Formel 1 / Hintergrund

Wenn es Nacht wird in Budapest... - Ungarn: Die sieben S

... wünschen alle Felipe Massa gute und schnelle Genesung.
von Stephan Heublein

1. - S wie Sicherheit

"Das Wichtigste ist, dass es Felipe Massa den Umständen entsprechend gut geht." Dieser Satz war am Samstag von jedem im F1-Paddock am Hungaroring zu vernehmen. Vorausgegangen waren die Schlusssekunden des zweiten Qualifyings. Felipe Massa wird von einer Feder am Helm getroffen, die aus der Hinterradaufhängung von Rubens Barrichellos Brawn GP Boliden wegfliegt. Massa fährt danach geradeaus in die Reifenstapel und muss mit dem Rettungshubschrauber ins AEK Klinikum in Budapest gebracht werden.

Der Brasilianer wurde von den Ärzten operiert, wobei ihm ein angeblich Fingernagel großer Splitter entfernt wurde. Offiziell gibt sein Ferrari Team eine Gehirnerschütterung, eine Schnittwunde an der Stirn und eben jene Knochenabsplitterung über der linken Augenbraue als Verletzungen an. Massa wurde von den Ärzten zur besseren Heilung in ein künstliches Koma versetzt, aus dem er am Sonntagvormittag erweckt werden soll. Laut den Mediziniern bestehe kein Anlass zu Bedenken wegen Massas Auge oder neurologischen Auffälligkeiten.

2. - S wie Startaufstellung

"Auf welchem Platz bin ich? Wo startest Du?" Fernando Alonso war nach dem Ende des Qualifyings genauso ratlos wie seine Fahrerkollegen. Ausgerechnet im entscheidenden Moment versagte die Zeitnahme in der ansonsten so perfekt organisierten F1-Welt. "Das ist ein Desaster", schimpfte Martin Whitmarsh. Nach Minuten der Ungewissheit stand fest: Fernando Alonso hatte die Pole Position vor Sebastian Vettel und Mark Webber, der bereits bei den Fernsehinterviews war und hurtig von dort zum Pole-Foto zurückgezerrt wurde.

"Wir haben einen Fortschritt erzielt und das Auto in den letzten zwei Rennen verbessert, aber wir sind nicht so schnell wie die Red Bull", stellte Alonso nach seiner Pole klar. "Wir wollen gute Punkte mitnehmen." Klar werde man versuchen, das Rennen zu gewinnen, "aber ehrlich gesagt, ist es realistisch, ein paar Punkte mitzunehmen".

3. - S wie Start

Lewis Hamilton möchte wieder zum Start-Spielverderber werden. - Foto: Sutton

Um 14:00 Uhr richten sich alle Augen auf den Weg zur und in die erste Kurve. "Lewis Hamilton wird alles durcheinander bringen", ist Christian Danner überzeugt. "Die größte Gefahr droht uns von hinten mit den KERS-Autos", bestätigt Sebastian Vettel, der in dieser Saison schon mehrmals hinter KERS-Autos festhing und so ein Rennen verlor. "Der Weg bis zur ersten Kurve ist nicht ganz so lang wie am Nürburgring, aber Vettel dürfte mit Hamilton sicher ein großes Problem haben", glaubt Marc Surer. "Hamilton kann Vettel das Rennen zerstören."

Der Brite hat aber eigentlich noch viel mehr vor: "Vor mir stehen einige Autos, an denen ich vorbei sausen möchte", kündigte Hamilton an. "Hoffentlich ist genügend Grip auf meiner Seite, es wäre fantastisch, wenn ich in der ersten Kurve führen würde." Am Nürburgring schaffte er das - bis er mit einem Reifenschaden zurückfiel. Norbert Haug hofft sogar auf eine silberne Doppelführung: "Hoffentlich können Lewis und Heikki es trotzdem wie am Nürburgring machen und im besten Fall drei respektive vier Plätze in der ersten Kurve gutmachen."

Ein Kinderspiel wird das trotz KERS nicht. "Die KERS-Autos stehen auf der schmutzigen Seite", betont Red Bull Motoreningenieur Fabrice Lom. "Das Einzige, was wir tun müssen, ist das KERS später zu aktivieren als normal", sieht Kovalainen darin kein Problem, sondern sogar einen Vorteil, denn dank KERS könne man die fehlende Traktion auf der schmutzigen Startseite wettmachen. "Der Weg zur ersten Kurve ist trotzdem weit." Jenson Button würde sich von Startplatz 8 darüber freuen, wenn die McLaren die Red Bull überholen könnten. "Wenn Lewis Hamilton vor die Red Bull kommt, würde uns das sehr helfen."

4. - S wie Schlüsselstellen

Der Hungaroring wird gerne mit Monaco verglichen. Dabei haben die beiden Strecken hauptsächlich die niedrige Durchschnittsgeschwindigkeit und das hohe Abtriebsniveau gemeinsam. Ansonsten ist der ungarische Kurs im Gegensatz zu Monaco eine permanente Rennstrecke mit ausreichend Auslaufzonen. Überholen ist aber auf beiden Kursen nahezu unmöglich.

"Der Startplatz ist hier sehr wichtig, da es sehr schwierig ist zu überholen", sagt Sebastian Vettel. "Klar, der Startplatz ist überall wichtig, aber hier besonders, da man nur in Kurve 1 überholen könnte, aber die Gerade dafür nicht lang genug ist und es in der Kurve nicht ausreichend Raum zum Ausbremsen gibt." So könne der Vordermann seine Position einfach verteidigen. Deshalb stehe die Position oft nach dem Start fest.

