon endlich die Zeit des 24-jährigen Italieners gekommen. In einem spannenden Duell wehrte er sieben Angriffe von Marc Marquez ab und stieg zum ersten Mal in der Königsklasse auf das oberste Treppchen. Das Rennen in der Analyse:

Bagnaia seit FP1 souverän

Valentino Rossi lobte Bagnaia unmittelbar nach dem Grand Prix: "Hier war er bereits ab Freitag eine Klasse für sich. Ich habe ihm gestern bereits gesagt: Das ist dein Moment, um zu gewinnen." Tatsächlich war der Italiener in Aragon von Beginn an auf Tempo: 3. und 6. am Freitag, 4. und 3. in den Trainings am Samstag, bevor er im Qualifying in neuer Rekordzeit zur Pole Position raste und am Sonntag im Warm-Up eine weitere Bestzeit folgen ließ.

Ergebnisse von Bagnaia & Marc Marquez

Session BagnaiaM.Marquez
1. Training 3.1.
2. Training6.20. (Crash)
3. Training 4.8. (Crash)
4. Training 3.1.
Qualifying1.4.
Warm-Up 1.10.

In jeder Session unter die Top-6 schaffte es aus dem gesamten MotoGP-Feld nur noch Teamkollege Jack Miller, der auf P2 hinter Bagnaia in das Rennen startete. Dass nicht Miller, sondern Marc Marquez zum großen Gegner in Aragon aufsteigen sollte, war nach den Sessions nicht absehbar. Er hatte zwar im 1. Training komplett dominiert und das für die Rennabstimmung wichtige FP4 für sich entschieden, war in FP2 und FP3 aber auch jeweils einmal zu Boden gegangen.

Schneller Beginn

Ein Reifenpoker blieb diesmal aus. Alle 22 Fahrer wählten den Soft-Reifen am Hinterrad und bis auf Johann Zarco (Medium) waren alle vorne auf dem Hard unterwegs. Mit ebenbürtigen Waffen gab es somit kein Taktieren zu Beginn, sondern volles Tempo ab der ersten Runde. In dieser sortierte sich das Feld bereits für das spätere Endergebnis vor: Bagnaia übernahm die Führung vor Marquez.

Die zehn schnellsten Runden dieses Rennens wurden allesamt zwischen dem dritten und sechsten Umlauf erzielt. Die beste Rundenzeit erzielte dabei Marc Marquez in Lap 6 mit 1:48,139 Sekunden. Am Rennrundenrekord von Franco Morbidelli aus dem Vorjahr schrammte er damit nur um fünf Hundertstel vorbei.

Die schnellsten 10 Rundenzeiten im Rennen:

P Fahrer Zeit Runde
1. Marc Marquez 1:48,139 Lap 6
2. Francesco Bagnaia 1:48,333 Lap 6
3. Jack Miller 1:48,349 Lap 3
4. Francesco Bagnaia 1:48,359 Lap 5
5. Aleix Espargaro 1:48,440 Lap 5
6. Jack Miller 1:48,450 Lap 6
7. Marc Marquez 1:48,454 Lap 3
8. Jack Miller 1:48,488 Lap 5
Marc Marquez 1:48,488 Lap 5
10. Joan Mir 1:48,492 Lap 5

Bei einer Asphalttemperatur von 48 Grad und auf dem weichen Hinterreifen durfte man am Sonntag somit nicht lange fackeln. Am Ende der 6. Runde waren die Top-6 nur durch exakt 2,0 Sekunden getrennt, während Enea Bastianini als 10. bereits 4,7 Sekunden und Johann Zarco als 15. sogar 7,9 Sekunden verloren hatte. Ab Lap 7 begannen die Rundenzeiten bei fast allen Fahrern zu steigen.

Bagnaia und Marquez in eigener Liga

Ab diesem Zeitpunkt wurde der Aragon-GP zu einem Ausscheidungsrennen, in dem letztlich kein Fahrer das Tempo von Bagnaia und Marquez mitgehen konnte. Ab Lap 7 büßte Miller bis zum Zieleinlauf in jedem Umlauf Zeit auf die beiden Führenden ein und verlor nach einem Fehler in Runde 11 seinen Podestplatz. Im Anschluss konnte der Australier nicht einmal mehr Anschluss an Aleix Espargaro und Mir halten.

Espargaro hingegen stand nur eine Runde lang auf dem Podium, ehe er in Lap 12 hinter Mir zurückfiel, mit dem er noch sieben Runden mithalten konnte, ehe auch seine Rundenzeiten in den letzten vier Umläufen über 1:49,5 kletterten. Mir hingegen legte ein starkes Finish hin und er holte in den letzten acht Runden sogar sechs Zehntel auf Bagnaia und über eine Sekunde auf Marquez auf.

Das Duell um den Sieg

Ein Grund dafür war das direkte Duell um den Sieg in den letzten drei Runden, das auch die Rundenzeiten von Bagnaia und Marquez über 1:49 Minuten klettern ließ. Bis zur 20. Runde hatte das Duo als einzige im Feld konstant 1:48er-Zeiten gehalten. Dank der Attacken von Marquez und der Verteidigungsmanöver von Bagnaia war das in den drei Finalumläufen nicht mehr möglich.

