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MotoGP-Analyse: Genie und Wahnsinn in Le Mans

In Le Mans waren Mut und die richtige Strategie gefragt. Nur die absolute Elite bewies auf nasser Piste einen kühlen Kopf. Die MotoGP-Analyse.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Den MotoGP-Fans wurde in Le Mans ein chaotischer Leckerbissen der Extraklasse serviert. Im ersten Flag-to-Flag-Rennen seit Brünn 2017 lagen vier verschiedene Piloten in Führung, während es nicht weniger als sieben Stürze gab. Beim Bike-Wechsel kam es zu turbulenten Szenen, die insgesamt drei Strafen nach sich zogen.

Flag-to-Flag-Schlacht von Le Mans aus Sicht der MotoGP-Fahrer: (09:20 Min.)

Marc Marquez glänzte zwischenzeitlich, am Ende eroberte aber Jack Miller seinen zweiten Sieg in Folge und Fabio Quartararo die WM-Führung. Der irre Frankreich-GP in der Analyse.

Start: Sprint ins Ungewisse

Das Rennen wurde auf Slicks gestartet, doch im Grid sah man bereits die dunklen Wolken in Richtung der Strecke ziehen. Fabio Quartararo konnte seine Pole Position nicht lange verteidigen, weshalb er am Ende der ersten Runde nur auf dem 3. Rang hinter Leader Jack Miller und Maverick Vinales lag. Die Startaufstellung wurde in der Startrunde ordentlich durcheinander gewirbelt.

Gewinner & Verlierer der 1. Runde

GewinnerP+ VerliererP-
Alex Rins+9 Franco Morbidelli-18
Iker Lecuona+6 Luca Marini-5
Aleix Espargaro+6 Johann Zarco-5
Joan Mir+5 Valentino Rossi-4

Alex Rins konnte sich um neun Plätze verbessern und mischte plötzlich vorne mit, während etwa Johann Zarco oder Luca Marini fünf Ränge einbüßten und der nur von P16 gestartete WM-Leader Francesco Bagnaia zwei weitere Plätze verlor. Für die erste heikle Szene sorgte Pol Espargaro, der aus Turn 10 heraus beinahe highsidete und in der nächsten Kurve mit Franco Morbidelli die Linie kreuzte, sodass der Italiener in den Kies musste, wo er stürzte, und der nachkommende Valentino Rossi auch einige Plätze verlor. Da Morbidelli später weiterfahren konnte, war er mit -18 Plätzen der größte Verlierer der ersten Runde.

Das Wetter wurde rasch schlechter, sodass bereits Quartararos 1:33,048 Minuten aus dem zweiten Umlauf bis zum Ende die schnellste Rennrunde bleiben sollte. Vinales löste an der Spitze Miller ab, der aber in der 4. Runde wieder die Führung übernahm. Lap 4 war die letzte volle Runde, die auf Slicks absolviert wurde und an der Spitze hatte sich ein Quartett aus Miller, Quartararo, Rins und Marquez vom Rest des Feldes abgesetzt.

Stand nach der 4. Runde

PFahrer BikeRückstand
1.Miller Ducati
2.Quartararo Yamaha+0,187 Sek.
3.Rins Suzuki+0,498
4.M.Marquez Honda+0,911
5.Vinales Yamaha+3,610

Marquez zeigt sein Genie

Als die Bedingungen in der 5. Runde immer schwieriger wurden, trennte sich die Spreu vom Weizen. Alle Fahrer kamen am Ende dieses Umlaufs an die Box, um sich das Regen-Bike abzuholen. Einige bewegten sich dabei aber wie auf rohen Eiern. Joan Mir etwa flog zu diesem Zeitpunkt ab, während Jack Miller durch die Auslaufzone musste und seine Führung verlor.

Souverän blieb hingegen Marc Marquez, der die schnellste Inlap im gesamten Feld fuhr und in der Boxengasse zu Leader Quartararo aufgeschlossen hatte. Da dem Franzosen beim Wechsel ein Fehler unterlief (er steuerte die Vinales-Box an), lag Marquez am Ende der Pitlane in Führung.

Prompt zog er die Zügel an und zeigte die zweitschnellste Outlap aller Fahrer (nur Miller war noch schneller). Mit zwei perfekten Runden unter schwierigen Bedingungen und einem perfekten Wechsel nahm Marquez nur in den Laps 5 und 6 dem Großteil des Feldes 12 Sekunden und mehr ab. Nur Quartararo und Miller konnten in dieser Phase einigermaßen mithalten.

Rennen Lap 5-6

PFahrer BikeRückstand
1.M.Marquez Honda
2.Quartararo Yamaha+1,802 Sek.
3.Miller Ducati+7,226
4.Nakagami Honda+12,862
5.A.Marquez Honda+12,910

Vor allem die MotoGP-Youngsters mussten in dieser Phase Federn lassen: Iker Lecuona verlor binnen zwei Runden 33,4 Sekunden auf Marquez, Enea Bastianini sogar 39,8 und Luca Marini immerhin 22,3 Sekunden.

Miller gibt Gas

Jack Miller zeigte sein Potenzial bereits auf Slicks, auf den Regenreifen war er unmittelbar nach dem Wechsel für mehrere Runden der schnellste Mann im Feld. Von Lap 6 bis Lap 8 fuhr er dreimal in Folge die beste Einzelzeit im gesamten Feld. Der Rückstand von 6,3 Sekunden am Ende der Outlap war bis zur 8. Runde auf 0,7 Sekunden geschmolzen. Marc Marquez hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits von der Spitze verabschiedet, da er in Führung liegend in Lap 8 gestürzt war.

