Einige Tage sind mittlerweile seit der Kollision zwischen Valentino Rossi und Marc Marquez vergangen, doch die kontroversielle Szene beschäftigt die MotoGP nach wie vor. Egal ob andere aktive Piloten, ehemalige Fahrer oder Teammitglieder - jeder hat seine Meinung zu den dramatischen letzten Metern der diesjährigen Dutch TT. Motorsport-Magazin.com hat die Stimmen aus dem MotoGP-Paddock für euch gesammelt:

Die Konkurrenz

Von den anderen Fahrern der MotoGP-Klasse ließen sich nur ganz wenige zu einem Statement überreden. Jorge Lorenzo etwa war am Renntag nicht bereit, seine Einschätzung zu dem Vorfall abzugeben. Einige Tage später, nachdem Lorenzo das Manöver auch mehrmals auf Video sehen konnte, hatte er sich eine Meinung gebildet. "Es stimmt schon, dass es eigentlich nicht sein kann, dass man durch den Kies schneller fährt als das normal der Fall wäre", gab er Marquez im Gespräch mit der offiziellen Seite der MotoGP Recht.

Der Weltmeister hatte sich ja über die Abkürzung Rossi geärgert. Lorenzo relativierte seien Aussage aber: "Der Kontakt zwischen Marc und Vale war schon sehr heftig. Vale ist als Erster in die Schikane eingefahren, also hat er meiner Meinung nach dieses Mal auch den Sieg verdient." So schlug sich Lorenzo also doch auf die Seite seines Teamkollegen, obwohl der so in der Weltmeisterschaft seinen Vorsprung um fünf Punkte mehr ausbauen konnte.

Lorenzo konnte Rossi in Assen nur zum Sieg gratulieren -
Lorenzo konnte Rossi in Assen nur zum Sieg gratulieren -Foto: Yamaha

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt auch Pol Espargaro, der zu Moto2-Zeiten oft selbst gegen Marquez kämpfte. "Wenn Marc ihn nicht berührt hätte, dann wäre Valentino nicht geradeaus gefahren", ist der Tech3-Pilot überzeugt. "Was hätte Vale denn machen sollen? Marquez musste nach dem Kontakt auch außerhalb des Kerbs, weil er so spät gebremst hat. Natürlich kann man sagen, dass Valentino das Gas aufgemacht hat um durch den Kies zu kommen, aber das ist ja nur gerechtfertigt."

Die Legenden

Holt Valentino Rossi in diesem Jahr seinen achten Titel in der Königsklasse, würde er mit Rekordhalter Giacomo Agostini gleichziehen. Dieser ist der Meinung, dass in der letzten Schikane sowohl Rossi als auch Marquez Fehler gemacht haben. "Ich denke, dass Valentino nicht einfach die Schikane abkürzen darf. Gleichzeitig darf ihn Marc aber auch nicht von der Strecke drängen. Wenn ich die Rennleitung wäre, würde ich also das Rennen quasi vor dem Manöver stoppen und sehen, wer da vorne gelegen ist. In diesem Fall war es Valentino, also ist er der Sieger", so der Italiener.

Agostini schlägt sich ebenfalls auf die Seite von Rossi -
Agostini schlägt sich ebenfalls auf die Seite von Rossi -Foto: Yamaha

Phil Read beendete einst nach sieben Titeln in Serie den Siegeslauf von Agostini und krönte sich 1973 und 1974 zum Weltmeister in der Klasse bis 500ccm. Der 'Prince of Speed', wie ihn seine Fans ehrfürchtig nennen, ist voll des Lobes für die Abgebrühtheit Rossis. "Er hat das sehr clever gemacht", stellt Read fest. "Marc hat ihn von der Strecke gedrängt, aber Valentino hat das sofort realisiert, das Bike aufgerichtet, ist über den Kerb gesprungen, hat dann das Gas wieder aufgemacht und so am Ende mit 50 Metern Vorsprung gewonnen. Das war brillant! Marc hat ihn dazu gezwungen, neben der Strecke zu fahren und er konnte einen Vorteil daraus ziehen."

Freddie Spencer, bis zu Marc Marquez' erstem MotoGP-Titel jüngster Champion in der Geschichte der Königsklasse, fand auch für die Leistung des spanischen Youngsters lobende Worte: "Valentino hat das Rennen gewonnen und war über die gesamte Distanz auch der stärkste Fahrer an diesem Tag, aber Marc hat auch einen super Job gemacht. Er hat alles versucht, konnte am Ende den Rückstand aufholen, aber Valentino nicht mehr überholen. Für ihn war es nach den schweren Rennen zuletzt dennoch ein tolles Comeback. Er ist ein sehr gutes Rennen gefahren.

Freddie Spencer lobte beide Piloten -
Freddie Spencer lobte beide Piloten -Foto: Milagro

Die Teamverantwortlichen

Oft sind es nach derartigen Aktionen wie in Assen nicht die beteiligten Fahrer, sondern die Teams im Hintergrund, die für Streitigkeiten sorgen. Auch dieses Mal forderte Marquez' Repsol-Honda-Team eine Bestrafung für Rossi, blitzte damit aber bei der Rennleitung ab. "Wir akzeptieren die Entscheidung der Rennleitung", erklärte Teamchef Livio Suppo. Er selbst sah die Schuld an der Niederlage seines Schützlings in diesem Duell ohnehin auch bei Marquez selbst: "Den Sieg hat ihn meiner Meinung nach der ein Fehler wenige Runden vor Schluss gekostet, als er in der Schikane etwas neben der Strecke war und den Anschluss zu Valentino verloren hat. Er hat zwar in der letzten Runde mit einer unglaublichen Leistung noch 0,4 Sekunden aufgeholt, aber Valentino ist da auch großartig gefahren. Sie haben beide einen herausragenden Job gemacht."

Die Teamführung bei Yamaha verteidigte klarerweise das Verhalten Rossis in der letzten Schikane. Teamdirektor Massimo Meregalli ist der Meinung, sein Pilot hätte keine andere Wahl gehabt. "Marc konnte Valentino nicht normal überholen und als es zur Berührung kam musste Valentino sein Bike aufrichten und geradeausfahren", schilderte er seinen Standpunkt.

Teammanager Wilco Zeelenberg sah die Situation ganz ähnlich: "Valentino hat spät gebremst, war am Kurveneingang aber auf einer normalen Linie. Als Marc dann aber innen angekommen ist und einen Rutscher hatte, war für Valentino kein Platz mehr. Wäre er auf seiner Linie geblieben, wären wohl beide Fahrer am Boden gelandet. Seine einzige Chance war es also, die Schikane abzukürzen." Allzu groß sei der Vorteil dadurch ohnehin nicht gewesen. "Er hat vor Marc die Strecke verlassen und ist vor Marc wieder zurückgekommen. Wäre Marc vorne gewesen und Valentino hätte ihn mit einer Abkürzung überholt, wäre es etwas anderes gewesen", so der Ex-Pilot.