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Elektronik zieht den letzten Nerv - Bradl hat die Schnauze voll: Fühle mich verarscht!

Stefan Bradl schlittert 2015 von einem Debakel ins nächste. Nun reicht es ihm. Er stellt Elektronik-Hersteller Magneti Marelli öffentlich an den Pranger.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Nur ein mickriger Zähler nach fünf Saisonrennen, dafür heftige Stürze am laufenden Band. Bei Stefan Bradl läuft 2015 eindeutig vieles schief. Natürlich befindet sich der Zahlinger nach drei Jahren auf Honda im Team von Lucio Cecchinello noch immer etwas in der Gewöhnungsphase an sein neues Motorrad, die Open-Yamaha, und seinen jetzigen Rennstall Forward Racing. Für Bradl selbst liegt hier aber nicht das Hauptproblem. Seiner Meinung nach ist die Schuld viel mehr bei der in der Open-Klasse verpflichtenden Einheits-Elektronik des italienischen Herstellers Magneti Marelli zu suchen.

Für mich ist das eine Lachnummer. Wenn dann auch keine Entschuldigung kommt fühle ich mich einfach angelogen und verarscht.
Stefan Bradl

"Ich bin ehrlich gesagt absolut unzufrieden mit dem, was ich da fahren muss. Die Elektronik funktioniert einfach absolut nicht", schimpfte Bradl in Le Mans im Gespräch mit Eurosport munter drauf los. Und legte gleich nach: "Mich kotzt es wirklich an, dann ich das alles einstecken muss. Ich kann schon auch einstecken, aber irgendwann reicht es. Keiner von den Leuten bei Magneti Marelli weiß, wo die Probleme liegen. Für mich ist das eine Lachnummer. Wenn dann auch keine Entschuldigung kommt fühle ich mich einfach angelogen und verarscht."

Bradl fühlt sich im Stich gelassen - Foto: Forward Racing

So emotional hatte man den Deutschen bisher nur sehr selten gehört. Doch sein Ärger ist durchaus verständlich und auch berechtigt. Im Training zum Grand Prix von Spanien ging ein Sensor an seiner Yamaha kaputt. Ein Defekt, der passieren kann, allerdings muss dann im Normalfall eine Warnung auf dem Dashboard auftauchen. Das geschah in Bradls Fall nicht, die Folge war ein Sturz gleich auf seiner Outlap. "Wenn wie bei mir in Jerez ein Sensor der Traktionskontrolle ausfällt und das nicht einmal am Dashboard angezeigt wird, dann kann es dich ganz schlimm auf die Fresse hauen. So etwas konnte vielleicht vor zehn Jahren geschehen, aber 2015 darf das einfach nicht passieren", ärgert sich Bradl.

Ich lasse mir das nicht mehr lange gefallen.
Stefan Bradl

Seinem Team Forward Racing will der 25-Jährige hingegen keinerlei Schuld an der Misere geben. Bei seinen deutschen Landsleuten Dirk Debus und Tex Geissler, die für die Elektronik im Team verantwortlich zeichnen und wohl oder übel mit dem System von Magneti Marelli arbeiten müssen, fühlt er sich gut aufgehoben. "Dirk und Tex hängen den ganzen Tag vor dem Computer herum und suchen sich zu Tode, um die Fehler zu finden", lobt er den Arbeitseifer seiner Crew. Den Leuten bei Magneti Marelli sagt er nun aber endgültig den Kampf an: "Ich lasse mir das nicht mehr lange gefallen."

Nummer-zwei-Status droht

Bradl wird Fortschritte im Bereich der Elektronik dringend brauchen, will er nicht schon innerhalb seines Rennstall zur Nummer zwei verkommen. Der Moto2-Weltmeister von 2011 ging als klarer Teamleader in die Saison, verfügte er doch im Gegensatz zu seinem Kollegen Loris Baz, der als Quereinsteiger aus der Superbike-Weltmeisterschaft in die MotoGP kam, bereits über drei Jahre Erfahrung in der Königsklasse. Nach den ersten fünf Saisonrennen hält der Franzose nun aber bereits bei sechs Zählern, während Bradl wie bereits erwähnt erst einen einzigen Punkt einfahren konnte. Bei seinem Heimspiel am vergangenen Wochenende in Le Mans wurde Baz guter Zwölfter, Bradl stürzte einmal mehr aus dem Rennen.

Auch der Frankreich-GP endete für Bradl im Kies - Foto: Milagro

Fünf Zähler Vorsprung hat Baz also nun bereits auf Bradl. Ein Abstand, der in der Saison 2015 für Open-Piloten nicht leicht aufzuholen ist, sind für den Fall, dass keine Ausfälle passieren, die ersten 14 Plätze doch praktisch für die Factory-Bikes von Yamaha, Honda, Ducati und Suzuki reserviert. Außerdem wird Aprilia mit Alvaro Bautista immer stärker. Eine teaminterne Niederlage am Ende der Saison wäre für Bradl, der vor Saisonbeginn selbst den Open-Titel als Ziel ausgab, die ultimative Demütigung. Im schlimmsten Fall, könnte 2015 dann sogar das vorerst letzte Jahr für ihn in der Königsklasse gewesen sein.


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