Als ein letzter Versuch mit der Brechstange in Turn 12 scheiterte, war das Rennen zugunsten von Bagnaia entschieden. Im Ziel wies der italienische Ducati-Fahrer eine Zeit von 41:44,422 Minuten auf - das ist die schnellste je in Aragon absolvierte Rennzeit und um zehn bzw. drei Sekunden schneller als die Siegerzeit aus den beiden Läufen im Vorjahr.

Bastianini hui, Quartararo pfui

Freud und Leid waren im vorderen Mittelfeld des MotoGP-Klassements nur durch 1,8 Sekunden getrennt. Denn während WM-Leader Fabio Quartararo mit Rang 8 sein zweitschlechtestes Ergebnis der laufenden Saison holte, durfte sich Enea Bastianini auf Platz 6 über das beste MotoGP-Ergebnis seiner Karriere freuen.

MotoGP: Deshalb ging Fabio Quartararo in Aragon unter: (11:05 Min.)

Bei Quartararo ging in Aragon gar nichts. Er blieb nur in den Runden 3 bis 5 unter 1:49 und verlor binnen 23 Runden auf den Drittplatzierten Mir 12,6 Sekunden. Dabei baute seine Performance mit einem Leistungsabfall von 1,3 Sekunden Unterschied zwischen schnellster und zweitlangsamster fliegender Runde keineswegs deutlicher ab als jene der Piloten vor ihm.

So kam Aleix Espargaro etwa auf einen Abfall von 1,7 Sekunden und Miller auf 1,8 Sekunden. Selbst Bagnaia (1,0 Sek.) und Marquez (1,2 Sek.) hatten nur gering bessere Werte als Quartararo. Der Franzose war an diesem Tag einfach nicht schnell genug. Einen Schuldigen hatte er sofort nach dem Rennen parat: Michelin.

"Im Rennen hat mein Hinterreifen vom Start weg nicht richtig funktioniert. Deshalb bin ich nach und nach zurückgefallen. Ich weiß nicht was passiert ist, aber es hat sich angefühlt, als hätte der Reifen schon am Start 15 Runden absolviert", gab der WM-Leader zu Protokoll.

Ganz anders Bastianini, der seinen 6. Platz wie einen Sieg mit Italien-Fahne in der Hand und frenetischem Jubel an der Box feierte. Der Italiener war in den letzten beiden Runden sogar der schnellste Mann im gesamten Feld und fuhr zu diesem Zeitpunkt Zeiten von 1:49,2 Minuten. Damit nahm er Miller und Espargaro zweieinhalb Sekunden ab. Das Fenster zwischen schnellster und zweitlangsamster fliegender Runde betrug bei Bastianini nur 0,9 Sekunden. Einzig Joan Mir (0,75 Sek.) war im vorderen Feld noch konstanter unterwegs.

Fazit: Bagnaia als letzte Hoffnung

Francesco Bagnaia hat sich seinen ersten Sieg redlich verdient und hart erkämpft. Für die Spannung in der WM-Wertung ist zu hoffen, dass dieser Erfolg eine Initialzündung für ein starkes Saisonfinish des Italieners ist. Zwei der nächsten drei Rennen finden in Misano statt. Einer Strecke, die er durch die VR46 Academy wie seine Westentasche kennt und auf der im Vorjahr seinen ersten MotoGP-Podestplatz holte und im zweiten Rennen in Führung ausfiel.

Mit 53 Punkten Rückstand ist Bagnaia nicht nur Fabio Quartararos erster Verfolger, sondern wohl der einzig verbliebene Konkurrent im Titelkampf. Weltmeister Joan Mir liegt zwar nur vier Punkte hinter Bagnaia, landete in der laufenden Saison aber nur einmal auf einem der vordersten beiden Ränge und würde schleunigst Big Points benötigen. Nicht gerade die Stärke des Mannes, der im Vorjahr mit nur einem Sieg den Titel holte.

Johann Zarco ist hingegen aus dem WM-Rennen. Mit 77 Punkten Rückstand und mit einer Serie von drei Monaten ohne Podest, wird er Quartararo 2021 nicht mehr einholen können. Für den WM-Leader geht es nun ans Eingemachte. Von den letzten drei Rennen gingen zwei in die Hose, noch ist sein Vorsprung mit 53 Punkten aber groß. Im Schnitt darf er in den letzten fünf Läufen 10,6 Punkte auf Bagnaia verlieren. Fünf dritte Plätze würden damit in jedem Fall reichen.

Für Marc Marquez war Aragon trotz des verlorenen Kampfes um den Sieg ein positives Signal. Platz zwei ist sein zweitbestes Ergebnis der laufenden MotoGP-Saison, womit er bewies, dass er seinen Biss keineswegs verloren hat. Einige Crashes verhinderten, dass er in der WM-Wertung noch besser dasteht. Die klare Nummer eins bei Honda ist er bereits wieder. Mit Austin wartet noch eine weitere seiner Paradestrecken auf Marquez.


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