"Das Fahren auf dem Hungaroring ist anstrengend. Die Strecke hat mit ihren vielen Kurven etwas von einem Go-Kart-Kurs, nur auf der Start-Ziel-Geraden hat man Zeit zum Ausruhen", sagt Lewis Hamilton. "Der Belag bietet wenig Grip und neben der Ideallinie ist die Strecke ziemlich verschmutzt. Dadurch wird das Überholen schwierig. Konstantes und präzises Fahren wird hier belohnt; wenn man zu sehr attackiert, verliert man Zeit."

5. - S wie Strategie

Klar, der Startplatz ist überall wichtig, aber hier besonders, da man nur in Kurve 1 überholen könnte.
Sebastian Vettel

Die Zeitenmonitore spielten verrückt, doch als die Pole-Zeit von Fernando Alonso aufblitzte, war sofort klar: Der Renault ist leicht. Sogar sehr leicht, wie die Gewichtsliste der FIA beweist: Alonso ist mit 637,5 kg das Fliegengewicht im Feld. Von Vettel bis Räikkönen sind die Benzinmengen relativ ausgeglichen. Jenson Button hat jedoch ein paar Zusatzkilo an Bord. "Leider mussten wir am Auto arbeiten, wodurch ich nur einen Run fahren konnte und das mit viel Benzin; für vier Runden mehr, als wir geplant hatten", verriet er.

Alonso sucht den Angriff nach vorne. Marc Surer glaubt: "Eine Safety Car Phase zur richtigen Zeit und er bleibt vorne." Die Wahrscheinlichkeit dafür ist jedoch gering. In den letzten acht Rennen am Hungaroring gab es nur eine einzige SC-Phase. Die Boxenstrategie kann von einem bis zu drei Stopps schwanken. Bei einem Boxenstopp verliert ein Fahrer rund 20,5 Sekunden, was trotz der relativ kurzen Boxengasseneinfahrt Durchschnitt ist. Pro Runde verbraucht ein F1-Bolide am Hungaroring cirka 2,48 kg, was leicht über dem Durchschnitt für einen 5 Kilometer langen Kurs liegt.

Qualifying-Positionen und Gewichte

1. Alonso 637.5 kg (12. Runde)
2. Vettel 655.0 kg (21. Runde)
3. Webber 652.0 kg (19. Runde)
4. Hamilton 650.5 kg (18. Runde)
5. Rosberg 654.0 kg (20. Runde)
6. Kovalainen 655.5 kg (21. Runde)
7. Raikkonen 651.5 kg (19. Runde)
8. Button 664.5 kg (25. Runde)
9. Nakajima 658.0 kg (22. Runde)
10. Massa
11. Buemi 671.5 kg (28. Runde)
12. Trulli 671.3 kg (28. Runde)
13. Barrichello 689.0 kg (36. Runde)
14. Glock 679.2 kg (32. Runde)
15. Piquet 667.7 kg (26. Runde)
16. Heidfeld 658.0 kg (22. Runde)
17. Fisichella 680.5 kg (32. Runde)
18. Sutil 683.5 kg (34. Runde)
19. Kubica 666.0 kg (26. Runde)
20. Alguersuari 675.5 kg (30. Runde)

Die Angaben der ersten Boxenstopps basieren auf einer Hochrechnung von Motorsport-Magazin.com und sind ohne Gewähr.

6. - S wie Sonntagswetter

Rund 24 Grad, 22 km/h Windgeschwindigkeit und 20% Regenwahrscheinlichkeit sagen die Wetterfrösche für die Rennzeit voraus. Während Red Bull das Wetter wie immer egal ist, baut Ross Brawn auf ein Hitzerennen. "Hoffentlich wird es warm", wünscht er sich. "Hoffen wir, dass wir unsere Reifen dann gut konservieren und es ein gutes Rennen wird."

Wäre dem so, hätte Brawn keine Reifensorgen, da sowohl der weiche als auch der harte Reifen gut hielten. "Wir haben aber gesehen, dass einige Teams mit dem Option Probleme hatten, der hat nach fünf, sechs Runden nachgelassen. Bei uns waren sie in Ordnung." Jenson Button sieht sogar die Schwäche bei kühlen Bedingungen überwinden. "Am Samstag war es kühler, aber das Auto schien trotzdem gut zu arbeiten", so der Brite. "Die Pace ist vorhanden, wir müssen sie nur ausnutzen."

7. - S wie Spannung

Das könnte die Weltmeisterschaft noch einmal spannend machen.
Nico Rosberg

Nach den ersten Rennen schien die Saison langweilig zu werden. Button gewann ein Rennen nach dem anderen. Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. "Die Brawns scheinen nach hinten gefallen zu sein", analysierte Nico Rosberg. "Sie sind wie im letzten Rennen wieder hinter mir. Das könnte die Weltmeisterschaft noch einmal spannend machen, denn Red Bull steht auch vorne."

Auch Christian Danner hat eine klare Einschätzung: "Für die WM ist das gut, aber für Brawn GP ist es nur mittel." Die Überflieger der ersten Saisonhälfte geraten immer mehr unter Druck von Red Bull. "Für Sebastian Vettel sieht es gut aus", meint Marc Surer. "Wenn er einen guten Start hat, könnte es rosig für ihn werden, vor allem, weil Jenson Button so weit hinten startet."

Ganz vorne möchte Fernando Alonso die Flucht nach vorne suchen. Mit einer aggressiven Strategie fuhr er auf die Pole, "jetzt werden wir auch im Rennen angreifen", kündigte er an. Und dann gibt es noch McLaren. "Unser Ziel ist es ein Auto und idealerweise alle beide auf dem Podium zu sehen - das scheint möglich zu sein", sagte Martin Whitmarsh. Lewis Hamilton ging sogar noch weiter: "Sollten wir nach vorne kommen und eine gute Strategie haben, gibt es keinen Grund, warum wir nicht gewinnen könnten."


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