Dass Miller nicht schon in der 9. Runde die Führung übernahm, war einer Strafe zu verdanken. Der Australier hatte das Tempolimit an der Boxeneinfahrt missachtet und dafür eine doppelte Long-Lap-Penalty bekommen - genauso wie sein Teamkollege Francesco Bagnaia.

Beide Ducatisti büßten ihre Strafen in der 9. und 10. Runde ab, wobei Miller dabei deutlich mehr Risiko nahm als Bagnaia. Den Australier kostete die Penalty rund 3,8 Sekunden (verglichen mit der entsprechenden Sektorzeit in der freien Runde vor und nach der Strafe), während Bagnaia ca. fünf Sekunden verlor.

Kurios: In der 10. Runde war Miller trotz seiner Strafe schneller als Quartararo, dem er in der 12. Runde schließlich die Führung entreißen konnte. Der Franzose konnte nicht kontern, da er selbst in diesem Umlauf eine Strafe abbüßen musste (für das Anfahren der Vinales-Box) und am Ende von Lap 12 bereits vier Sekunden hinter Miller lag. Bagnaia erwischte es schlimmer: Der WM-Leader fiel durch seine Strafen vom 10. auf den 13. Rang zurück.

Marquez mit Zwischensprint

Miller konnte seinen Vorsprung ab Mitte des Rennens verwalten, da von seinen unmittelbaren Verfolgern keine Gefahr ausging. Zum schnellsten Fahrer im gesamten Feld avancierte Marc Marquez, der von Lap 12 bis Lap 15 viermal in Folge der schnellste Mann war und sich Lecuona, Marini und Binder schnappte. In Lap 18 übertrieb es Marquez aber, stürzte zum zweiten Mal (diesmal auf P11) und gab frustriert auf.

Bis zum Rennende gaben die Ducatisti Johann Zarco und Francesco Bagnaia nun den Ton an und pflügten sich dabei durch das halbe Feld. Der Franzose war in den Runden 16 bis 23 sechsmal der schnellste Mann, während Bagnaia in Lap 20 und den letzten vier Umläufen die jeweilige Bestzeit fuhr.

Schnellste Zeit in jeder der 27 Runden

Fahrer BestzeitenIn Runde
M.Marquez 6Lap 4-5, 12-15
Zarco 6Lap 16-19, 22-23
Bagnaia 5Lap 20, 24-27
Miller 4Lap 1, 6-8
Oliveira 2Lap 10-11
Lecuona 1Lap 21
A.Espargaro 1Lap 9
Rins 1Lap 3
Quartararo 1Lap 2

Ducati dominiert am Ende

Ducatis Dominanz kam vor allem durch die richtige Reifenwahl. Zarco und Bagnaia hatten sich vorne und hinten für den Medium-Regenreifen entschieden, was sich als goldrichtig erwies. Das bewies auch die Performance der Tech3-KTM von Danilo Petrucci und Iker Lecuona, die auf die gleichen Michelins setzten. Wertet man nur das Rennen ab der 7. Runde (der ersten fliegenden Runde auf Regenreifen), so findet sich in den Top-5 viermal die Kombi Medium-Medium. Einzig Sieger Miller setzte auf Medium vorne und Soft hinten, war damit aber deutlich langsamer als Zarco und nur knapp schneller als Bagnaia.

Rennen Lap 7-27 (Ziel)

PFahrer BikeRückstand
1.Zarco Ducati
2.Miller Ducati+9,415
3.Bagnaia Ducati+9,542
4.Petrucci KTM+13,037
5.Lecuona KTM+16,634
...
7.Morbidelli* Yamaha+19,811
9.Quartararo Yamaha+29,120
12.Vinales Yamaha+35,033
13.Rossi Yamaha+35,378

*aufgrund seiner 4 Runden Rückstand zählen bei Morbidelli die Runden 3 bis 23

Yamaha verpokerte sich bei der Reifenwahl und setzte bei Vinales, Rossi und Morbidelli auf Soft-Soft sowie bei Quartararo auf den Medium hinten und den weichen Vorderreifen. Vinales und Rossi konnten damit in den 21 Runden auf nasser bzw. auftrocknender Strecke nur drei Gegner hinter sich lassen: Marini, Binder und Rabat. Überraschend: Schnellste Yamaha der letzten 21 Runden war Franco Morbidelli. Der Gestürzte verlor nur 19,811 Sekunden auf Zarco und war damit sogar um fast zehn Sekunden schneller als Quartararo, der aber bereits in den ersten sechs Runden den Grundstein zu seinem Podestplatz gelegt hatte.

Fazit: Genie und Wahnsinn

Zwei Runden brachten die Vorentscheidung im MotoGP-Rennen von Le Mans. Die In- und Outlap in der 5. und 6. Runde waren der Trumpf von Jack Miller und Fabio Quartararo im Poker um die Podestplätze. Marc Marquez war in dieser Phase am stärksten, wandelte aber an diesem Sonntag zu sehr zwischen Genie und Wahnsinn. Am Ende stand er deshalb trotz starker Performance mit leeren Händen da. Doch Le Mans war das bislang größte Ausrufezeichen seit seinem Comeback.

In den Reihen von Ducati erwischte man die richtige Reifenwahl, was Zarco und Bagnaia bei auftrocknender Strecke (und abbauenden Pneus) nach vorne brachte. Beide mischen nach wie vor in der WM-Wertung vorne mit, wo nach dem zweiten Sieg in Folge nun auch Jack Miller endlich eine Rolle spielt.


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